#Interview – „Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp“

Das junge Unternehmen Capacities, 2022 von Michael von Hohnhorst und Steffen Bleher in St. Wendel gegründet, möchte Menschen helfen, sich besser zu organisieren. „Vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen“, erklärt Gründer Bleher.

Derzeit verfügt das komplett gebootstrappte Unternehmen über rund 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. „Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell“, sagte der Jungunternehmer.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Capacities-Macher Bleher einmal ausführlich über den Stand der Dinge in seinem Unternehmen.

Wie würdest Du deiner Großmutter Capacities erklären?

Meiner Großmutter würde ich sagen: Wir helfen Menschen dabei, sich besser zu organisieren, vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen. Diese Jobs sind heute extrem anspruchsvoll geworden. Überall kommen enorme Mengen an Informationen zusammen: In der Forschung wird laufend Neues veröffentlicht, im Journalismus müssen große Informationsmengen schnell verstanden und eingeordnet werden, und in Unternehmen geht es um Aufgaben, Projekte, Entscheidungen, rechtliche Themen und die Koordination vieler Menschen. Früher hat man vieles davon mit Stift, Papier, Ordnern und Druckern organisiert. Heute kann man das digital deutlich besser lösen. Mit Capacities stellen wir ein Programm zur Verfügung, das Menschen hilft, Informationen, Gedanken, Entscheidungen und Arbeitskontexte so abzulegen, dass sie später wieder nutzbar sind. Es unterstützt sie, wenn sie etwas nicht im Kopf behalten können, auf frühere Entscheidungen zurückgreifen wollen oder aus allem, was sie gelesen und erarbeitet haben, etwas Neues schaffen müssen. Dafür haben wir Capacities gebaut: eine Denkumgebung, die Menschen hilft, ihre Wissensarbeit deutlich besser zu organisieren und sich auf ihre Kreativität und Innovation konzentrieren zu können.

War dies von Anfang an Euer Konzept?

Wir haben tatsächlich anders angefangen. Capacities ist aus der Uni heraus entstanden. Damals wollten wir ursprünglich den Bildungsbereich verändern, weil wir im Studium sehr spannende Technologien kennengelernt haben, während Lernen und Lehren selbst an Universitäten, aber natürlich auch an Schulen, oft noch sehr konventionell funktionieren. Wir haben beide Elektrotechnik und Informatik studiert und uns gefragt, wie man Technologie nutzen kann, um Lernen besser, interaktiver und kollaborativer zu machen. Mit dieser Idee sind wir gestartet: ein innovatives Modell, um Wissen zu organisieren, zu lernen und gemeinsam daran zu arbeiten. Mit der Zeit haben wir aber gemerkt, dass der Bildungsbereich, vor allem der institutionelle Bildungsbereich, für digitale Innovation extrem schwierig ist. Parallel hatten wir bereits ein Tool gebaut, das wir irgendwann einfach ins Internet gestellt und damals noch auf Twitter veröffentlicht haben. Wir haben sinngemäß gesagt: Wir haben eine neue Möglichkeit entwickelt, Informationen zu organisieren, und würden uns über Feedback freuen. Das hat sehr schnell Resonanz gefunden. Menschen haben darauf reagiert, fanden den Ansatz spannend und innovativ und haben das Produkt direkt ausprobiert. Kurz darauf hat auch ein mittelgroßer YouTuber ein Video über uns gemacht. Dadurch hatten wir innerhalb kurzer Zeit ein paar hundert Nutzerinnen und Nutzer. Ab diesem Moment haben wir uns konsequent auf diese User, ihre Bedürfnisse und ihre Probleme fokussiert. Aus diesem Prozess ist Capacities in der heutigen Form entstanden. Der Fokus lag am Anfang also auf Bildung. Heute ist Capacities breiter ausgerichtet: auf Wissensarbeit in sehr unterschiedlichen Bereichen.

Wie hat sich Capacities seit der Gründung entwickelt?

Seit der Anfangsphase sind wir kontinuierlich gewachsen, irgendwo zwischen linear und exponentiell. Wir haben Capacities komplett gebootstrapt. Das heißt: Wir hatten nie externes Funding und damit auch nie ein großes Marketingbudget, um Wachstum künstlich anzutreiben. Gewachsen sind wir vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute sind wir 6,5 Vollzeitkräfte und arbeiten remote verteilt in Europa. Wir haben ungefähr 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell. Unser bezahlter Plan heißt Capacities Pro und kann monatlich oder jährlich bezahlt werden. Heute sind wir als Unternehmen profitabel. Unser aktueller Fokus liegt darauf, das Wachstum zu professionalisieren und zu beschleunigen. Bisher sind wir in weiten Teilen organisch gewachsen, ohne viel dafür zu tun. Jetzt wollen wir diesen nächsten Schritt strukturierter angehen: Capacities stärker in den Mainstream bringen, das Tool für mehr Menschen zugänglich machen und die Einstiegshürden weiter senken. Solche Wachstumsschübe entstehen bei uns immer wieder aus echter Nutzung und Begeisterung heraus. Ein gutes Beispiel ist Casey Newton, Gründer und Editor von Platformer, früherer Silicon-Valley-Editor bei The Verge und Co-Host des New-York-Times-Podcasts Hard Fork. In einer Hard-Fork-Folge zu seinen Tech-Resolutions für 2026 hat er Capacities als zentralen Teil seines Produktivitätssystems beschrieben: für tägliches Journaling, leichtes Task-Management und als Ort, an dem journalistische Recherche-Notizen wieder auftauchen, wenn sie relevant werden. Für uns ist das ein perfektes Beispiel für organisches Wachstum: Ein sehr anspruchsvoller Nutzer findet echten Wert im Produkt, spricht öffentlich darüber, und daraus entsteht plötzlich ein spürbarer Wachstumsschub.

Ihr habt Capacities bisher ohne Fremdfinanzierung und Kapitalgeber aufgebaut. War dies von Anfang an eine bewusste Entscheidung?

In der sehr frühen Phase, als es noch um den Bildungsmarkt ging, haben wir natürlich auch über Investments nachgedacht. Je stärker wir uns aber in Richtung eines Tools für individuelle Knowledge Worker entwickelt haben, desto klarer wurde für uns, dass Fremdfinanzierung nicht der richtige Weg ist. Dafür gab es mehrere Gründe. Einerseits ist der B2C-Bereich generell schwierig, wenn es darum geht, großes Kapital einzusammeln. Andererseits war uns klar, dass man ein solches Produkt nicht über Nacht baut und dann sofort in große Märkte skaliert. Dafür braucht es viel Arbeit, viel Iteration und ein tiefes Verständnis für die Nutzerinnen und Nutzer. Für uns war deshalb der nachhaltige Weg der richtige: echten Wert schaffen, nah an den Usern bleiben und das Produkt Schritt für Schritt verbessern. Wenn das mit wenig oder gar keinem Kapital möglich ist, dann war es für uns die bessere Option. Bootstrapping bedeutet für uns auch, dass unsere wichtigsten Stakeholder die Nutzerinnen und Nutzer sind. Wir bauen in erster Linie für die Menschen, die Capacities täglich verwenden und durch ihr Abo finanzieren, nicht für Investoren oder die nächste Finanzierungsrunde. Das macht manche Entscheidungen vielleicht weniger spektakulär, aber oft klarer und langfristiger. Rückblickend hat sich diese Entscheidung ausgezahlt. Wir haben es nicht bereut, Capacities zu bootstrappen.

Wie war der Start ohne fremdes Geld – was geht recht einfach, was ist als Bootstrapping-Startup recht schwierig?

Der große Vorteil ist die Kontrolle. Man kann langfristig und nachhaltig denken, ohne von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu planen oder kurzfristige Kennzahlen optimieren zu müssen, nur um neues Kapital einzusammeln. Wir konnten uns vollständig darauf konzentrieren, echte Probleme unserer User zu lösen. Genau davon waren wir von Anfang an abhängig: Mögen Menschen das Produkt? Begeistert es sie? Und sind sie bereit, dafür zu zahlen? Das hat uns früh diszipliniert und stark gemacht. Unsere Mund-zu-Mund-Propaganda hat nur funktioniert, weil Menschen vom Produkt überzeugt waren und das Gefühl hatten: Da steckt etwas Besonderes dahinter. Das hat Potenzial. Ein weiterer Vorteil war, dass wir keine großen Mengen an Zeit in Pitch-Decks und Funding-Runden investieren mussten. Als zwei technische Gründer konnten wir uns sehr stark auf Produkt, Nutzerfeedback und direkte Interaktion konzentrieren. Die Kehrseite ist, dass man trotzdem im Wettbewerb mit anderen Unternehmen steht, teilweise mit sehr gut finanzierten. Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp. Das zwingt einen zu Effizienz, niedrigen Kosten und klaren Prioritäten. Gleichzeitig wird man dadurch manchmal konservativer, macht weniger Experimente und findet möglicherweise später heraus, welche Kanäle oder Ansätze wirklich funktionieren. Am Ende ist es immer eine Abwägung. Für uns war Bootstrapping richtig, aber es bedeutet auch, mit deutlich geringeren Budgets und weniger Spielraum gegen andere Unternehmen anzutreten.

Was rätst Du anderen Gründerinnen und Gründern, die sich für Bootstrapping entscheiden?

Ich würde zuerst sagen: Bootstrapping ist nicht grundsätzlich für jedes Startup die richtige Entscheidung. Es muss zum Markt, zur Geschäftsidee, zur Go-to-Market-Strategie und zum Gründerteam passen. Bei uns war Bootstrapping vergleichsweise naheliegend, weil wir Software bauen. Der Kapitalaufwand war dadurch überschaubar. Außerdem hatten wir die technischen Kernkompetenzen im Gründerteam. Wenn diese Kernressourcen nicht im Team vorhanden sind und man über mehrere Jahre Entwicklerinnen oder Entwickler anstellen muss, wird Bootstrapping deutlich schwieriger. Wenn Umfeld, Idee und Team passen, sind wir aber große Fans von Bootstrapping. Drei Denkimpulse finde ich besonders wichtig: Erstens: Ressourcen müssen extrem bewusst eingesetzt werden. Experimente sind teuer, wenn man deutlich weniger Mittel hat als die Konkurrenz. Deshalb muss man sich immer fragen: Wo haben wir den größten Hebel? Welcher Versuch kann uns wirklich weiterbringen? Das kann je nach Startup Marketing, Produkt, Validierung oder ein anderer Bereich sein. Zweitens: Früh zu monetarisieren ist sehr wertvoll. Umsatz verlängert nicht nur die Runway, sondern liefert auch extrem klares Feedback. Wenn Menschen bereit sind, für ein Produkt zu zahlen, ist das einehs der stärksten Signale für Product-Market-Fit. Als Bootstrap-Startup wird man ohnehin früh an diesen Punkt gedrängt. Das kann ein Vorteil sein, weil man schneller erfährt, ob die Idee wirklich trägt. Drittens: Bootstrapping ist eher ein Marathon als ein Sprint. Wir haben einige Wettbewerber kommen und gehen sehen. Finanzierte Startups können am Anfang schneller wirken, aber ein gebootstrapptes Unternehmen kann relativ früh profitabel werden und dadurch langfristig sehr stabil sein. Dieses Setup kann ein großer Vorteil sein, wenn man bereit ist, konsequent und geduldig daran zu arbeiten. Außerdem haben wir auch gelernt: Mancher Startup-Rat aus dem Silicon Valley, der für VC-finanzierte Startups gilt, gilt deshalb nicht automatisch für Bootstrap-Startups. Man braucht ein anderes Tempo, andere Maßstäbe und teilweise auch andere Entscheidungen.

Blick bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schiefgegangen?

Ehrlich gesagt ist bei uns nichts fundamental schiefgegangen. Aber wir haben natürlich tausende Fehler gemacht. Zwei der größten waren die folgenden. Der erste Fehler war, dass wir zu spät an den Markt gegangen sind. Gerade am Anfang im Bildungsbereich haben wir viele Gespräche geführt, aber das Produkt nicht früh genug echten Nutzerinnen und Nutzern gegeben. Wir haben zu spät gesagt: Hier ist das Produkt, nutzt es, gebt uns Feedback. Dadurch hat sich der Weg zur Validierung deutlich verzögert. Wir haben Zeit und Ressourcen in Entscheidungen investiert, die nicht stark genug auf Marktsignalen oder echtem User-Feedback basierten. Das würden wir heute früher und direkter machen. Der zweite Fehler war, dass wir Technologie zu stark in den Vordergrund gestellt haben. Als technisches Gründerteam war das naheliegend, aber im Nachhinein nicht immer richtig. Wir haben uns am Anfang für eine Datenbank-Technologie entschieden, die sehr innovativ und besonders wirkte, bei der Skalierung mit Zehntausenden Usern aber keinen echten Vorteil gebracht hat. Der spätere Wechsel auf eine Standard-Datenbank-Technologie war ein sehr komplexer Migrationsprozess, der uns viel Zeit und Ressourcen gekostet hat. Unsere Annahme, dass uns diese besondere Technologie einen Vorteil verschafft, hat sich nicht bestätigt. Heute würden wir in solchen Bereichen stärker auf bewährte, einfache Technologien setzen, die seit Jahren funktionieren. Das haben wir auf die harte Weise gelernt. Inzwischen sind wir dadurch aber sehr gut aufgestellt.

Wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?

Unser größter Erfolgsfaktor war der enge Kontakt zu unseren Nutzerinnen und Nutzern. Wir haben früh sehr genau zugehört und diese Nähe über die Zeit konsequent ausgebaut. Die ersten starken Signale für Product-Market-Fit kamen genau daher: Menschen haben uns seitenlange E-Mails geschrieben, was sie an Capacities begeistert, was sie stört und was sie sich wünschen. Wir haben diese Signale ernst genommen und daraus viel für das Produkt und den Markt gelernt. Heute haben wir eine Discord-Community mit über 10.000 aktiven Mitgliedern, ein sehr reges Feedback-Board und eine offene Kommunikation mit unserer Community. Wir kombinieren dieses Feedback mit unserer eigenen Produktvision. Dieser Austausch hat sich als enorm wertvoll erwiesen. Das sieht man bis heute an vielen ungefragten Rückmeldungen. Immer wieder schreiben Nutzerinnen und Nutzer öffentlich oder direkt an uns, dass Capacities für sie nach vielen Versuchen mit Tools wie Notion oder Obsidian zum ersten System geworden ist, das wirklich zu ihrer Arbeitsweise passt. Solche Stimmen sind für uns oft wertvoller als jede abstrakte Metrik, weil sie zeigen, dass das Produkt im Alltag tatsächlich etwas verändert. Auch eine schwierige Phase auf dem Weg von wenigen Usern zu einem wettbewerbsfähigen Produkt konnten wir durch diesen Enthusiasmus und die Unterstützung unserer Community überbrücken. Als uns das Geld knapp wurde, haben wir einen Believer-Plan eingeführt. Das war ein bezahlter Plan ohne zusätzliche Features. Die Botschaft war: Wenn ihr gut findet, was wir machen, und wollt, dass es dieses Projekt weiter gibt, dann unterstützt uns. Das hat außergewöhnlich gut funktioniert. Innerhalb weniger Tage hat die initiale Kampagne rund 1.000 bis 2.000 Euro MRR erzeugt, und danach ist der Plan weiter gewachsen. Für uns, direkt nach dem Studium, war das ein echter Wow-Moment: Menschen zahlen, ohne unmittelbar zusätzliche Features zu bekommen. Das hat uns sehr berührt und beeindruckt, weil es gezeigt hat, dass wir etwas geschaffen hatten, das Menschen so wertvoll fanden, dass sie es freiwillig finanziell unterstützen wollten. In gewisser Weise hat genau das Capacities möglich gemacht. Diese Haltung zieht sich bis heute durch. Wir hören genau zu, fragen aktiv nach und bleiben eng mit der Community verbunden. Das macht die User zufriedener und reduziert zugleich die Gefahr, am Markt vorbei zu entwickeln. Dieser enge Austausch ist bis heute unser wichtigstes Erfolgsrezept.

Wo steht Capacities in einem Jahr?

In einem Jahr wollen wir DIE relevante Alternative zu Notion, Obsidian und Evernote im Bereich Personal Knowledge Management sein. Gleichzeitig wollen wir mehr sein als nur eine Alternative. Der Unterschied ist, dass wir eine Umgebung schaffen, die den Menschen und seine Arbeitsweise ins Zentrum stellt und einfach funktioniert. Man landet nicht vor einem blanken Blatt, muss nicht erst ein System aufsetzen, Datenbanken bauen oder Plugins installieren, bevor echter Nutzen entsteht. Capacities nimmt einem viele dieser Entscheidungen ab, denkt Struktur und Kontext automatisch mit und unterstützt die Arbeit, statt sie komplizierter zu machen. Software sollte sich nicht wie ein starres System anfühlen, in das man seine Gedanken pressen muss. Sie sollte Menschen dort abholen, wo ihre Arbeit entsteht, und ihnen helfen, daraus bessere Ergebnisse zu machen. Gleichzeitig wollen wir die nächste Wachstumsstufe erreichen: das Team vergrößern, Capacities für mehr Menschen zugänglich machen und führende KI-Technologie für Wissensarbeit anbieten. Wir sind ein kleines Team, aber sehr motiviert. Wir haben richtig Lust auf das, was vor uns liegt, und freuen uns auf alles, was kommt.

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Foto (oben): Capacities

#Interview – „Man lernt unglaublich viel, auch über sich selbst“

#Interview

Bereits seit sechs Jahren arbeiten Lucas Rößler und Fabian Beulke an Cleverklagen. “Von Anfang an haben wir ohne Investoren gearbeitet. Das hat uns früh gezwungen, wirtschaftlich zu denken und schnell profitabel zu werden”, erzählt Gründer Rößler.

„Man lernt unglaublich viel, auch über sich selbst“

Dienstag, 9. Juni 2026VonAlexander

Bei Cleverklagen aus Berlin, 2020 von Lucas Rößler und Fabian Beulke gegründet, dreht sich alles um Arbeitsrecht. Das Team unterstützt etwa Arbeitnehmer:innen bei Kündigungen, Aufhebungsverträgen und Abfindungsverhandlungen. Derzeit wirken 16 Mitarbeitende für das LegalTech.

„Wir sind froh, das Unternehmen ohne externe Investoren aufgebaut zu haben. Das gibt uns die Freiheit, unternehmerische Entscheidungen so zu treffen, wie wir es für richtig halten, ohne Kompromisse eingehen zu müssen“, sagt Gründer Lucas Rößler.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der Cleverklagen-Macher einmal ausführlich über den Stand der Dinge in seinem gebootstrappten Unternehmen.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Cleverklagen erklären?

Stell Dir vor, Du hast Streit mit Deinem Arbeitgeber, zum Beispiel wirst Du ungerechtfertigt gekündigt oder bekommst Lohn, der Dir zusteht, einfach nicht ausgezahlt. In so einer Situation wäre ein guter Anwalt Gold wert, aber die sind oft teuer, und den Richtigen zu finden ist gar nicht so einfach. Genau da helfen wir. Wir bringen Dich mit erfahrenen Anwält:innen zusammen, die Dich umfassend beraten und, wenn nötig, Deine Rechte auch vor Gericht durchsetzen. Damit sie sich voll auf Deinen Fall konzentrieren können, übernehmen wir im Hintergrund den ganzen organisatorischen und bürokratischen Aufwand. Das Gute daran: Du musst nichts vorstrecken. Wir übernehmen die Anwaltskosten vollständig. Nur wenn am Ende wirklich etwas für Dich herausspringt, zum Beispiel in Form von einer Abfindung, behalten wir einen kleinen Anteil davon. Geht es nicht gut aus, kostet Dich das gar nichts. So bekommst Du Zugang zu Top-Anwälten zu fairen Bedingungen, denn eine umfassende juristische Beratung sollte kein Privileg sein, das nur wenige sich leisten können. 

War dies von Anfang an euer Konzept?

Ja, das war von Anfang an unsere Idee. Als erfahrene Anwälte haben wir selbst in großen internationalen Kanzleien gearbeitet. Wir wussten daher genau, wo der Schuh drückt – für Mandanten und für Anwälte gleichermaßen. Natürlich haben wir auf dem Weg viel gelernt, aber die Grundidee hat sich nie verändert. Und heute können wir stolz sagen: Diese Idee ist aufgegangen.

Wie hat sich Cleverklagen seit der Gründung entwickelt?

Angefangen haben wir ganz klein: ein kleines Büro in Charlottenburg, mitten in der Pandemie. Vieles lief damals noch manuell, was viel Zeit und Einsatz gekostet hat. Trotzdem war es eine intensive und prägende Zeit, an die wir gerne zurückdenken. Von Anfang an haben wir ohne Investoren gearbeitet. Das hat uns früh gezwungen, wirtschaftlich zu denken und schnell profitabel zu werden. Im Nachhinein war das ein Vorteil: Es hat uns eine stabile Basis gegeben, auf der wir seither kontinuierlich wachsen. Heute sind wir 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, stellen regelmäßig neue Leute ein, bearbeiten von Jahr zu Jahr deutlich mehr Fälle und steigern sowohl Umsatz als auch Kundenzahl jährlich um rund 50 %.

Was war zuletzt das Highlight bei Euch?

Eines unserer jüngsten Highlights ist der Launch unseres Ratgeber-Bereichs. Auf unserer Website können sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab sofort einfach und verständlich über ihre Rechte informieren, ganz ohne kompliziertes Juristendeutsch. Das war uns von Anfang an ein echtes Herzensthema und wir arbeiten kontinuierlich daran, neue Artikel hochzuladen.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schiefgegangen?

Natürlich passieren laufend Fehler oder man denkt hinterher, dass etwas besser hätte laufen können. Das gehört einfach dazu und ist auch wichtig, um sich weiterzuentwickeln. Wenn wir zurückblicken, gibt es aber nicht wirklich etwas Wichtiges, wo wir sagen: Das ist komplett schiefgegangen. Was uns dabei geholfen hat: Wir haben uns als Gründerteam immer eng abgestimmt und keine Alleingänge gemacht. Jede wichtige Entscheidung ging durch mindestens zwei Köpfe. Das klingt banal, hat aber in der Praxis viel aufgefangen.

Und wo hat Ihr bisher alles richtig gemacht?

Besonders stolz sind wir auf unser Team. Wir hatten von Anfang an ein gutes Gespür dafür, wen wir einstellen wollen, und das zahlt sich aus: Jede und jeder Einzelne leistet hier wirklich viel, und die meisten sind auch schon lange mit dabei. Die familiäre Atmosphäre ist uns wichtig und kein Zufall – wir arbeiten aktiv daran, sie so zu erhalten. Außerdem sind wir froh, das Unternehmen ohne externe Investoren aufgebaut zu haben. Das gibt uns die Freiheit, unternehmerische Entscheidungen so zu treffen, wie wir es für richtig halten, ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?

Erstens: Sucht euch ein Thema, für das ihr wirklich brennt. Der Aufwand, ein Unternehmen aufzubauen, ist enorm. Da muss man vollständig dahinter stehen, sonst hält man es nicht durch. Zweitens: Seid mutig. Eine Gründung ist ein Sprung ins kalte Wasser und ja, ein echtes Risiko. Aber man wird dafür belohnt: Man lernt unglaublich viel, auch über sich selbst. Also traut euch, probiert es aus!

Wo steht Cleverklagen in einem Jahr?

Wir wollen unser starkes Wachstum der letzten Jahre fortsetzen und gleichzeitig unser Angebot über das Arbeitsrecht hinaus auf weitere Rechtsgebiete ausweiten. Überall dort, wo Menschen wirklich Hilfe brauchen und sich diese oft nicht leisten können, wollen wir aktiv sein. Das Ziel bleibt dasselbe: das Recht für alle zugänglich machen.

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Foto (oben): Cleverklagen

#Interview – „Damit wären wir eine der erfolgreichsten jungen Firmen Berlins“

Das 2020 gegründete Berliner Casual-Gaming-Startup JustPlay wanderte kürzlich unter das Dach von NCSoft. Der koreanische Videospielentwickler übernahm die Mehrheit (70 %) am Hidden Champion aus der Hauptstadt. Der Kaufpreis: 202 Millionen US-Dollar.

JustPlay, von den ehemaligen AppLovin-Mitarbeitern Carl Livie, Gil Mincberg und Mirko Aquaro gegründet, erreicht mit seinen rund 40 Spielen nach eigenen Angaben derzeit mehr als 25 Millionen Spielerinnen und Spieler. Vor allem in den USA ist JustPlay eine große Nummer.

Der gebootstrappte Games-Champion, der eine Loyalty-Gaming-App betreibt, erwirtschaftete 2025 rund 172,8 Millionen Dollar Umsatz und 19,1 Millionen Gewinn. Für das laufende Jahr peilt das Team 300 Millionen US-Dollar Umsatz an. Derzeit arbeiten rund 110 Mitarbeitende für JustPlay.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Gründer Carl Livie einmal ausführlich über die Geschichte von JustPlay.

Wie würdest Du Deiner Großmutter JustPlay erklären?

Ich würde meiner Oma wahrscheinlich sagen: Stell dir vor, du spielst ein Spiel auf dem Handy und statt nur Zeit zu vertreiben, bekommst du am Ende auch noch etwas dafür zurück. Dann würde sie vermutlich fragen: „Also bezahlt ihr Leute fürs Daddeln?“ Und ich würde sagen: Im Prinzip ja, aber die Technik dahinter würde sie beim Kaffee eher langweilen. Aber um ihr zu helfen, das einzuordnen, sage ich immer: Mobile Gaming ist die größte Entertainment Kategorie der Welt. Jeden Tag spielen eine Milliarde Menschen Spiele auf dem Handy. Wir geben Spieler:innen einfach was dafür, was sie sowieso machen würden und machen das Ganze fairer und lustiger. Die einfache Idee ist: Wenn Menschen Zeit in digitalen Produkten verbringen, verdienen andere daran mit, zum Beispiel über Werbung. Wir bauen JustPlay so, dass auch die Spieler:innen etwas davon zurückbekommen. Einfach und ohne komplizierte Regeln. Am Ende müssen Nutzer:innen verstehen, wie etwas funktioniert und was sie bekommen. Egal, um welches Produkt es geht. Genau deshalb ist Vertrauen für unser Modell so wichtig. Am wichtigsten ist es aber, dass es dabei auch noch Spaß macht. Niemand wird reich über die Rewards, aber die Rewards geben dem ganzen Spielerlebnis noch eine weitere spannende Entertainment Dimension. 

War dies von Anfang an Euer Konzept?

Der Fairness halber, muss ich erstmal festhalten, dass meine Mitgründer und ich ungefähr 20 Apps gebaut haben, die nix geworden sind, aber daraus entstand dann JustPlay. Aus diesem Prozess entwickelte sich aber eine Grundüberzeugung: Wir wollten ein Produkt bauen, bei dem Spieler:innen stärker an dem Wert beteiligt werden, den sie durch ihr Engagement schaffen. Am Anfang sieht man vor allem das sichtbare Produkt: Nutzer:innen spielen und erhalten Rewards. Das Entscheidende passiert jedoch im Hintergrund. Damit Rewards langfristig funktionieren und Nutzer:innen wiederkommen, müssen viele Teile sehr eng zusammenspielen: die App, die Games, Monetarisierung, Growth, Adtech, Fraud Prevention, Daten, Auszahlungen und natürlich die User Experience. Wir haben gelernt, dass wir nicht einfach ein Rewards-Feature bauen, sondern ein voll integriertes Ecosystem, in dem der Value Flow nachhaltig funktionieren muss.

Wie genau ist die Idee zu JustPlay entstanden?

Die Idee entstand aus einer Beobachtung, die uns in der Mobile-Gaming- und Adtech-Welt immer wieder begegnet ist: Es gibt sehr viel Wert in diesem Markt, aber er ist nicht besonders fair verteilt. Milliarden Menschen spielen Mobile Games. Advertiser zahlen dafür, diese Nutzer:innen zu erreichen. Games Publisher stehen gleichzeitig unter hohem Druck, weil User Acquisition immer teurer wird. Und die Nutzer:innen selbst bekommen oft nur sehr wenig davon zurück, obwohl ihr engagement die Grundlage des gesamten Systems ist. Wir haben uns gefragt: Was wäre, wenn man dieses Modell anders baut? Was wäre, wenn Rewards nicht nur ein Add-on sind, sondern ein zentraler Teil der User Experience?  Kombiniert mit vielen Adtech Learnings bei AppLovin entstand dann JustPlay.

Wie hat sich JustPlay seit der Gründung entwickelt?

Wir haben JustPlay 2020 gegründet und das Unternehmen seitdem von einer Idee zu einer der skaliertesten Plattform für rewarded gaming entwickelt. Heute sind wir in mehr als 25 Ländern aktiv, haben über 25 Millionen Downloads erreicht und mehr als 200 Millionen US-Dollar an Nutzer:innen ausgezahlt. Gleichzeitig haben wir ein Portfolio von über 40 Casual Mobile Games aufgebaut. Bisschen konkreter: In 2026 werden wir gut über 300 Millionen US-Dollar Umsatz machen, wachsen über 80 % year over year und haben eine sehr nachhaltige EBIT Marge. Unser Team ist um die 110 Leute global, mit circa 50 in unserem HQ in Berlin. Wir sind auch sehr stolz auf unseren Umsatz und Ebit pro Kopf, was nur in einer sehr flachen und impact orientierten Teamstruktur funktioniert. Wir Founder sind sehr nah am Produkt, Engineering und im Marketing, was viel Spaß macht, aber auch den Vorteil bringt, dass das Team immer an den Themen arbeitet, die unserer Meinung nach am meisten Business Impact haben. Für mich ist dabei aber nicht nur die Größe entscheidend, sondern die Qualität des Systems dahinter. Wir haben JustPlay bewusst als integriertes Modell aufgebaut mit Teams aus Produkt, Engineering, Adtech, Data, Growth, Gaming und Payments, die gemeinsam daran arbeiten, dass der Wert für Nutzer:innen klar und verlässlich bleibt. Und bei aller Technologie darf man eines nicht vergessen: Es muss auch für die Spieler Spaß machen. Wenn das Produkt nicht unterhält, funktioniert auch das beste Reward-Modell nicht langfristig.

Gerade habt Ihr die Mehrheit an NCSoft verkauft. Wie geht es nun weiter?

Für uns ist das kein Endpunkt, sondern der nächste Schritt. Mit NCSoft haben wir einen Partner an unserer Seite, der tiefes Gaming-Know-how, globale Erfahrung und langfristige Produktperspektive mitbringt. Für JustPlay bedeutet das: Wir haben hier jetzt eine technologisch führende und legendäre Gaming Firma an unserer Seite und können unsere Mission schneller und größer denken. Unser Fokus bleibt derselbe: Wir wollen die Rewards Engine für Mobile Gaming weiter ausbauen und zeigen, was rewarded engagement über Gaming hinaus werden kann.

Ihr habt JustPlay ohne Fremd-Finanzierungen und Kapitalgeber aufgebaut. War dies von Anfang an eine bewusste Entscheidung?

Ja, es war bewusst, aber nicht aus Prinzip gegen Venture Capital. Für unser Modell war es wichtig, von Anfang an wirtschaftlich diszipliniert zu bauen. Rewards funktionieren nur, wenn das Geschäftsmodell dahinter nachhaltig ist. Man kann in diesem Bereich sehr schnell wachsen, aber wenn der Value Flow nicht trägt, verliert man Vertrauen. Und Vertrauen ist in unserem Modell zentral. Bootstrapping hat uns gezwungen, früh auf echte Unit Economics, Produktfunktionalität und nachhaltiges Wachstum zu achten. Das war manchmal sicher unbequem, aber es hat auch die Kultur von JustPlay geprägt. Wir mussten sehr klar priorisieren, testen, schnell reagieren und konnten nicht einfach Wachstum einkaufen, ohne zu verstehen, ob das System wirklich funktioniert. Ich würde aber nicht sagen, dass Bootstrapping immer besser ist. Es muss zum Geschäftsmodell, zum Markt und zum Gründerteam passen.

Was rätst Du anderen Gründer:innen, die sich für Bootstrapping entscheiden?

Erstens: Bootstrapping klingt von außen oft unabhängiger, als es sich im Alltag anfühlt. Man hat keine Investoren, aber trotzdem sehr reale Zwänge: Cashflow, Profitabilität, Timing etc. Zweitens: Sehr früh verstehen, wo wirklich Value entsteht. Jede Entscheidung muss nah am Produkt, am Geschäftsmodell sein. Wir haben uns jeden Tag gefragt: Does it make us more money tomorrow? Drittens: Ein Team bauen, das mit Ambiguität umgehen kann, aber gleichzeitig pragmatisch bleibt. Man kann nicht alles gleichzeitig machen, also muss man sehr bewusst entscheiden, was man macht und was nicht. Wichtig ist, dass auch das ganze Team so gezwungen ist, tief in den Daten und im Produkt zu sein, um jeden Tag neue Innovationen zu pushen. Und zuletzt: Entscheidend ist nicht, ob man mit oder ohne externes Kapital startet, sondern ob man ein Modell baut, das langfristig funktioniert.

Wo steht JustPlay in einem Jahr?

In mehr Märkten mit besseren Produkten, einem stärkeren Games-Portfolio und einer weiter verbesserten Reward Experience für Nutzer:innen. Gleichzeitig wollen wir weiter daran arbeiten, was rewarded engagement über Gaming hinaus bedeuten kann. Rewarded Gaming boomt und wächst als Kategorie viel schneller als der Rest der Gaming Industrie. Wir sehen hier eine riesige Chance mit unserer uniquen integrierten Platform klar als Leader herauszukommen. Wir sind ein ambitioniertes Team: 500 Millionen Annual Run Rate Ende 2027 sind erreichbar! Glaube damit wären wir eine der erfolgreichsten jungen Firmen Berlins. Ich glaube, der größere Trend ist, dass Nutzer:innen immer genauer verstehen wollen, welchen Wert sie für digitale Plattformen schaffen und was sie dafür zurückbekommen. JustPlay steht genau an dieser Schnittstelle. In einem Jahr wollen wir noch klarer zeigen, dass Rewards nicht nur ein Growth-Mechanismus sind, sondern ein nachhaltiger Bestandteil digitaler Nutzererlebnisse werden können.

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Foto (oben): JustPlay

#DealMonitor – NCSoft kauft JustPlay – Schwabe Group übernimmt NeuroNation – NVision bekommt 55 Millionen

#DealMonitor

#DealMonitor NCSoft kauft Mehrheit des Hidden Champions JustPlay (Kaufpreis: 202 Millionen) Schwabe Group übernimmt die Mehrheit an NeuroNation NVision bekommt 55 Millionen Clera erhält 3 Millionen Regulate sammelt 1,4 Millionen ein

NCSoft kauft JustPlay – Schwabe Group übernimmt NeuroNation – NVision bekommt 55 Millionen

Mittwoch, 13. Mai 2026VonTeam

Im #DealMonitor für den 13. Mai werfen wir einen Blick auf die wichtigsten, spannendsten und interessantesten Investments und Exits des Tages in der DACH-Region. Alle Deals der Vortage gibt es im großen und übersichtlichen #DealMonitor-Archiv.

STARTUPLAND 2027: SAVE THE DATE

The next unicorn? You’ll meet it at STARTUPLAND

Du hast unsere phänomenale dritte STARTUPLAND verpasst? Dann trage Dir jetzt schon einmal unseren neuen Termin in Deinen Kalender ein: Die nächste STARTUPLAND findet am 10. März 2027 statt. Mehr über Startupland

INVESTMENTS

NVision

Das Diagnostik- und Medizintechnikunternehmen Abbott, Playground Global, Matterwave Ventures, b2venture und Entrée Capital investieren 55 Millionen US-Dollar in NVision. Das Startup aus Ulm, 2015 von den Ulmer Quantenphysikern Martin Plenio und Fedor Jelezko sowie Alex Retzker von der Hebrew University of Jerusalem gegründet, entwickelt Quantentechnologien für die Medizin. Insgesamt flossen bereits 120 Millionen in das Unternehmen. Mehr über NVision

Clera

Der amerikanische Investor 1984 Ventures, Deel Ventures und Business Angels investieren 3 Millionen US-Dollar in Clera. Das deutsch-amerikanische Startup (San Francisco, Berlin), 2025 von Alexander Farr, Sebastian Scott und Daniel Wintermeyer gegründet, vermittelt Bewerberinnen und Bewerber direkt an Unternehmen. „Statt sich durch ATS-Systeme zu bewerben, erhalten Kandidat:innen eine Auswahl hochrelevanter, warmer Kontakte. Auf Unternehmensseite entfällt aktives Sourcing“, heißt es zum Konzept. Mehr über Clera

Regulate 

Der niederländische Impact-Investor 4impact Capital sowie Business Angels wie Hanno Renner, Michael Wax, Marlena Hien und Felix Haas investieren 1,4 Millionen Euro in Regulate. Das Münchner Startup, 2024 von Peter van Woerkum und Paul Laechelin gegründet, möchte „gesunde, leistungsstarke Organisationen mit einer auf den Arbeitsalltag zugeschnittenen Atemarbeit unterstützen“. Mehr über Regulate

MERGERS & ACQUISITIONS

NCSoft JustPlay 

Der koreanische Videospielentwickler NCSoft übernimmt die Mehrheit (70 %) am 2020 gegründeten Berliner Casual-Gaming-Startup JustPlay. Der Kaufpreis beträgt 202 Millionen US-Dollar. Der gebootstrappte Hidden Champion aus der deutschen Hauptstadt, der eine Loyalty-Gaming-App betreibt, erwirtschaftete 2025 rund 172,8 Millionen Dollar Umsatz und 19,1 Millionen Gewinn. „Following rapid growth beginning in 2025, JustPlay is projected to generate USD 65.2 million in revenue and USD 7.5 million in operating profit in the first quarter of 2026. For the full year 2026, the company is expected to reach USD 325 million in revenue and USD 40 million in operating profit“, heißt es in einer Presseaussendung zur Übernahme. JustPlay, von den ehemaligen AppLovin-Mitarbeitern Carl Livie, Gil Mincberg und Mirko Aquaro gegründet, erreicht mit seinen rund 40 Spielen nach eigenen Angaben derzeit mehr als 25 Millionen Spielerinnen und Spieler. Zum Konzept schreibt das Team: „JustPlay invented a new category-defining business model: a closed-loop rewards ecosystem that transforms player engagement into real-world value“. Vor allem in den USA ist JustPlay eine große Nummer. Die beiden Gründer Livie und Mincberg hielten vor der Übernahme über mehrere Investmentvehikel zusammen 72 % an ihrem Unternehmen. Mitstreiter Aquaro war mit 23,6 % an Bord. Mehr über JustPlay

Schwabe GroupNeuroNation

Die Karlsruher Schwabe Group, ein Unternehmen für Gesundheitslösungen, übernimmt die Mehrheit am Berliner HealthTech-Unternehmen Synapticon, zu dem die Brain-Training-App NeuroNation und die digitale Gesundheitsanwendung NeuroNation MED gehören, ein. „Durch diese strategische Partnerschaft gewinnen wir einen langfristig orientierten Partner, der unsere Leidenschaft für digitale Innovation im Gesundheitswesen teilt“, heißt es in einer Presseaussendung. Das Berliner Startup, 2011 von Ilya Shabanov und Rojahn Ahmadi gegründet, erreicht derzeit „30 Millionen Nutzende in 150 Ländern“. Der französische Investor Impact Partners hielt zuletzt rund 39,6 % an Synapticon. Die Schwabe Group übernahm zuletzt erst die Mehrheit an Braineffect, einer Jungfirma für Nahrungsergänzungsmittel. Mehr über NeuroNation

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): azrael74

#Gastbeitrag – So funktioniert Selfpublishing als Bootstrapping-Projekt

#Gastbeitrag

Viele Gründerinnen und Gründer träumen von einem eigenen Buch. Ich entschied mich bewusst fürs Selfpublishing. Nicht nur wegen der besseren Konditionen, sondern vor allem wegen der Kontrolle über Inhalte, Prozesse und Tempo. Ein Gastbeitrag von Marvin Behrendt.

So funktioniert Selfpublishing als Bootstrapping-Projekt

Freitag, 17. April 2026VonTeam

Wie viele andere Gründer:innen hatte ich den Traum, ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Umso größer war meine Freude, als ein Verlag über meine Inhalte als Feedbackdoktor auf LinkedIn auf mich zukam. Mein Exposé für ein Feedbackbuch wurde angenommen und kurz darauf bekam ich das Vertragsangebot.

Meine Augen leuchteten – bis ich den Vertrag genauer las. Zwei Punkte fühlten sich nicht richtig an. Gespräche mit einem Anwalt und einem erfahrenen Autor bestätigten dieses Gefühl.

Also traf ich eine Entscheidung, die mir wehtat: Ich lehnte das Angebot ab.

Nach einer unruhigen Nacht stand meine Entscheidung fest: Ich würde das Buch auch ohne diesen Verlag herausbringen.

Und damit stellte sich eine neue Frage: Verlag oder Selfpublishing?

Ich entschied mich bewusst gegen den nächsten Verlagsversuch und für das Selfpublishing. Nicht nur wegen der besseren Konditionen (25 bis 30 % statt 8 bis 12 % Tantieme für die Printversion), sondern vor allem wegen der Kontrolle über Inhalte, Prozesse und Tempo.

Mein Ziel war klar: Ich wollte dieses Buch wie ein gebootstrapptes Startup aufbauen.

Also so viel wie möglich selbst machen, regelmäßig Feedback aus der Community holen, schnell umsetzen und ohne fremdes Kapital arbeiten.

Drei Dinge, die ich dabei gelernt habe.

1. Auffallen ist nicht dasselbe wie funktionieren.

Ich wollte ein Cover, das beim Scrollen auf einer Online-Plattform auffällt – und bekam vernichtend schlechtes Feedback zu Entwürfen, die mit Filmgenres spielten. Ob Horror, Western, Fantasy oder Science Fiction: In meiner LinkedIn-Testgruppe fielen alle Designs durch.

Die besten Bewertungen bekamen ausgerechnet die Entwürfe, die am klassischsten waren. Also entschied ich mich für ein klassisches Cover: ein Mintton aus meinem Corporate Design und ein Schriftzug, der auch als Thumbnail funktioniert.

2. Ein Produkt ist erst fertig, wenn die Balance stimmt.

Ich hatte ein Inhaltsverzeichnis, zu dem ich gutes Feedback bekam – und eine Buchversion, die genau dazu passte.

Und trotzdem stimmte etwas nicht: die Balance. Zwei Kapitel waren deutlich länger als die anderen. In anderen war die Theorie etwas kurz oder die konkreten Leitfragen fehlten.

Also schmiss ich den fertigen Testdruck weg und strukturierte das Buch neu – so lange, bis es sich ausgewogen anfühlte. Dann bestellte ich einen neuen Testdruck.

3. KI ist ein Beschleuniger – und manchmal der schlechteste Mitarbeiter im Team.

Für mein Buch war KI an vielen Stellen eine echte Beschleunigung. Alle Cover-Entwürfe entstanden schnell und auf einem guten Niveau. Auch bei der Landing Page half mir die KI, die Struktur zu entwickeln und Mockups zu erstellen, die ich direkt an meinen ITler weitergeben konnte.

Bei strategischen Fragen zur Vorbestellungsphase lieferte sie mir jedoch Antworten, die sich plausibel anhörten, aber schlicht falsch waren. Ich plante mit vergünstigten E-Books und Unternehmenspaketen – bis ich merkte, dass ersteres wegen einer Preisschwelle bei den Tantiemen keinen Sinn machte und letzteres auf der Plattform bei Vorbestellungen so gar nicht möglich ist.

Und bei einer Aufgabe trieb sie mich zur Weißglut: den Icons für meine Produktseite. Ich wollte bestehende Entwürfe sauber nachbauen lassen – und bekam stattdessen 30 Minuten lang Ausreden und Ergebnisse, die auf dem Niveau eines Kindergartenkindes waren.

In einem echten Team hätte ich diesen Mitarbeiter vermutlich entlassen. Bei der KI öffnete ich einen neuen Chat – und bekam zehn Minuten später genau die Ergebnisse, die ich brauchte.

Mein Launch: 100 Bücher pro Monat – ohne Werbebudget

Am 21.04.26 erscheint mein Buch „Feedback sicher geben und nehmen“ – passend zum Bootstrapping-Ansatz ohne großes Werbebudget.

Mein Ziel ist es, bis zum Jahresende jeden Monat mindestens 100 Bücher zu verkaufen.

Der Fokus liegt dabei auf zwei Hebeln: Unternehmenspakete und Inhalte.

Auf LinkedIn werde ich den Launch gemeinsam mit den Gastautor:innen aus dem Buch spielen. Ergänzend starte ich für drei Monate ein TikTok-Experiment – beginnend bei null Follower:innen.

Offline nutze ich klassische Wege wie Lesungen, Workshops und Aushänge bei Kooperationspartnern mit Laufkundschaft.

Langfristig ist das Buch für mich kein Endprodukt, sondern die inhaltliche Basis für den nächsten Schritt: eine KI-gestützte Feedback-App, mit der man Feedbackgespräche im Alltag strukturiert vor- und nachbereiten kann.

Ob ich das Buch wieder als Bootstrapping-Projekt aufziehen würde? Unbedingt. Ob sich der ganze Aufwand auch gelohnt hat? Frag mich in drei Monaten nochmal. Dann können wir über die ersten Zahlen reden.

Tipp: So bauen Gründer:innen mit einem eigenen Buch Sichtbarkeit auf

Über den Autor

Dr. Marvin Behrendt ist Coach, Speaker, Autor und Beirat. Als Feedbackdoktor begleitet er Fach- und Führungskräfte dabei, ihre Kommunikation zu reflektieren sowie Beziehungen und Prozesse bewusst zu gestalten. Er lebt mit seiner Patchworkfamilie am Niederrhein und im Ruhrgebiet.

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Foto (oben): Shutterstock

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