
Ab dem 1. September 2026 verschwinden 551 StudioCanal-Filme aus den Bibliotheken zahlender PlayStation-Nutzer:innen – ersatzlos, ohne Rückerstattung. Offizieller Grund: eine ausgelaufene Lizenz. Das eigentliche Problem ist ein Wort, das die ganze Zeit in Anführungszeichen gehört hätte: „Kaufen“.
Es ist eine dieser Meldungen, die man zweimal lesen muss, weil man glaubt, sich verlesen zu haben. Aufmerksam wurde die Öffentlichkeit Ende Juni 2026, als der X-Nutzer @somatyk die Mitteilung postete, die er von Sony per Email erhalten hatte. Der Inhalt der Nachricht, sinngemäß: Aufgrund der aktuellen Lizenzvereinbarungen könne man ab dem 1. September 2026 nicht mehr auf die zuvor gekauften StudioCanal-Inhalte zugreifen und diese würden daher aus der Videobibliothek entfernt. Keine Ersatzlösung, kein Geld zurück, nicht einmal „Sorry“.
Play has limits
Sonys Werbeversprechen lautet seit Jahren „Play has no limits“. Laut Sonys eigener Liste gilt dies allerdings für exakt 551 Filme und Serien nicht. Diese können fortan nicht mehr abgespielt werden. Darunter befinden sich übrigens keine Nischentitel, sondern Schwergewichte wie Terminator 2, Rambo, Apocalypse Now, From Dusk Till Dawn und Cliffhanger sowie für das europäische Publikum die komplette Paddington-Reihe und Teile von Die Tribute von Panem. StudioCanal ist ein französischer Vertrieb, der diese Kataloge in Europa lizenziert. Läuft so eine Lizenz aus, ist nicht etwa nur der Verkauf gestoppt, sondern die Filme werden bei denjenigen gelöscht, die womöglich vor Jahren im PlayStation Store auf einen „Kaufen“-Knopf geklickt hatten.
Für den deutschsprachigen Raum ist die Sache aber kein Neuland: Schon 2022 hatte Sony StudioCanal-Titel aus den Bibliotheken in Deutschland und Österreich entfernt, damals wie heute mit Verweis auf Lizenzkonflikte. Sony hat den Verkauf von Filmen und Serien über den PlayStation Store zwar bereits am 31. August 2021 eingestellt, mangels Erfolg, wie es heißt. Die bis dahin gekauften Inhalte blieben aber zugänglich, mit dem ausdrücklichen Versprechen, man könne weiter darauf zugreifen. Dieses Versprechen hängt, wie sich jetzt zeigt, vollständig an Verträgen mit Dritten, auf die der Kunde jedoch keinen Einfluss hat.
Ein Déjà-vu gibt es ebenfalls: 2023 drohte Sony schon einmal, Discovery-Inhalte von der Plattform zu werfen – und ruderte nach öffentlichem Aufschrei zurück, weil man sich mit Discovery doch noch auf eine neue Lizenz einigte. Diesmal deutet bislang nichts auf eine solche Kehrtwende hin.
„Kaufen“ heißt nicht „besitzen“, aber das steht nur im Kleingedruckten
Eine endgültige Lösung wird es allerdings auch nach öffentlichem Aufschrei für die Kunden nicht geben. Für sie gilt jedoch: Sie haben auf „Kaufen“ geklickt, jedoch dafür kein Eigentum erworben, sondern nur eine digitale Lizenz. Dieses offensichtlich jederzeit widerrufbare Nutzungsrecht stellt der PlayStation-Konzern jedoch lediglich in den Nutzungsbedingungen in Abschnitt 10.2 klar. Dort wird interessanterweise das Wort „besitzen“ und „kaufen“ umdefiniert, um Sonys Verständnis zu entsprechend und eine Eigentumsübertragung auszuschließen.
Man stelle sich vor, das könnte man auf andere Bereiche des Lebens übertragen, beispielsweise den Bücher- oder Autokauf. Man marschiert in eine Buchhandlung, kauft ein Buch und Jahre später bricht die Buchhandlung bei einem zuhause ein, da der Verleger die Rechte zurückgenommen hat und entwendet das gekaufte Buch, ohne das Geld zu erstatten. Bei physischen Gegenständen wäre das Diebstahl, unabhängig davon, was die Buchhandlung als Hausrecht geltend machen will. Es sollte schlichtweg nicht möglich sein, die Bedeutung von Wörtern umzudefinieren über einen Servicevertrag. Das ist moralisch fragwürdiger als Piraterie, denn immerhin hat wenigstens irgendjemand in der Kette eine Originalkopie erworben und im Gegensatz zu Sony damit keinen Gewinn gemacht.
Wenn Konzerne kopieren, ist es „Fair Use“
Gleichzeitig können KI-Konzerne weltweit fremde Inhalte ungefragt für das Training ihrer Modelle verwenden, müssen allerdings trotz der kommerziellen Nutzung dieser Inhalte keinen Cent an die Urheber abdrücken. Microsoft und OpenAI wehren sich aktuell gegen eine Sammelklage von über 400 US-Verlagen mit dem „Fair Use“-Argument gegen den Anspruch der Urheber auf Vergütung für ihre Inhalte. Während also Piraterie und die Sicherung, Kopie und Übertragung von urheberrechtlich geschützten Medien kriminalisiert wird, segment man das industrielle Kopieren in wesentlich größeren Maßstäben als „Innovation“ ab.
Man halte sich das nebeneinander: Ein einzelner Nutzer, der eine Sicherungskopie eines Films macht, den er bezahlt hat, riskiert juristischen Ärger, wenn er diesen mit seinen (Internet)-Freunden teilt. Ein Konzern, der das halbe urheberrechtlich geschützte Internet in ein Modell schaufelt, darf das als „Fair Use“ bezeichnen und Sony kann einem Inhalte verkaufen, die man selbst nie besessen hat, und diese seinen Kunden ohne Rückerstattung wegnehmen.
Ist dann die Piraterie des Einzelnen wirklich noch das größere Übel?




