#Gastbeitrag – Die Mischung machts: Bootstrapping und Investitionen kombiniert

#Gastbeitrag

Aus der Not heraus setzen Gründer:innen auf Bootstrapping, bevor sie mit Investitionen das Geschäftswachstum beschleunigen. Das hat einige Vorteile. Außen vor bleiben kapitalintensive Geschäftsmodelle. Ein Gastbeitrag von Florian Bogenschütz.

Die Mischung machts: Bootstrapping und Investitionen kombiniert

Montag, 28. Oktober 2024VonTeam

Nach der zündenden Idee und den ersten “Gehversuchen” stellt sich Gründer:innen die Frage nach der Finanzierung. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig und laufen doch meist auf zwei Optionen hinaus – Bootstrapping oder Investment. Aber warum wählen, wenn beide zusammen zum Erfolg führen können? Bei der geschickten Kombination der beiden Finanzierungsmodelle greifen Startups zunächst auf die Ersparnisse der Gründer:innen zurück und holen sich erst bei klaren Wachstumsmöglichkeiten Investor:innen ins Unternehmen.  So bleiben Startups zu Beginn unabhängig und können im richtigen Moment Fahrt aufnehmen. 

Aus der Not geboren?

Die Entwicklung dieses neuen Finanzierungsmodells geht Hand in Hand mit der herausfordernden Lage der Investmentlandschaft. Warum sonst entscheiden sich aktuell so viele Gründer:innen für die Entbehrungen, die Bootstrapping anfangs mit sich bringt? Doch der gestiegene Leitzins und nicht allzu rosigen Aussichten auf dem Weltmarkt führten dazu, dass VCs ihre Investitionen weiterhin drosseln. 

Gründer:innen stehen vor der Herausforderung, alternative Wege zur Finanzierung ihres Startups zu finden und greifen so immer häufiger in die eigene Tasche, um die ersten ein bis zwei Jahre Geschäftsbetrieb zu finanzieren. Mit einem Minimal Viable Product (MVP), ersten Kund:innen und einem überzeugenden Product-Market-Fit haben Startups erste Wurzeln am Markt geschlagen und sind bereit für beschleunigtes Wachstum durch Fremdkapital. Dabei sind es in erster Linie B2B-SaaS-Startups, die bereits mit wenigen Kund:innen einen soliden Umsatz vorweisen können, die von diesem Modell profitieren.

Freie Entscheidungsmacht für Gründer:innen

Neben einer marktbedingten Notwendigkeit gibt es noch weitere Gründe, die für eine Kombination aus Bootstrapping und Investment sprechen. Besonders in den frühen Phasen eines Startups gibt es viele Unsicherheiten. Ist das Produkt gut genug? Gibt es eine ausreichend große Zielgruppe? Passt die Zusammenstellung des Teams? In einem selbstfinanzierten Startup können Gründer:innen bei diesen Themen eigenständig Entscheidungen treffen, während andernfalls Investor:innen interferieren und ihre Entscheidungsmacht in ihrem Sinne nutzen. Steigen Investor:innen erst zu einem späteren Zeitpunkt ein, wenn das Startup bereits Traction am Markt hat, bedeutet das einen erheblich größeren Spielraum für die Gründer:innen. Da sie nicht zwingend auf die Investitionen angewiesen sind, können sie auf Augenhöhe mit den Investor:innen verhandeln und bessere Konditionen für sich herausholen, etwa indem sie weniger Anteile abgeben müssen. 

Schlussendlich steht das Startup bei diesem Modell auch finanziell auf einer stabilen Grundlage, da der frühe Fokus auf Umsatz und Cashflow zu einem effizienten und nachhaltigen Unternehmenswachstum beiträgt.

Finanzierungsmodell eignet sich nicht für jedes Startup

Auch wenn sich die Vorteile, welche Bootstrapping gefolgt von Investitionen verlockend anhören, eignet sich das Modell nicht für jedes Startup. Außen vor bleiben kapitalintensive Geschäftsmodelle, wie etwa Startups, die Hardware herstellen oder auf Plattformmodelle setzen. Diese Unternehmen sind schon früh auf massive Investitionen angewiesen, um Traction zu generieren und sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen. Dazu zählen auch die meisten Startups aus dem B2C-Segment, die häufig schon zu Beginn mit hohen Marketingkosten konfrontiert werden. 

Ein entscheidender Nachteil dieses Ansatzes ist seine Exklusivität. Nur Gründer:innen, die ein komfortables finanzielles Polster aufgebaut haben, können es sich leisten, ein Startup mit eigenen Mitteln zu führen. Damit steigt häufig das Alter der Gründer:innen. 

Bootstrapping plus Investment: Gekommen, um zu bleiben?

Aus der Not geboren, hat sich das Finanzierungsmodell bei dem Gründer:innen in den Anfangsjahren ihr Startup selbst finanzieren, um sich dann später an externe Kapitalgeber zu wenden, mittlerweile am Markt etabliert. Doch wie zukunftsträchtig ist ein Modell, das zwar zahlreiche Vorteile, aber eben auch Entbehrungen mit sich bringt? Voraussichtlich wird mit einer Entspannung des Venture-Capital-Markts dieses Finanzierungsmodell allmählich an Bedeutung verlieren, wenn Unternehmen auch in einer frühen Phase wieder leichter und zu attraktiven Konditionen an Fremdkapital gelangen können.

Über den Autor


Florian Bogenschütz ist Managing Director von Wayra Deutschland, der Innovations- und Investmenteinheit von o2/Telefónica. Dort verantwortet er seit 2019 die Geschäftsentwicklung, die strategische Ausrichtung und hat das Venture-Client-Modell etabliert. Als ehemaliger Gründer spricht er regelmäßig über Themen aus dem Startup-Bereich, unter anderem als Moderator des Podcasts “Scalecast”.

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Foto (oben): Shutterstock

#Interview – “Die schlaflosen Nächte haben sich mehr als gelohnt”

Das Kölner Startup grievy hat sich der digitalen Trauerbegleitung und –unterstützung verschrieben. “Wir nehmen Trauernde in den schwersten Zeiten ihres Lebens an die Hand. Dazu haben wir grievy entwickelt. Eine vertrauenswürdige, barrierearme und sofortige digitale Lösung für den Trauerprozess”, schreibt das Team der Gründer:innen Nele Stadtbaeumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil zur Idee. Im Interview mit deutsche-startups.de stellt Gründerin Stadtbaeumer das Konzept hinter grievy einmal ganz ausführlich vor.

Wie würdest Du Deiner Großmutter grievy erklären?


Ich würde meiner Großmutter erklären, dass wir bei grievy Menschen nach dem Tod einer nahestehenden Person zur Seite stehen. Wenn ein geliebter Mensch verstirbt, kann es schwierig sein, die Vielzahl an Gefühlen zu verarbeiten. Man fühlt sich möglicherweise allein oder von den vielen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, überwältigt. Wir haben verschiedene Lösungen entwickelt, die wie eine helfende Hand in der Trauer funktionieren, damit diese Person sich besser fühlt und wieder glücklicher wird. Man kann dort lernen, wie man mit seinen Gefühlen umgeht, sich mit anderen Trauernden in einem geschützten Rahmen austauschen und es gibt auch Experten, die einem zuhören und helfen. Es ist, als ob man einen guten Freund immer bei sich hat, wenn man ihn braucht.

Wie wollt Ihr Geld verdienen, also wie genau funktioniert euer Geschäftsmodell?


Unser Geschäftsmodell basiert auf einer SaaS-Lösung. Unsere Hauptkunden sind Bestattungshäuser, Lebensversicherungen und andere Unternehmen, die ihren eigenen Kunden die Trauerbegleitung mit grievy als zusätzlichen Service anbieten möchten. Wir bieten unterschiedliche Modelle an, die flexibel auf die spezifischen Bedürfnisse unserer Geschäftskunden zugeschnitten sind. Diese Modelle variieren je nach Anzahl der Nutzer, die auf unsere Plattform zugreifen können, sowie dem Umfang der bereitgestellten Services. Auf diese Weise können wir unseren Geschäftskunden maßgeschneiderte Lösungen anbieten, die genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind.

Wie ist die Idee zu grievy entstanden?


Als ich 24 Jahre alt war, verstarb mein Vater plötzlich. Ich erlebte, wie konservativ und veraltet die Bestattungsbranche damals an vielen Stellen war. Als Psychologin begann ich mich zu fragen, ob ich die Einzige war, die sich nach dem Verlust alleingelassen fühlte. Also führte ich Interviews mit über 200 Angehörigen, und die Antwort war eindeutig: Mehr als 90 % fühlten sich nach der Beisetzung allein gelassen. Da ich im Rahmen meiner Promotion eng mit dem Thema “Digital Health” gearbeitet habe, hat schlussendlich eins zum anderen geführt und grievy ist entstanden. Der Tod meines Vaters liegt nun fast sechs Jahre zurück. Seitdem hat sich in der Branche viel verändert, und in den letzten zwei Jahren haben wir uns mit grievy als fester Player und Marktführer im Bereich der digitalen Trauerbegleitung etabliert.

Wie oder wo hast Du Deinen Mitgründer:innen kennengelernt?


Daniel Bachmann (CTO) und Aenis Chebil (COO) habe ich 2020 im Rahmen eines Universitätsprojekts kennengelernt. Auf der eher schwierigen Suche nach Entwicklern wandte ich mich an die FH Aachen, die glücklicherweise gerade ein Projektseminar gestartet hatte, bei dem kleine Gruppen von Studierenden Unternehmensprojekte bearbeiten. So stand ich neben renommierten Unternehmen mit meiner Idee für grievy. Daniel und Aenis waren zwei der Studierenden, mit denen wir gemeinsam den ersten MVP entwickelt haben. Ich könnte nicht mehr Glück mit den beiden an meiner Seite haben. Wir haben uns alle über die letzten Jahre wachsen gesehen und gemeinsam jede Herausforderung als Team gemeistert. Dabei ergänzen wir uns nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Und von uns Dreien im Gründungsteam sind wir mittlerweile auf ein Team aus acht Personen angewachsen.

Was waren die größten Herausforderungen, die Ihr bisher überwinden musstet?


Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, fallen mir zwei große Herausforderungen ein. Einmal, als wir am Wendepunkt standen, ob wir Finanzierung aufnehmen möchten oder bootstrapped unsere gesamte Energie in unsere Sales-Pipeline stecken. Wir haben uns damals genau an einem Scheitelpunkt befunden, wo der bootstrapped-Weg durchaus realistisch, wenn auch risikoreicher war. Jetzt, acht Monate später, bin ich stolz, dass wir uns für diesen Weg entschieden haben. Wir sind bootstrapped und können uns selber tragen. Im Zuge dieser Entscheidung kam auch eine zweite größere Herausforderung: Wenn man Sales in hoher Intensität betreibt, lernt man schnell, an welchen Stellen das Geschäftsmodell noch Schwachstellen birgt. Wir haben über die letzten Monate unser Geschäftsmodell und unser Pricing noch einmal stark optimiert, viel getestet und an unsere Kunden angepasst. Rückblickend würde ich sagen: Das Risiko und die schlaflosen Nächte haben sich mehr als gelohnt.

Es herrscht weiter leichte Krisenstimmung in der deutschen Startup-Szene. Mit welchen Erwartungen blickst Du auf die kommenden Monate?


Ich kann hier nur für uns sprechen, aber ich blicke sehr positiv auf die kommenden Monate, da wir nicht auf externe Investments angewiesen sind. Besonders in Zeiten, in denen die Finanzierungslandschaft angespannt ist, bietet der bootstrapped Ansatz viele Vorteile. Natürlich ist dieser Weg nicht für jedes Geschäftsmodell ideal, aber für uns ermöglicht er eine größere Unabhängigkeit und Flexibilität.

Wo steht grievy in einem Jahr?


In einem Jahr sehe ich grievy in einer Phase des starken Wachstums. Da wir in der DACH-Region bereits stark aufgestellt sind, planen wir aktuell unsere Schritte in Richtung Internationalisierung voranzutreiben und unsere Präsenz in weiteren Märkten auszubauen. Außerdem erweitern wir unser Produkt derzeit um einen ganzen neuen Bereich der Begleitung, um noch gezielter auf die Bedürfnisse unserer Trauernden einzugehen. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Ausbau unserer B2B-Partnerschaften, um langfristige Kooperationen zu stärken und neue gewinnbringende Partnerschaften zu erschließen. So möchten wir unsere Position als führender Anbieter im Bereich der Trauerbegleitung weiter festigen.

Reden wir über Köln. Wenn es um Startups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was macht den Reiz der Startup-Szene in Köln aus?


Köln und ganz Nordrhein-Westfalen haben sich als spannende und attraktive Startup-Standorte etabliert. Was Köln für uns besonders reizvoll macht, ist zum einen die extreme Sichtbarkeit in der Startup- und Unternehmens-Szene, die wir hier als junges Unternehmen erlangen dürfen. Zum anderen bietet Köln den großen Vorteil, von der gesamten Startup-Landschaft in Nordrhein-Westfalen zu profitieren. Köln liegt im Herzen von NRW, was den Zugang zu einer Vielzahl von Ressourcen, Events und Fördermöglichkeiten in anderen Städten wie Aachen, Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet ermöglicht. Zusätzlich ist es für uns entscheidend, dass in Köln und Umgebung eine hohe Dichte an potenziellen Kunden vorhanden ist. Dies vereinfacht den Sales-Prozess und das Partner Management erheblich und unterstützt uns dabei, unser Geschäft effektiv auszubauen. Und last but not least: es ist wahr, was man über Köln sagt. Die Stadt und die Menschen haben ganz viel Herz und man fühlt sich schnell sehr wohl.

Was ist in Köln einfacher als in Berlin – und umgekehrt?


Da wir mit grievy bisher keine Niederlassung in Berlin haben, kann ich nur spekulieren. Ich vermute Köln bietet im Vergleich zu Berlin: stärkere Sichtbarkeit, leichtere Fördermöglichkeiten und eine große Vielfalt an Unternehmens-Kunden. Andererseits denke ich, dass es in Berlin einfacher ist, wichtige Stakeholder aus der Startup-Szene kennenzulernen und wertvolle Vernetzungen zu schaffen. Die Stadt bietet zahlreiche Gelegenheiten, um Kontakte zu knüpfen und sich mit relevanten Akteuren der Branche auszutauschen. In Köln trifft man jedoch regelmäßig vertraute Gesichter.

Zum Schluss hast Du drei Wünsche frei: Was wünscht Du Dir für den Startup-Standort Köln?


Wir sind mit dem Startup-Standort Köln sehr zufrieden und haben von den vielfältigen Fördermöglichkeiten, die Köln und NRW bieten, stark profitiert. Für den Standort Köln habe ich jedoch zwei kleinere Wünsche: Erstens, eine bessere Koordination und weniger Fragmentierung der verschiedenen Startup-Programme und -Initiativen. Eine gut abgestimmte Förderlandschaft würde es uns erleichtern, schneller die passenden Ressourcen und Unterstützung zu finden und effektiver zu nutzen. Zweitens, wünsche ich mir frischen Wind bei den Netzwerkevents. Neue, wertvolle Kontakte zu knüpfen ist in der Startup-Welt schließlich immer von großer Bedeutung. Und wenn es noch ein dritter Wunsch sein soll, dann das Köln sich genauso weiterentwickelt wie bisher. Die Stadt geht in die absolut richtige Richtung, und ich hoffe, dass dieser Fortschritt auch künftig anhält!

Durchstarten in Köln – #Koelnbusiness

In unserem Themenschwerpunkt Köln werfen wir einen Blick auf das Startup-Ökosystem der Rheinmetropole. Wie sind dort die Voraussetzungen für Gründer:innen, wie sieht es mit Investitionen aus und welche Startups machen von sich reden? Mehr als 550 Startups haben Köln mittlerweile zu ihrer Basis gemacht. Mit zahlreichen potenziellen Investoren, Coworking-Spaces, Messen und Netzwerkevents bietet Köln ein spannendes Umfeld für junge Unternehmen. Diese Rubrik wird unterstützt von der KölnBusiness Wirtschaftsförderung. #Koelnbusiness auf LinkedInFacebook und Instagram.

KoelnBusiness

Foto (oben): grievy

#Interview – “Wir warten immer noch auf Lieferungen, die seit 18 Monaten offen sind”

#Interview

Die gebootstrappte D2C-Jungfirma Duschbrocken peilt in diesem Jahr einen Umsatz in Höhe von 6 Millionen an. “Wir sind jetzt an einem guten Punkt, um auch an anderen Stellen im Badezimmer Plastik einzusparen”, sagt Gründer Johannes Lutz.

“Wir warten immer noch auf Lieferungen, die seit 18 Monaten offen sind”

Montag, 15. August 2022VonAlexander Hüsing

Duschbrocken aus Stuttgart, 2020 von Johannes Lutz und Christoph Lung gegründet, setzt auf eine Art feste Seife, die Shampoo und Duschgel vereint. “Ohne jede Vorkenntnis haben wir in unserer Waschküche ein gutes halbes Jahr an der Rezeptur getüftelt, bis wir die perfekte Rezeptur für Haut und Haar gefunden haben. Die Duschbrocken haben wir dann händisch in einer Pizzaknetmaschine gepresst. Die Zeiten sind natürlich längst vorbei”, blickt Gründer Lutz auf die Anfänge von Duschbrocken zurück.

Für das laufende Jahr plant das gebootstrappte Unternehmen, das 2020 in der Vox-Show “Die Höhle der Löwen” war, einen Umsatz in Höhe von 6 Millionen Euro. “Wir messen unseren Erfolg in Plastikflaschen”, führt der Duschbrocken zu den Unternehmenszahlen an. “Gemeinsam mit unserem 22-köpfigen Team und den 175.000 Schaumköpfen, so nennen wir unsere Kund:innen, konnten wir schon knapp 3 Millionen Plastikflaschen einsparen. Wir sind richtig stolz, dass wir gemeinsam einen Beitrag leisten können, Plastik im Alltag zu reduzieren.”

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der Duschbrocken-Macher außerdem über Durststrecken, Wachstum und Entscheidungen.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Duschbrocken erklären?


Der Duschbrocken ist das erste, feste Shampoo und Duschgel in einem. Er ist wie ein flüssiges 2in1-Produkt, dem das Wasser entzogen wurden. Dabei sieht er aus wie eine Seife, sorgt aber mit viel Duft und Schaum für ein tolles Duscherlebnis.

War dies von Anfang an euer Konzept?


Anfangs haben wir den Duschbrocken als Produkt für unterwegs gesehen, um das Reisen für uns und die Umwelt besser zu machen. Der Duschbrocken ist aber sowohl für zu Hause als auch für unterwegs der perfekte Duschbegleiter und dementsprechend ist unsere Zielgruppe deutlich größer geworden.

Wie ist überhaupt die Idee zu Duschbrocken entstanden?


Christoph und ich waren 2017 unabhängig voneinander auf Weltreise und haben uns dort kennengelernt. Da ist dann auch die Idee des Duschbrockens entstanden. Shampoo und Duschgel in der Plastikflasche nerven sowohl uns, als auch die Umwelt, aber warum gibt es da noch keine gute Lösung? Und genau da haben wir dann gestartet. Ohne jede Vorkenntnis haben wir in unserer Waschküche ein gutes halbes Jahr an der Rezeptur getüftelt, bis wir die perfekte Rezeptur für Haut und Haar gefunden haben und selbst meine Freundin, die bis dato nur teure Friseurprodukte genutzt hat, von der Waschkraft und Pflege für Haut und Haare überzeugt war. Die Duschbrocken haben wir dann händisch in einer Pizzaknetmaschine gepresst. Die Zeiten sind natürlich längst vorbei.

Wie hat sich Duschbrocken seit der Gründung entwickelt?


Wir messen unseren Erfolg in Plastikflaschen. Gemeinsam mit unserem 22-köpfigen Team und den 175.000 Schaumköpfen, so nennen wir unsere Kund:innen, konnten wir schon knapp 3 Millionen Plastikflaschen einsparen. Wir sind richtig stolz, dass wir gemeinsam einen Beitrag leisten können, Plastik im Alltag zu reduzieren. Wir wachsen jedes Jahr um circa 50 % und unser Plan für 2022 sind 6 Millionen Umsatz. Dabei machen wir 90 % des Umsatzes durch unseren Online-Shop.

Viele Rohstoffe sind derzeit knapp. Wie ist die Lage bei euch?


Trotz ehemals großer Rohstoff- und Fertigwarenvorräte haben wir aktuell mit der Rohstoffknappheit zu kämpfen. Wir warten immer noch auf Lieferungen, die seit 18 Monaten offen sind und weiterhin verschoben werden, und zahlen erhöhte Preise für bereits bestellte Rohstoffe. Das ist für uns aber auch ein wichtiges Zeichen einen noch größeren Fokus auf den Ausbau eines breiten Lieferant:innen-Netzwerks zu setzen. Zwischendurch waren wir einen ganzen Monat lang alle Lagerbestände komplett ausverkauft. Da wir aber sehr konservativ und nachhaltig wirtschaften, halten wir auch solche Durststrecken sehr gut durch.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?


2021 stand unsere erste Produkterweiterung an: Eine feste Spülung namens Conny Conditioner. Als fast alles fertig war, haben wir uns entschieden Conny zum Vorverkauf anzubieten. Einfach, weil wir nicht mehr länger warten konnten, die Neuigkeiten mit allen zu teilen. Ab da ist alles schiefgelaufen, was schief gehen konnte. Erst ist eine Maschine des Produzenten kaputt gegangen, dann wurde durch die Produktionshitze die Masse zu ölig. Nach diesen Anpassungen ist auch noch das Werkzeug für Conny kaputt gegangen. Der Versand der Vorverkaufs-Bestellungen hat sich immer weiter verzögert, bis wir am Ende bei drei Monaten Verspätung waren.

Und wo hat Ihr bisher alles richtig gemacht?


Wir haben von Anfang an den Fokus auf unser Produkt und unsere Kund:innen gesetzt. Bei jedem Kauf erhalten sie z.B. eine persönliche Karte, wie viele Plastikflaschen sie bereits durch ihre Einkäufe bei uns eingespart haben. Wir möchten mit dem Duschbrocken ein tolles nachhaltiges Produkt und Erlebnis ohne Abstriche in der Usability. Genau dadurch konnten wir, wenn auch mal was schiefgeht, mit transparenter Kommunikation immer auf viel Verständnis setzen. Viele Start-Ups planen sehr optimistisch. Dadurch knallt es, wenn es mal nicht so gut läuft. Obwohl der Duschbrocken von der ersten Minute an immer profitabel und gebootstrapped war, bleiben wir auf dem Boden und wirtschaften nachhaltig. Trotz starkem Wachstum.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?


Sprecht immer mit so vielen Leuten wie möglich über eure Idee, man weiß nie was sich daraus ergibt. Wir hatten keine Angst vor Ideenklau und haben uns immer mit allen möglichen Leuten über die Duschbrocken unterhalten. Daraus sind tolle Kontakte entstanden, die uns weitergebracht haben. Zum Bespiel haben wir so den Kontakt zu den Geschäftsführern des Traditionsunternehmens Seifen Haag bei uns in Stuttgart bekommen. Als wir mit der händischen Produktion der Duschbrocken in der Pizzaknetmaschine nicht mehr hinterherkamen, haben sie uns quasi die Schlüssel zu der Manufaktur in die Hand gedrückt und wir durften dann immer produzieren, wenn ihre Maschinen stillstanden. Dafür sind wir super dankbar!

Wo steht Duschbrocken in einem Jahr?


Wir haben in den ersten vier Jahren geschaut, dass der Duschbrocken gut läuft, wir das Produkt kontinuierlich verbessern und unsere Kund:innen verstehen. Wir sind jetzt an einem guten Punkt, um auch an anderen Stellen im Badezimmer Plastik einzusparen. Wir wollen das Portfolio also noch weiter ausbauen. In einem Jahr feiert der Duschbrocken seinen fünften Geburtstag und damit sind wir dann auch kein Startup mehr. Mit etablierten Prozessen und Strukturen soll Duschbrocken bis dahin dann so aufgestellt sein, dass nicht mehr alle Entscheidungen über Christophs und meinen Tisch laufen müssen.

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Foto (oben): Duschbrocken

#Interview – “In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit kann Bootstrapping die sichere Wahl sein”

Bereits 2006 hievten Michael Hollauf und Till Vollmer das Online-Mindmapping-Tool MindMeister ins Netz. Im Laufe der Jahre kamen die cloudbasierte Aufgabenverwaltungs-Software MeisterTask und der Dokumentendienst MeisterNote hinzu. Heute sind alle Dienste unter der Dachmarke Meister gebündelt. Der Growth-Investor Verdane, der in der Vergangenheit auf Momox, Hornetsecurity und smava setzte, investierte im Sommer 52 Millionen US-Dollar in Meister. Zuvor war das Wiener Unternehmen komplett gebootstrappt.

“Wir haben einfach enormes Potenzial im Markt erkannt und beschlossen, unsere Marktposition noch schneller und aggressiver auszubauen – denn nicht zuletzt aufgrund der beschleunigten Digitalisierung seit der Pandemie ist die Nachfrage nach Produktivitäts- und Kollaborations-Tools in Unternehmen und Bildungseinrichtungen enorm und nachhaltig gestiegen. Es ist ein gemeinsames Ziel von Meister und unserem Investor Verdane, Meister zu einem großen europäischen Herausforderer der US-Unternehmen zu etablieren”, sagt Gründer Hollauf.

150 Mitarbeiter:innen arbeiten derzeit für Meister. Das Unternehmen unterhält Büros in Wien, München, Berlin und Seattle und erwirtschaftet “einen zweistelligen Millionenumsatz in sogenanntem ARR – Annual Recurring Revenue”. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Meister-Macher Hollauf außerdem über Bootstrapping-Spirit, Unsicherheit und Pub-Quiz-Abende.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Meister erklären?


Ich würde wohl so etwas sagen wie: “Wir machen Computerprogramme, damit Leute besser zusammenarbeiten können – auch wenn sie nicht im gleichen Büro sitzen. Sie können damit gemeinsam Ideen entwickeln, daraus dann Aufgaben ableiten und sie den verschiedenen Teammitgliedern zuweisen. Teams werden damit schneller und erreichen ihre Ziele leichter. Und das Ganze ist schön farbig gestaltet und einfach zu bedienen.”

War dies von Anfang an euer Konzept?


Wir hatten nie einen Pivot, ganz im Gegenteil: In unserem monatlichen Onboarding neuer Mitarbeiter:innen zeige ich immer eine Folie aus dem Jahr 2008, auf der wir schon genau die drei Produkte präsentierten, die wir nun auch in der Meister Suite haben. Kleine Anpassungen gab es bei den Produktnamen, aber die Konzepte sind dieselben geblieben.

Wie genau funktioniert denn euer Geschäftsmodell?


Als klassisches SaaS-Unternehmen finanzieren wir uns über die Software-Abonnements unserer Kundinnen und Kunden, die monatlich oder jährlich für die Nutzung der Tools zahlen. Wir verwenden jedoch für all unsere Produkte das Freemium-Modell, sodass unsere Tools mit limitierter Funktionalität auch kostenlos verwendet werden können.

Wie ist überhaupt die Idee zu Meister entstanden?


Die Idee kam meinem Mitgründer Till und mir als wir in unserer damaligen Firma MindManager verwendeten, was zu der Zeit das einzige ernstzunehmende Mindmapping-Tool auf dem Markt war. MindManager musste man allerdings lokal installieren und die Lizenzen dafür waren teuer, was es schwer machte, Mindmaps mit Kund:innen und Geschäftspartner:innen zu teilen. Zur selben Zeit übernahm Google ein Tool namens Writely – das, was später einmal Google Docs werden sollte. Till und ich fanden das Konzept der Echtzeit-Zusammenarbeit an Dokumenten genial und erkannten schnell, dass diese Funktion auch für das visuelle Mindmap-Format eine riesige Bereicherung wäre. Und genau das haben wir dann mit MindMeister zur Realität gemacht.

Wie hat sich Meister seit der Gründung entwickelt?


Unsere Gründung liegt ja schon eine Weile zurück – mehr als 15 Jahre. Am Anfang sind wir langsam gewachsen und waren lange Zeit ein recht kleines Team, was den Vorteil hatte, dass unsere Overhead-Kosten gering und unsere Arbeit extrem agil war. Till und mir war es immer wichtig, dass wir nachhaltig wirtschaften, um nicht wie viele andere Startups nach dem initialen Boom plötzlich wieder alle Teammitglieder entlassen zu müssen, wenn die Umsätze nicht passen. Vor einigen Jahren haben wir aber dann aggressiver in unser Wachstum investiert und vor allem seit dem Investment Mitte 2021 wachsen wir recht schnell – mittlerweile sind wir über 150 Leute aus 42 Ländern, haben Büros in Wien, München, Berlin und Seattle und machen mit fast 30 Millionen registrierter Benutzer:innen einen zweistelligen Millionenumsatz in sogenanntem ARR – Annual Recurring Revenue – und wurden jüngst mit dem RemoteTech Award ausgezeichnet. Also es läuft.

Bis zum Sommer 2021 habt ihr auf Investorengelder verzichtet. Warum setzt ihr nun nach so vielen Jahren doch auf Investorengelder?


Wir haben einfach enormes Potenzial im Markt erkannt und beschlossen, unsere Marktposition noch schneller und aggressiver auszubauen – denn nicht zuletzt aufgrund der beschleunigten Digitalisierung seit der Pandemie ist die Nachfrage nach Produktivitäts- und Kollaborations-Tools in Unternehmen und Bildungseinrichtungen enorm und nachhaltig gestiegen. Es ist ein gemeinsames Ziel von Meister und unserem Investor Verdane, Meister zu einem großen europäischen Herausforderer der US-Unternehmen zu etablieren, die derzeit den SaaS-Markt für Produktivität dominieren.

Wie war der Start ohne fremdes Geld – was geht recht einfach, was ist als Bootstrapping-Startup recht schwierig?


Unser Start war 2007, seitdem hat sich sicher einiges am Markt verändert. Rückblickend würde ich sagen, dass der Bootstrapping-Spirit doch ein anderer ist. Als Gründer:in hat man mehr das Gefühl, mit ein paar Gleichgesinnten etwas richtig Cooles zu bauen – ohne zu großem Druck von außen. Jeder Euro ist viel wert, weil es ja das eigene Geld ist. Darum denkt man auch über jede Ausgabe lange nach und fokussiert stark. Das hat natürlich auch Nachteile: Du bewegst dich langsamer, sparst vielleicht anfangs etwas mehr beim Hiring, und hast natürlich auch viel weniger Marketing-Budget als die vorhandene und ggf. besser finanzierte Konkurrenz.

Gab es denn viele Dinge, die Du einfach nicht umsetzen konntest, weil das Geld fehlte?


Nein, dass wir Dinge gar nicht umsetzen konnten, ist uns nicht passiert. Aber einige Dinge wurden eben doch langsamer und weniger professionell in Angriff genommen, als wir vielleicht gewollt hätten. Zu einem ESOP, also einem Employee Stock Option Plan oder Mitarbeiterbeteiligungsplan, haben wir uns allerdings erst nach dem Investment durchgerungen.

Was rätst du anderen Gründer:innen, die sich für Bootstrapping entscheiden?


Ich würde raten, die Konkurrenz genau im Auge zu behalten. Denn wenn das eigene Startup keinen messerscharfen USP hat bzw. das Produkt nicht um Klassen besser ist als das der Mitbewerber:innen, dann spielt das vorhandene Geld sehr wohl eine Rolle. Denn in einem Markt, an dem externe Investitionen ein Unternehmen rasant nach vorne katapultieren und Marktanteile bedeuten, macht das Geld eben doch einen Unterschied. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, die – nach Meinung vieler Expert:innen sowie auch meiner eigenen – vor uns liegen, kann Bootstrapping allerdings die sichere und bessere Wahl sein. So können Startups unabhängiger von der nächsten Finanzierungsrunde arbeiten und behalten bei gutem Wirtschaften den längeren Atem.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?


Der wahrscheinlich größte Fehler, den wir gemacht haben, war die Macht von Google zu unterschätzen. In unserem ersten Tool – MindMeister – boten wir Nutzer:innen die Möglichkeit, ihre Maps zu veröffentlichen und auf ihren eigenen Websites und Blogs einzubetten. Google bewarb damals die Möglichkeit, Backlinks in diese Embed-Codes einzufügen, was wir natürlich getan haben, denn in Sachen SEO waren Backlinks extrem wertvoll. Das hat super funktioniert, bis Google im März 2014 plötzlich entschied, dass es diese Art von Backlinks doch nicht mehr mochte, und wir durch ein Penalty von Platz eins in den Suchresultaten auf Seite zwei oder drei rutschten. Plötzlich waren wir für Interessent:innen praktisch nicht mehr auffindbar, was zu Umsatzeinbußen in Millionenhöhe führte. Es kostete uns Monate an manueller Arbeit, alle Backlinks zu entfernen, und etliche weitere Monate, um uns wieder an die Spitze der Suchresultate zu arbeiten.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?


Ich glaube, in Sachen Unternehmenskultur haben wir unsere Sache immer recht gut gemacht. Meister hat lange wie eine große Familie funktioniert, man mochte sich gegenseitig sehr und hat auch Zeit außerhalb der Arbeit gern miteinander verbracht, und wir hatten – und haben immer noch – eine der niedrigsten Fluktuationsraten bei Mitarbeitenden im Markt. Diese Metapher einer Familie ist einerseits nicht ewig haltbar und nicht für alle positiv besetzt, darum sehen wir uns mittlerweile lieber als ein tolles Sportsteam, wo jeder sein Bestes gibt, um neue Rekorde aufzustellen und den Pokal zu gewinnen. Wir haben auch immer darauf geachtet, dass unsere Büros nicht nur modern und funktional sind, sondern ein Ort, an dem wir uns wirklich wohlfühlen und gerne Zeit verbringen – in Zeiten von Covid ist das natürlich etwas in den Hintergrund getreten. Auch auf Teambuilding legen wir großen Wert und veranstalten etliche Events pro Jahr – von mehrtägigen “Hackfests”, unserer unternehmensweiten Workation, über gemeinsame Pub-Quiz-Abende bis zu Grillfesten im Garten unseres Wiener Büros.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?


Da gibt es viele – aber am ehesten Folgendes: Umgebt Euch mit den richtigen Leuten. Angefangen von Euren Mitgründer:innen, wo die Chemie unbedingt stimmen muss, um auch schwere und stressreiche Zeiten gut zu überstehen. Bei Till und mir tut sie das Gott sei Dank. Über die ersten Key Employees und Entwickler:innen, bis später dann zur ersten Führungsriege: Denn nur die Menschen machen den wirklichen Unterschied.

Wo steht Meister in einem Jahr?


In einem Jahr sind wir über 200 Leute, haben die Büros in Berlin, München und Seattle ausgebaut, vielleicht noch weitere in Städten wie Hamburg oder London eröffnet, haben einen oder zwei Remote Development Hubs in Ost- oder Südeuropa eröffnet, und sind allgemein in puncto Prozesse und Strukturen noch viel besser aufgestellt für das kommende Wachstum und die Übernahme der Weltherrschaft.

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Meister

#Interview – “Wir haben es geschafft ein Startup im schwierigen Lebensmittelumfeld ohne Investoren zu skalieren”

Das Berliner Startup fairment, das 2015 von Paul Seelhorst und Leon Benedens gegründet wurde, setzt auf Fermentation. “Wir sind als Getränke-Startup gestartet, das ausschließlich Kombucha in Flaschen verkauft hat. Mittlerweile sehen wir uns als Gesundheits-Startup, das über Fermentation und ihren gesundheitlichen Nutzen aufklärt. Uns treibt an, gesunden Genuss für alle zu schaffen”, sagt Gründer Seelhorst zum Stand der Dinge bei fairment.

Derzeit arbeiten rund 20 Mitarbeiter:innen für das Unternehmen, das bereits einen Jahresumsatz von rund 5 Millionen erwirtschaftet. “Wir haben es geschafft ein Startup im schwierigen Lebensmittelumfeld ohne Investoren zu skalieren, da müssen wir einfach mehr richtig als falsch gemacht haben.”, sagt Seelhorst. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der fairment-Macher außerdem über Sauerkraut, Darmgesundheit und die “Höhle der Löwen”.

Wie würdest Du Deiner Großmutter fairment erklären?


Meiner Oma müsste ich Fermentation gar nicht erklären – die hat ja selbst noch jedes Jahr Sauerkraut gemacht um ihren Kohl über das ganze Jahr essen zu können und auch im Winter genügend Vitamin C zu sich zu nehmen zu können. Sie wusste zwar nicht genau weshalb, aber spürte, dass ihr fermentierte Lebensmittel guttun. Dieses alte Wissen wollen wir mit fairment wieder zurückbringen und mittlerweile gibt es viele spannende Studien, die die gesundheitlichen Vorteile klar belegen. Ich würde ihr aber sagen, dass ich Menschen mit fairment jetzt das Fermentieren mit modernen Ansätzen beibringe, sodass sie sich selbst zu Hause die leckersten, gesunden Lebensmittel ganz einfach, kostengünstig und nachhaltig zu Hause herstellen können. Von Kombucha über Kefir und Joghurt, bis zu echtem Sauerteig und mehr. Dafür versorge ich sie mit frisch gezüchteten Kulturen und modernem Equipment, damit auch nichts schiefgehen kann. Und um Menschen Appetit auf Fermentiertes zu machen gibt es Kombucha, Krauts und Miso bei uns auch schon als fertige Produkte für den gesunden Genuss.

Hat sich das Konzept, das Geschäftsmodell, in den vergangenen Jahren irgendwie verändert?


Wir sind als Getränke-Startup gestartet, das ausschließlich Kombucha in Flaschen verkauft hat. Mittlerweile sehen wir uns als Gesundheits-Startup, das über Fermentation und ihren gesundheitlichen Nutzen aufklärt. Uns treibt an, gesunden Genuss für alle zu schaffen.

Wie genau funktioniert euer Geschäftsmodell?


Wir bringen Leuten kostenlos das Thema Fermentieren bei und nutzen dafür alle konventionellen, als auch digitale Lösungen, die wir mit den heutigen Möglichkeiten so haben. Wir bekommen Reichweite über Blogartikel, Youtube, Instagram, Pinterest, Facebook, als auch Influencer-Marketing. Über diese Reichweite bieten wir den Leuten an, sich für unsere kostenlosen Kurse oder Events einzutragen – wir veranstalten die größten Online Events der Welt zum Thema Fermentation – und etwas über das Thema zu lernen und wie es mit dem Thema Darmgesundheit zusammenhängt. So können wir Menschen dafür begeistern, sich unsere Produkte zu kaufen.

Die Corona-Krise traf die Startup-Szene zuletzt teilweise hart. Wie habt ihr die Auswirkungen gespürt?


Anfangs haben wir davon profitiert, dass die Leute plötzlich mehr online geshoppt haben, Zeit hatten zu Hause zu sein und Dinge auszuprobieren – wie etwa Fermente anzusetzen. Im ersten Lockdown hatte ja zum Beispiel jeder Hobby-Bäcker plötzlich einen eigenen Sauerteigansatz zu Hause, um selbst Brot zu backen. Da ist unser Sauerteig Starter Kit natürlich voll eingeschlagen. Ein anderer sehr großer Faktor war auch, dass durch Covid das Thema Immunsystem plötzlich in aller Munde war. Der Darm als Mittelpunkt, in dem sich 70 % des Immunsystems befinden und auch die Rolle der Bakterien, die uns potenziell vor unerwünschten Eindringlingen schützen können. Fermentierte Lebensmittel sind außerdem reich an organischen Säuren, wie Essigsäuren und Milchsäuren und Vitaminen, was nochmal ein weiteres gutes Argument für sie ist. Als dann aber der Lockdown vorbei war und der Sommer kam, gab es ein ganz schönes Loch, weil genau das Gegenteil der Fall war. Daraus haben wir viel gelernt und nehmen deswegen aktuell neue Produkte in Angriff, die noch leichter in den Alltag integrierbar sind

Wie ist überhaupt die Idee zu fairment entstanden?


Aus einer persönlichen Gesundheitskrise. Mit Ende Zwanzig war ich an einem Punkt, an dem ich nichts mehr essen, geschweige denn richtig verdauen konnte und ständig aufgebläht war. Von Histaminproblemen über Übelkeit, Migräne, Energielosigkeit, Panikattacken, Schlafprobleme, Hautprobleme über Rheuma war alles dabei. Als ich mich auf die Suche nach der Ursache machte, stieß ich auf diverse gesunde Ernährungsformen, die ich alle ausprobierte – zum Beispiel Rohkost, Vegan, Low Carb, Ketogen, Paleo, etc. So streng diese Ernährungsformen auch waren, eine Sache hatten sie alle gemeinsam. Und zwar, dass fermentierte Lebensmittel in Rohkostqualität überall als absolute Superfoods gelten. Als ich diese konsumieren wollte, fiel mir auf, dass das entweder super schwer war, weil ich sie jedes Mal aufs neue aufwändig in kleinen Mengen herstellen musste, oder sie in dieser Form – unpasteurisiert und authentisch fermentiert – kaum oder gar nicht im Handel erhältlich waren. Also fing ich am Anfang an Kombucha und Wasserkefir zu brauen und Gemüse zu fermentieren und das auf Events und an Bekannte zu verkaufen. Und so war die Idee geboren.

Wie viele andere Startups habt ihr bereits an der Vox-Show “Die Höhle der Löwen” teilgenommen. Hat sich die Teilnahme an der Show für euch gelohnt?


Auf jeden Fall. Wir wussten bis einige Wochen davor nicht mal, ob wir ausgestrahlt werden, da wir den Deal nicht angenommen hatten. Wir hatten auf Risiko unsere Lager aufgestockt und neue Server inklusive neuem, leistungsstarken Onlineshop eingerichtet. Gott sei Dank ging das auf. An dem Abend haben wir eine viertel Million Umsatz gemacht.

Welchen Einfluss genau hatte die Vox-Show auf eure Entwicklung?


Es war auf jeden Fall ein guter Push und hat uns sehr geholfen. Wir wurden auch von Kunden als etablierter wahrgenommen. Wir hatten auf einmal eine breitere Kundschaft: Nicht nur die Gesundheits-Enthusiasten, sondern auch Leute, die einfach an dem leckeren Getränk Kombucha interessiert waren.

Was rätst Du anderen Gründern, die bei der Gründershow mitmachen wollen?


Den Pitch runterbeten können. Alle Zahlen genau kennen. Viele Sendungen vorher schauen. Den Kaufpreis lieber höher ansetzen als zu niedrig und verhandeln üben. Genau überlegen, was das letzte Angebot wäre, was okay ist, weil ihr euch nur sicher sein könnt, dass ihr ausgestrahlt werdet, wenn ihr den Deal auch annehmt.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?


Ein Jahresgespräch mit unserem größten Kunden, als mein Co-Founder Leon gerrade sein drittes Kind bekam, ich unterwegs war und wir jemand externen dafür beauftragen mussten, da es anders nicht ging. Danach wurden wir direkt entlistet. Das war sehr bedrohlich für uns. Der Einzelhandel ist hart. Auch ist eine geplante Internationalisierung des Online-Shops nicht so gezündet wie erwartet und dass wir zu viele Waren auf einmal eingekauft hatten genau zu einem Zeitpunkt, als die Verkäufe kurz danach saisonbedingt wieder stark runter gingen. Das hat uns fast die Liquidität gekillt. In sieben Jahren hat man viel Zeit viele Fehler zu machen – und daraus zu lernen.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?


Bei der Kundenzufriedenheit und dabei echte, authentische Produkte ohne Abstriche zu produzieren – fast alle anderen Kombuchas, Krauts und Misos sind pasteurisiert und damit nicht mehr lebendig. Nachhaltige Produkte mit echtem Mehrwert für die Kunden zu schaffen, die ihnen ein Leben lang die leckersten Fermente zaubern können. Wir haben es geschafft in sieben Jahren ein Startup im schwierigen Lebensmittelumfeld ohne Investoren zu skalieren, da müssen wir einfach mehr richtig als falsch gemacht haben.

Wo steht fairment in einem Jahr?


Wir möchten in einem Jahr in allen Bio-Läden in Deutschland mit mindestens einem Produkt wie Kombucha, Miso, Krauts oder unseren Kulturen stehen und so Fermentation in alle Küchen bringen. Egal ob zum Trinken, Essen oder Selber machen.

TippFairment: Auch Gründer haben einen Wert 

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Foto (oben): fairment

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