#Gastbeitrag – Investoren-Pitch: Diese Fragen müssen Gründer:innen beantworten können

#Gastbeitrag

Der Investoren-Pitch ist ein entscheidender Moment für Gründer:innen, um Kapital für ihr Unternehmen zu gewinnen. Doch viele scheitern beim Versuch, Investor:innen von sich zu überzeugen. Woran liegt das? Ein Gastbeitrag von Rebecca Troch. 

Investoren-Pitch: Diese Fragen müssen Gründer:innen beantworten können

Mittwoch, 18. September 2024VonAlexander Hüsing

Aktuell pitchen zahlreiche Startups wieder in der TV-Show “Die Höhle der Löwen”. Viele werden ohne Deal nach Hause gehen, selbst wenn ihr Produkt die Löw:innen eigentlich überzeugt. Doch zu geringes Finanzwissen und ein fehlender Überblick über die eigenen Zahlen, lässt die Investor:innen stutzig werden. Gründer:innen können grundlegende Fragen rund um Umsatz, Kosten, Marge und Zukunftsprognose nicht beantworten. 

Egal, ob in der TV-Show oder nicht: Auf die folgenden zehn Fragen sollten alle Gründer:innen vorbereitet sein, um Investor:innen zu gewinnen.

  1. Wie hoch ist der aktuelle Umsatz und was ist die Umsatzprognose?

Die Frage gibt den Investor:innen einen ersten Eindruck in die finanzielle Situation des Unternehmens. Dazu gehört außerdem, dass Gründer:innen den Umsatz der vergangenen Jahre darlegen, um die Entwicklung aufzuzeigen.

Bei der Umsatzprognose hingegen möchten die Investor:innen wissen, welches Potenzial das Startup hat. Außerdem prüfen sie so, ob die Gründer:innen die Zusammenhänge ihrer Zahlen richtig verstehen und für sich nutzen können. Unrealistische Umsatzvorstellungen sind oft ein Zeichen dafür, dass die Gründer:innen sich nicht genug mit den Zahlen auseinandergesetzt haben.

  1. Was kostet die Produktion eures Produkts?

Die Produktionskosten sind ein wesentlicher Faktor für die Rentabilität eines Unternehmens. Gründer:innen müssen die Kostenstruktur ihres Produkts genau kennen und berechnen können, wie hoch die Produktmargen ausfallen. Darüber hinaus sollten sie, wenn die Produktionskosten (noch) zu hoch sind, erklären können was wird getan, um die Marge in Zukunft zu verbessern. 

  1. Wie hoch ist der Gewinn oder Verlust des Unternehmens?

Eine detaillierte Gewinn- und Verlustrechnung zeigt, ob das Unternehmen profitabel ist oder noch Verluste einfährt – kurz: wie es um die finanzielle Gesundheit des Startups steht. Gründer:innen sollten in der Lage sein, die Entwicklung des Unternehmens anhand der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) zu erklären und dabei Ursachen für Gewinne oder Verluste aufzeigen. 

  1. Wie hoch sind die monatlichen Fixkosten?

Die monatlichen Fixkosten sind Ausgaben, die unabhängig von der Produktionsmenge anfallen. Dazu gehören Miete, Gehälter und andere laufende Kosten. Niedrige Fixkosten sind für Investor:innen attraktiv weil es zeigt, dass die Gründer:innen sich mit den Kosten auseinander gesetzt haben und möglicherweise flexibel und zukunftsfähig sind. Außerdem möchten sie wissen, ob das Unternehmen auch bei schwankenden Umsätzen stabil bleibt und wann der Break-Even-Point erreicht wird. 

  1. Wie viel wurde bisher in das Unternehmen investiert?

Der Einsatz von Eigenkapital zeigt das Engagement der Gründer:innen. Das kann die Überzeugung der Gründer:innen in das Unternehmen widerspiegelt und welches Risiko sie selbst tragen. Dabei geht es nicht darum schon Millionen in das Unternehmen investiert zu haben, sondern zu zeigen wie weit die Gründer:innen bereit sind, für das Unternehmen zu gehen.

  1. Wie viel Kapital wird benötigt, um die nächsten Schritte zu finanzieren?

Gründer:innen müssen einen klaren Finanzierungsbedarf darstellen können. Dieser umfasst nicht nur die Summe, sondern auch eine Aufschlüsselung, wie das Kapital verwendet werden soll. Dabei ist es vorteilhaft in eine klare Entwicklung des Unternehmens, wie zum Beispiel eine Maschine, Expansion oder neue Standorte und Produkte investieren zu wollen. Eine Investition ins Day-to-Day Business bringt keine Entwicklung und weist auf Schwächen im operativen Geschäft hin.

  1. Wie hoch ist der aktuelle Lagerbestand?

Ein zu hoher Lagerbestand bindet Kapital, das an anderer Stelle benötigt wird. Das kann ein Symptom für andere Probleme im Unternehmen sein. Andernfalls müssen Gründer:innen für einen hohen Lagerbestand eine gute Erklärung haben, wie zum Beispiel erhöhte Nachfrage durch eine Saisonalität. Ein optimaler Lagerbestand hingegen zeigt eine effiziente Produktion und Nachfrageplanung.

  1. Wie ist die Preisstrategie?

Die Preisstrategie ist entscheidend für die Marktpositionierung. Gründer:innen sollten erläutern können, wie sie ihre Preise festlegen und welche Preisstrategie sie verfolgen, um wettbewerbsfähig und gleichzeitig profitabel zu sein. Dafür ist eine Marktanalyse essenziell, denn zu teure oder zu günstige Produkte werden nicht verkauft.

  1. Gibt es Schulden, und wenn ja, wie hoch sind sie?

Die Schulden eines Unternehmens zeigen, wie gesund die Strukturen des Unternehmens sind. Eine ehrliche Einschätzung der Schulden und wie diese getilgt werden sollen, zeigt Investor:innen, dass Gründer:innen ihre Risiken im Blick haben und motiviert sind, an ihnen zu arbeiten. Schulden schön zu reden, ergibt keinen Sinn und schreckt Investor:innen eher ab.

  1. Wie viel Prozent des Unternehmens wollen Gründer:innen abgeben, und wie kommt es zu dieser Bewertung?

Die Bewertung des Unternehmens und der Anteil, den die Gründer:innen bereit sind abzugeben, sind zentrale Punkte bei Investitionsverhandlungen. Eine nachvollziehbare Bewertung, basierend auf den eigenen Zahlen und dem Potential des Unternehmens, ist entscheidend. Transparenz in diesem Punkt ist wichtig, um das Vertrauen der Inverstor:innen zu gewinnen.

Über die Autorin


Rebecca Troch ist Finanzexpertin und Virtual CFO. Nach fast 20 Jahren im Controlling und Finanzmanagement bei Unternehmen wie Decathlon, H&M und New Yorker gründete sie 2018 Counting the Apples Consulting. Sie hilft Unternehmern und Gründern, ihre Zahlen endlich zu verstehen und faktenbasierte Entscheidungen zu treffen. Im Coaching erstellt sie gemeinsam mit ihren Kunden alle relevanten Unterlagen von der Liquiditätsplanung bis zu Deckungsbeitragsrechnungen. Als Virtual CFO ist Rebecca für Agenturen im Bereich Marketing, Social Selling und Personal Branding sowie Influencer tätig.

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Bing Image Creator – DALL·E 3 

#Gastbeitrag – ClimateTech als Beschleuniger für die dekarbonisierte Zukunft

#Gastbeitrag

Viele ClimateTech-Unternehmen generieren den Großteil ihres Profits aus dem Verkauf von Hardware-Produkten und/oder Software-Lizenzen. Mit der Evolution des Marktes rückt ein weiterer sogenannter Revenue-Stream in den Fokus: die Umsatzbeteiligung.

ClimateTech als Beschleuniger für die dekarbonisierte Zukunft

Montag, 16. September 2024VonTeam

Im Zeitalter der Polykrisen sind die Budgetgürtel auf den Kapitalmärkten enger geschnallt. Nach Jahren des schier ungebremsten Geldflusses mit dem Peak im Covid-Jahr 2021 müssen viele Startups um Zusagen für dringend benötigtes Wachstumskapital bangen. Während der europäische VC-Market, so die Zahlen des State of European Tech von Atomico, von 2021 bis 2023 um 55 % einbrach, entpuppt sich das Marktumfeld für Climate Tech jedoch als vergleichsweise stabil. Aus einem einfachen Grund: An der dekarbonisierten Zukunft führt kein Weg vorbei – und digitale Innovation ist auf dem Weg dahin unentbehrlich, um einerseits dezentrale Systeme effizient zu managen und andererseits das Nutzen wertvoller Energieressourcen zu optimieren. 

Laut Berechnungen von PitchBook aus dem Carbon & Emissions Tech Report summierten sich die weltweiten Climate-Tech-Investments alleine im ersten Quartal 2024 auf 8,1 Milliarden Dollar, 400 % mehr als im Vorjahr. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Welche Opportunitäten ergeben sich für Startups? Welche Geschäftsmodelle und technologischen Innovationen sind aktuell besonders gefragt?

Alles aus einer Hand – der ganzheitliche Dienstleistungsansatz 

Egal, ob klimafreundliche Mobilität, die Erzeugung von Strom oder Wärme aus erneuerbaren Energien oder Maßnahmen, um die Energieeffizienz von, zum Beispiel, Gebäuden zu erhöhen: Unternehmen investieren bewusst immer mehr in den Klimaschutz. Laut Zahlen der KfW vom November letzten Jahres sind aus dem Unternehmenssektor in Deutschland 2022 mehr als 72 Milliarden Euro in solche Initiativen geflossen, ein bereinigtes Plus von satten 18 % im Vergleich zum Vorjahr. 

Auch Privatleute stehen dem nicht nach und suchen vermehrt nach klimaschonenden Investitionen, die mittelfristig eine Rendite abwerfen. Dazu zählen Photovoltaik-Anlagen (PVA) oder Wärmepumpen von Unternehmen wie z.B. Enpal, 1Komma5 oder Thermondo. All diese Unternehmen teilen neben erfolgreicher Wachstumshistorie und dem Klimaschutz in ihrer DNA eine weitere Gemeinsamkeit: Sie bieten ihren Geschäfts- und Privatkunden einen ganzheitlichen Dienstleistungsansatz. Und sind deshalb auch für Investoren interessant. Denn die “Alles-aus-einer-Hand”-Philosophie ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Kein Kunde möchte beim Prozess von Einbau bis zur Finanzierung einer Wärmepumpe oder PVA auf mehrere Dienstleister angewiesen sein. Stattdessen suchen sie sich bewusst die Dienstleister aus, die alle nötigen Schritte “in-house” abbilden können oder direkt an Partnerunternehmen vermitteln, sodass neben der Finanzierung und Installation zum Beispiel auch die Integration von Software oder anfallende Wartungsarbeiten übernommen werden. Dieser holistische Service-Gedanke wird mit dem wachsenden Bedürfnis nach Klimaneutralität der Gesellschaft weiter gefragt bleiben und die Wertschöpfungskette verlängert werden.

Fintech meets Climate Tech

Die Dekarbonisierung erhöht sein Tempo: Laut der PwC-Studie State of Climate Tech 2023 erhielten Climate-Tech-Startups 2023 etwa 10 % aller weltweiten Risikokapital und Private Equity Investitionen – und damit im Gesamtverhältnis knapp 10 Mal so viel wie noch 2013. Eine Untersuchung von Bloomberg kam Anfang des Jahres außerdem zu dem Ergebnis, dass 2023 1,8 Billionen US-Dollar an VC-Geld in die Energiewende floss. Das ist Rekord und pulverisierte das Vorjahresergebnis um 17 %. 

In Infrastruktur und Hardware investieren Climate-Tech-VCs nicht, im Fokus stehen digitale Geschäftsmodelle. Aber: Um die Finanzierung von Solaranlagen, Windrädern oder auch die klimafreundliche Umgestaltung von Gebäuden zu finanzieren, haben sich Climate-Fintechs mit speziellen Finanzprodukten positioniert. Zwei Beispiele:

  • Hardware-Kosten: Immer bessere Hardware drängt im Energie-Sektor auf den Markt, von einzelnen Wärmepumpen, über Elektroautos bis hin zu ganzen Elektrotankstellen. Damit steigt die Nachfrage auf Kundenseite und im Umkehrschluss das benötigte Gesamtkapital, um diese Hardware-Lösungen zu finanzieren. Fintechs, die sich auf die Finanzierung von Climate-Tech-Hardware spezialisiert haben, adressieren genau das: Sie agieren vermehrt als Vehikel, indem sie a) bei der Kreditvergabe mit Partnern zusammen arbeiten oder b) selbst als lizenzierter Kreditgeber spezialisiert auf die Climate-Tech-Infrastruktur fungieren (BaFin-Lizenz).  
  • Flexibilitätsmanagement: Wo Strom fließt, fließt Geld. Wer beispielsweise Solar-Panele auf seinem Dach installiert hat, hofft auf Stromerzeugung, die nicht nur den eigenen Bedarf deckt, sondern sich darüber hinaus weiter monetarisieren lässt. Um diesen “übrigen” Strom auf den weltweiten Energiemärkten anbieten zu können, entwickeln Fintechs unter anderem Trading-Produkte für Endverbraucher. Diese Trading-Produkte optimieren permanent in Echtzeit, ob der Strom gegen die vereinbarten fixen Gebühren eingespeist oder eher auf dem offenen Energiemarkt gehandelt werden sollte. Gerade im dezentralen Stromnetz werden Lösungen, um via flexibler Preisgestaltung Angebot und Nachfrage auszutarieren, von zentraler Bedeutung.

Die Synergien aus Finanz- und Energiemarkt werden immer größer – und damit komplexer. Fintechs, die sich einer Entschlackung der Komplexität annehmen und spezielle Finanzprodukte entwickeln, stehen hohen Wachstumschancen gegenüber.

Umsatzbeteiligung als Geschäftsmodell 

Viele Climate-Tech-Unternehmen generieren, Stand jetzt, den Großteil ihres Profits aus dem Verkauf von Hardware-Produkten und/oder Software-Lizenzen. Mit der Evolution des Marktes und des wachsenden Kundenstammes rückt ein weiterer sogenannter Revenue-Stream in den Fokus: die Umsatzbeteiligung. Durch solche Umsatzbeteiligungen können Climate-Techs stärker am Wachstum partizipieren, im Gegenzug sinkt das unternehmerische Risiko der Partner.

Der Vorteil dieser Modelle: Kunden, die mit diesen Startups zusammen arbeiten, haben es selbst in der Hand, wie sehr sie ins Risiko gehen möchten: Je mehr sie vom Umsatz abtreten, desto sicherer die Investition. Je mehr Umsatz sie selbst einnehmen möchten, desto risiko-affiner sind sie. Nur eine Faustformel ist immer gültig: Je mehr nachhaltig erzeugter Strom fließt, desto größer ist auch der Umsatz dieser Modelle.

Über den Autor


Jan Lozek ist Geschäftsführer und Gründer von Future Energy Ventures. Future Energy Ventures (FEV), gegründet 2016, hat im Januar 2024 den ersten Abschluss des unabhängigen SFDR-Artikel-9-Fonds verkündet. Der Fonds investiert in digitale und digital unterstützte Klimatechnologien mit hohem Potenzial, die Energiewelt neu zu definieren und sauberere, intelligentere Städte aufzubauen. Mit operativen Zentren in Berlin, Tel Aviv und Palo Alto bietet FEV Optionen für Finanzierung, Kooperation und Skalierung durch Industrie- und Investorenpartner.

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Bing Image Creator – DALL·E 3

#Gastbeitrag – Denken mit den Händen: Das ist die Lego Serious Play-Methode

#Gastbeitrag

Lego Serious Play verdeutlicht, wie spielerische Elemente und ernsthafte Geschäftsanwendungen miteinander kombiniert werden können, um einen gemeinsamen Fokus zu schaffen, neue Wege der Problemlösung zu erschließen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Denken mit den Händen: Das ist die Lego Serious Play-Methode

Freitag, 13. September 2024VonTeam

Probleme, Ziele, Ideen und Entscheidungen: Diese Faktoren sind im Business elementar und wirken nicht selten als wichtige Triebfedern für das Wachstum, bedeuten aber gleichzeitig oft auch erhebliche Schwierigkeiten. Jedes Unternehmen steht dann und wann vor der Herausforderung, neue Strategien zweckmäßig umzusetzen, gekonnt mit starken Widerständen umzugehen oder tiefgreifende Beschlüsse festzulegen. Entsprechende Aufgaben müssen gemeinsam, sprich in Zusammenarbeit mit Führungskräften und Teams, gelöst werden. Dabei gilt es für maximale Erfolge unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, das Engagement hochzuhalten, innovative, richtungsweisende Einfälle zu fördern, die Kommunikation effektiv zu gestalten und den gesamten Lösungsweg möglichst schnell bzw. zielsicher zu beschreiten. Die Lego Serious Play-Methode ist ein wortwörtlich spielerisches, aber überaus mächtiges Werkzeug, um genau solche Voraussetzungen zu schaffen.

Was ist Lego Serious Play?

Lego Serious Play ist eine Methode, die auf den Prinzipien des erfahrungsbasierten Lernens und des dialogischen Denkens basiert. LEGO-Steine und der Prozess des Bauens mit diesen dienen hier als zentrale Werkzeuge, um komplexe Probleme zu lösen, Ideen zu generieren und Visionen zu festigen. Der Ansatz übernimmt die Analyse, die Einstellung auf eine gemeinsame Richtung und die Führung zur passenden strategischen Basis, womit sie maßgebend für das anschließende Projektmanagement ist.

Geschichte

Die Ursprünge von Lego Serious Play gehen zurück auf die 1990er Jahre. Gemeinsam mit LEGO suchten die Wissenschaftler Johan Roos und Bart Victor nach einer innovativen Herangehensweise, um Kreativität und unternehmerisches Denken in Teams zu fördern. Ihr Ziel war es, die oft unsichtbaren und unausgesprochenen Einfälle zu fördern und schließlich sichtbar bzw. wirklich nutzbar zu machen. Häufig bleiben mögliche Innovationen im Dunkeln, da sich Teammitglieder nicht einbringen und es keine gemeinsame Perspektive gibt.

Vorteile und Stärken

Im Kern basiert Lego Serious Play auf der Überzeugung, dass jeder Mitarbeiter sehr wertvolle Beiträge liefern und die kollektive Intelligenz einer Gruppe genutzt werden kann, um bessere Lösungen zu finden, sinnvollere Taktiken zu erarbeiten oder effektivere Beschlüsse zu fällen. Die Methode fördert das Denken durch den Einsatz der Hände in spielerischer und damit ungezwungener Weise, was zu einem starken Engagement und der Loslösung von eingefahrenen Mustern beiträgt. Die physische Tätigkeit des Bauens intensiviert die geistige und emotionale Beteiligung und vertieft den Dialog. Durch das Modellieren von Gedanken und Ideen mit LEGO-Steinen wird eine gemeinsame visuelle Sprache geschaffen, die es ermöglicht, unterschiedliche Perspektiven optimal zu integrieren und zudem komplexe Zusammenhänge besser – weil regelrecht bildlich – verständlich zu machen.

Ziele

Die Ziele von Lego Serious Play sind vielfältig: Sie reichen von der Verbesserung der Kommunikation und Zusammenarbeit in Teams über die Entwicklung von Innovationen auf unterschiedlichsten Ebene bis hin zur Klärung erheblicher Schwierigkeiten und der Ausrichtung von gewichtigen Unternehmensstrategien. Der Ansatz an sich fokussiert die Schaffung einer starken und nachhaltigen Lernkultur. Teilnehmer werden ermutigt, ihre eigene Kreativität bzw. Kompetenz bei der Bearbeitung entsprechender Business-Entwicklungen zu entdecken, zu festigen und diese in einem sicheren, unterstützenden Umfeld zu teilen.

Facilitator (Moderator:in)

Ein wesentlicher Aspekt der Lego Serious Play-Methode ist die Rolle des Facilitators (englisch für “Moderator:in”), der den Prozess leitet und sicherstellt, dass die Prinzipien und Techniken der Methode korrekt angewendet werden. Der Facilitator ist dafür verantwortlich, einen Raum zu schaffen, in dem Vertrauen und Offenheit herrschen. Hier führt er die Beteiligten durch präzise Fragen und Übungen, die dazu anregen, genauer zu reflektieren und Gedanken klar zu artikulieren. Der Facilitator unterstützt die Gruppe dabei, ihre kollektive Intelligenz zu nutzen und kreative Lösungen zu entwickeln, die auf den Beiträgen aller Mitglieder basieren.

Anwendungsbereiche: Bei welchen Herausforderungen kann Lego Serious Play helfen?

Mit der Lego Serious Play-Methode kann tatsächlich eine sehr große Bandbreite an typischen Business-Aufgaben bzw. –Herausforderungen bearbeitet werden. Entscheidend ist dabei ein erfahrener Facilitator. Dieser Moderator sollte nicht nur für die Methode zertifiziert, sondern auch im jeweiligen Anwendungsgebiet bewandert sein.

  • Strategische Planung und Visionserstellung: Lego Serious Play macht abstrakte Konzepte greifbar und fördert ein gemeinsames Verständnis sowie eine klare Zieldefinition innerhalb des Teams.
  • Teamentwicklung und -dynamik: Die Methode erleichtert die offene Kommunikation und das Aufdecken sowie Lösen von verborgenen Konflikten, was zu einer verbesserten Zusammenarbeit führt.
  • Innovationsmanagement: Per Lego Serious Play lässt sich die Entwicklung neuer, unkonventioneller Ideen für kreative Managementansätze durch spielerisches Denken und Modellieren unterstützen.
  • Organisationsentwicklung: Der für langfristige Erfolge wichtige Wandel und die Anpassung an neue Herausforderungen können durch eine betreffende Strategievisualisierung im Lego Serious Play-Prozess reibungslos und zweckmäßig gestaltet werden.
  • Problemlösung und Entscheidungsfindung: Der gemeinschaftliche Lego Serious Play-Ansatz ermöglicht tiefgehende Analysen und das Erkennen von wichtigen Zusammenhängen für die Problemlösung und die Entscheidungsfindung, die in traditionellen Besprechungen oft übersehen werden.
  • Kunden- und Stakeholder-Engagement: Durch die Methode besteht die Chance, die Bedürfnisse und Perspektiven von Unternehmenspartnern und anderen Interessengruppen gemeinschaftlich sowie bildhaft und damit sehr effektiv zu erfassen.
  • Komplexitätsmanagement: Mithilfe von Lego Serious Play können vielschichtige Probleme oder Ziele durch die kollektive Intelligenz des Teams sehr zweckmäßig strukturiert und eindeutig kommuniziert werden.
  • Kreative Selbstreflexion und Persönlichkeitsentwicklung: Nicht zuletzt ermöglicht es Lego Serious Play Menschen, ihre Gedanken und Gefühle visuell auszudrücken und persönliche Einsichten zu gewinnen.

Wie funktioniert Lego Serious Play in der Praxis?

Lego Serious Play ist ein geführter Prozess, der normalerweise in bestimmten Schritten erfolgt. Der Facilitator sorgt als zertifizierter Moderator dafür, dass die Gruppe effizient zur optimalen Lösung gelangt.

  1. Definition des Problems: Der Prozess beginnt mit der klaren Definition des Problems, des Ziels oder der Fragestellung. Diese Phase ist entscheidend, um die Richtung und den Fokus der Sitzung festzulegen. Als typisches Beispiel aus der Praxis nehmen wir hier die „Verbesserung der internen Kommunikation zwischen den Abteilungen im Unternehmen“ an.  Der Facilitator arbeitet eng mit den Teilnehmern zusammen, um die spezifischen Kommunikationsprobleme zu identifizieren, die behoben werden müssen. Er stellt sicher, dass die Definition alle relevanten Aspekte abdeckt.
  2. Aufwärmübung: Um die Beteiligten mit den LEGO-Steinen und der Methodik vertraut zu machen, führt der Facilitator eine Aufwärmübung durch. Die in der Sitzung Anwesenden bauen zunächst einfache Modelle, die ihre Persönlichkeit oder aktuelle Kommunikationsmethoden repräsentieren. Diese Einführung hilft, Hemmungen abzubauen und eine kreative Atmosphäre zu schaffen. Der Moderator ist dafür verantwortlich, dass sich alle Teilnehmer wohlfühlen und bereit sind, offen zu kommunizieren.
  3. Bau der individuellen Modelle: Im Anschluss erstellen die Teilnehmer nun individuelle Modelle, die ihre Sicht auf die aktuellen Kommunikationsschwierigkeiten und mögliche Lösungen repräsentieren. Jeder der Anwesenden erhält die gleiche Auswahl an LEGO-Steinen und wird ermutigt, seine Gedanken und Konzepte physisch zu visualisieren. Der Facilitator stellt sicher, dass alle gleichberechtigt sind und ungestört arbeiten können. Ein Beispielmodell könnte eine metaphorische Darstellung eines Kommunikationsflusses sein, der an bestimmten Punkten blockiert ist. Es geht hier nicht darum, ein möglichst schönes Ergebnis abzuliefern, sondern eher um die Gedanken und den Fluss der Ideen dahinter. Selbst einfachste Konstrukte können bei der richtigen Intention maßgebend sein. Es ist wichtig, dass der Moderator diese Denkweise vermittelt.
  4. Erklärung und Reflexion: Nach dem Bau erklärt jeder Teilnehmer sein Modell und die damit verbundenen Gedanken. Der Facilitator moderiert diese Phase, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten gehört werden und ein respektvoller Austausch stattfindet. Ein praktisches Beispiel könnte eine modellbasierte Erklärung sein, die aufzeigt, wie mangelnde Kommunikationswege an bestimmten Stellen des Flusses bzw. zwischen spezifischen Abteilungen zu Missverständnissen und ineffizienten Arbeitsabläufen führen.
  5. Gemeinsame Modelle und Integration: Die individuellen Modelle werden zusammengeführt, um ein gemeinsames Konstrukt zu schaffen, das die kollektive Vision oder Lösung der Gruppe repräsentiert. Der Facilitator leitet die Diskussion und hilft dabei, verschiedene Ideen und Ansätze zweckmäßig zu integrieren. Um hier zu einem optimalen Ergebnis zu kommen, ist gewisses Know-how im Anwendungsbereich, also in diesem Fall der Kommunikationsoptimierung, sehr wichtig. Ein Gruppenmodell könnte eine ideale Kommunikationsstruktur darstellen, bei der regelmäßig stattfindende Meetings und ein zentrales Informationssystem implementiert werden.
  6. Schlussfolgerungen und Aktionsplan: Zum Abschluss der Sitzung werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und konkrete Maßnahmenpläne entwickelt. Der Facilitator unterstützt die Gruppe dabei, praktikable Schritte zu formulieren, die auf den in den vorherigen Schritten entwickelten Ideen basieren. In unserem Beispiel könnte dies die Einführung einer neuen Kommunikationsplattform und regelmäßiger interdisziplinärer Team-Besprechungen umfassen.
  7. Dokumentation der Ergebnisse: Der Facilitator sorgt dafür, dass alle während der Sitzung erarbeiteten Modelle und Diskussionen umfassend dokumentiert werden. Dies kann durch Fotos der Kreationen und schriftliche Zusammenfassungen der Diskussionen geschehen. Selbstverständlich ist auch der aufgesetzte Aktionsplan Teil dieser Erfassung. Die Dokumentation dient als Referenz und stellt sicher, dass keine wichtigen Erkenntnisse verloren gehen.

Damit ist der wesentliche Teil der Lego Serious Play-Methode abgeschlossen. Es gibt jedoch noch weitere zusammenhängende und überaus wichtige Schritte, die gewährleisten, dass die gewonnenen Einsichten bzw. die entwickelten Ideen, Lösungen, Visionen und Strategien auch tatsächlich zweckmäßig in die Praxis umgesetzt werden.

  1. Feedback und Reflexion: Die Teilnehmer reflektieren über den gesamten Prozess und geben Feedback zu ihrer Erfahrung mit der Methode. Der Facilitator sammelt dieses Feedback, um die Vorgänge für zukünftige Sitzungen zu verbessern. Diese Phase hilft den Beteiligten nicht zuletzt, ihre eigenen Lernprozesse besser zu verstehen. Damit können sie entsprechende Vorgänge auch zukünftig im Team und für sich selbst bewusster umsetzen.
  2. Realisierung der Aktionspläne: Die entwickelten Aktionspläne werden in die Tat umgesetzt. Der Facilitator kann eine unterstützende Rolle übernehmen, indem er die Schritte überwacht und bei Bedarf weitere Workshops oder Sitzungen organisiert, um den Fortschritt zu überprüfen und anzupassen. In dieser Phase werden die theoretischen Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen überführt. Man stellt die neue Kommunikationsplattform in Dienst und veranstaltet regelmäßige Team-Meetings.
  3. Follow-up-Sitzungen: Um das Vorankommen beim Vorhaben und die korrekte Umsetzung der Aktionspläne zu überwachen, organisiert der Facilitator Follow-up-Sitzungen. Diese dienen dazu, eventuell auftretende Probleme zu besprechen und gegebenenfalls frühzeitig Veränderungen durchzuführen, bevor etwas schiefläuft.
  4. Langfristige Integration und Kulturveränderung: Die langfristige Integration der während der Lego Serious Play-Sitzung gewonnenen Erkenntnisse und entwickelten Strategien kann zu nachhaltigen Kulturveränderungen innerhalb der Organisation führen. Der Facilitator unterstützt diesen Prozess durch kontinuierliche Beratung und weitere Workshops, um die neuen Ideen und Arbeitsweisen fest in der Organisation zu verankern.

Fazit

Lego Serious Play verdeutlicht, wie spielerische Elemente und ernsthafte Geschäftsanwendungen miteinander kombiniert werden können, um einen gemeinsamen Fokus zu schaffen, neue Wege des Denkens sowie der Problemlösung zu erschließen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Die Methode hat sich seit ihrer Erfindung zu einer schlagkräftigen Lösung für die Bearbeitung verschiedenster Business-Arbeiten bzw. -Herausforderungen entwickelt und findet heute weltweit bei Top-Konzernen Anwendung. Eine ihrer größten Vorteile liegt in der Nutzung der kindlichen Freude am Spielen und Bauen, die Engagement, Offenheit und letztlich herausragende – weil kreativ und gemeinschaftlich erreichte – Ergebnisse fördert. Zudem ist der Prozess schnell zu verstehen und einfach umzusetzen. Für maximale Erfolge muss jedoch ein zertifizierter und erfahrener Moderator involviert sein, der alles zusammenhält.

Über den Autor


David Hillmer ist ein führender Experte im Bereich Agile und New Work. Als Agile Coach, Lego Serious Play-Trainer und Geschäftsführer von HelloAgile begleitet er mit seinem Team Unternehmen auf dem Weg zu zeitgemäßen Formen der Arbeit wie OKR und Scrum. Seine Arbeit umfasst Aus- und Weiterbildungsprogramme sowie Zertifizierungstrainings in den verschiedenen agilen Ansätzen. Zudem ist David Autor des Bestsellers „PLAY! Der unverzichtbare Lego Serious Play Praxis-Guide“. Sein Wissen teilt er auch als Dozent für Entrepreneurship an der Fresenius University und Podcast Host von „Unboxing New Work“. 

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Shutterstock

#Gastbeitrag – Über die Parallelen von Extremsport und Unternehmensgründung

Als Profikletterer und Abenteurer habe ich immer wieder festgestellt: Die wichtigste Parallele zum Unternehmertum ist die, dass sowohl Kletterer als auch Führungskräfte, generell die Leistungsträger in der Wirtschaft, nicht nur kühl kalkulierender Realisten sein müssen, sondern zuallererst Visionäre. Denn ohne die aus einem Traum gewachsene Zielsetzung einer alpinistischen Unternehmung, würden niemals neue und schwierigere Wände durchstiegen werden. Und ohne Visionen wären auch in der Wirtschaft keine Innovationen möglich und damit auch keine Vorteile gegenüber den – meist auch nicht gerade untätigen – Mitbewerbern. 

Es reicht daher auch nicht aus, wenn Führungskräfte Ziele einfach nur ausgeben. Ihre Überzeugung, Begeisterung und Leidenschaft für die Maßnahmen müssen für das Team spürbar sein. Nur wenn ich als Leistungsträger und Führungskraft authentisch wahrgenommen werde, kann ich auch unpopuläre Maßnahmen durchsetzen.

VIER TRAGENDE SÄULEN FÜR DEN ERFOLG

Meine Expeditionen und damals auch mein Unternehmen – den Kletterausrüstungs-Anbieter Red Chili – stelle und stellte ich immer auf vier tragende Säulen:

Das Material

Die am einfachsten zu bauende Säule ist das Material. Wenn ich aufgrund der Analyse eines Ziels ein entsprechendes Anforderungsprofil für die Expedition oder ein Projekt erstellt habe, kann ich relativ präzise bestimmen, welche Hilfsmittel ich einsetzen muss, um Arbeitsprozesse zu erleichtern und zu beschleunigen. Dabei ist aber das Material nur so viel wert, wie die Fähigkeiten seines Benutzers. Ich kann mir das beste Kletterseil der Welt kaufen, es hält Tonnen. Aber wenn ich es unachtsam über eine messerscharfe Felskante laufen lasse, kann es im Fall eines Sturzes wie mit einem Messer durchtrennt werden. Auf der anderen Seite, wenn ein Team tonnenweise eurogenormte Sicherheitsausrüstung mitschleppt, kann die Fülle an Ausrüstung das Team so schwerfällig und unbeweglich machen, dass auch in diesem Fall das Ziel eine Illusion bleiben wird. Es erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, um festzustellen, welches Material ich unbedingt benötige und auf welches ich verzichten kann.

Physische Leistungsfähigkeit

Die zweite tragende Säule ist die körperliche Leistungsfähigkeit. Eine komplexe Unternehmung wie eine Antarktisexpedition oder eben ein Firmen-Startup erfordert sehr viel Energie während der einzelnen Abschnitte und über einen extrem langen Zeitraum. Das heißt, ich muss sehr schnell lernen, mit meiner Energie – die begrenzt ist – wirtschaftlich umzugehen. Ich muss lernen, die Energiereserven nicht unnötig zu verschwenden und die Leistung punktgenau abzurufen.

Das Team

Die dritte tragende Säule ist das Team. Alleine kann ich die immensen Aufgaben, die sich bei einer Expedition oder Unternehmensgründung stellen, unmöglich bewältigen. Ich benötige ein Team das in der Lage ist, meine Fähigkeitslücken auszugleichen. Neben der rein fachlichen Qualifikation jedes einzelnen Expeditionsmitglieds ist seine Teamfähigkeit entscheidend für den Erfolg der Unternehmung. Bei einer Expedition mit schwieriger Zielsetzung sind die Teilnehmenden alle Hochleistungsindividualisten, die bereit sind, ihre persönlichen Zielsetzungen dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. 

Ich erwarte von jedem Expeditionsmitglied dieselbe Leidenschaft für dieses Ziel wie ich sie selbst empfinde. Wer diese Leidenschaft nicht hat, ist für die Unternehmung genauso wenig geeignet, wie für die Firmengründung und wird zum Risikofaktor.

In einem harmonisch funktionierenden, hoch qualifizierten Team kennt jeder und jede Einzelne die Stärken, aber vor allem Schwächen der anderen. Alle wissen, dass sie sich auf die anderen hundertprozentig verlassen sowie Fehler und Ängste zugeben können, ohne dass es ihnen zum Nachteil ausgelegt wird. Und alle sind bereit, auch “Wasserträgerdienste” zu übernehmen. Alle müssen auch einmal die Arbeit der anderen tun und dürfen sich nicht nur auf ihre Spezialdisziplin konzentrieren. Sepp Herberger, die deutsche Fußballnationaltrainer-Legende prägte einmal das geflügelte Wort: “Es spielen nicht die elf besten Spieler, sondern es spielen die elf, die am besten zusammenspielen.” 

Mentale Leistungsfähigkeit

Die vierte tragende Säule – vielleicht die wichtigste – ist die mentale Leistungsfähigkeit. Wie gut und vor allem wie realistisch habe ich mich auf die bevorstehenden Aufgaben vorbereitet? Eine der wichtigsten Eigenschaften, sozusagen die Lebensversicherung für Kletterer, aber auch für Führungskräfte, ist die realistische Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und das ehrliche Hinterfragen ihrer Ambitionen. Die meisten Bergunfälle, aber auch viele Firmenpleiten passieren aufgrund fahrlässiger Selbstüberschätzung.

Die Frage, ob ich wirklich dazu bereit bin, all diese Entbehrungen, diese Ausgesetztheit und Einsamkeit in einer menschenfeindlichen Region und die damit verbundenen Zweifel an dem Erfolg zu akzeptieren, diese Frage muss ich mir ehrlich im Vorfeld der Expedition beantworten. Ich darf während des Unternehmens, auch nach einer Woche im Schneesturm in einem kleinen Zelt, nicht den Tiger aus den Augen verlieren, um beim nächsten Schönwetterfenster die vielleicht letzte Chance auf den Gipfel wahrzunehmen und nicht resigniert den Rückzug anzutreten. 

Doch gilt auch für die mentale Leistungsfähigkeit, das gleiche Prinzip wie bei der Einteilung der körperlichen Ressourcen: Auch mental ist der Mensch nur begrenzt leistungsfähig und auf den “Windschatten” seiner Teammitglieder angewiesen. Jeder durchlebt auf einer Expedition in den Grenzbereich oder bei einer Unternehmensgründung Phasen der Resignation. Darauf muss ich vorbereitet sein und mich auch mental für einige Zeit hinter meinen Partnern einreihen können. 

Über den Autor


Stefan Glowacz ist Profikletterer- und Abenteurer und war lange Zeit auch Unternehmer. Vor ca. 25 Jahren gründete er das Unternehmen Red Chili. Das Unternehmen entwickelte, produzierte und vertrieb Kletterschuhe und Klettermode international. In dieser Zeit hat er alle Höhen und Tiefen des Unternehmertums kennengelernt und festgestellt, dass sich dieses kaum von seinen Expeditionen, die ihn ans Ende der Welt führten, unterschieden hat. Vor acht Jahren verkaufte er Red Chili und widmet sich seitdem ausschließlich seinen Expeditionen, Vorträgen, Büchern und Dokumentationen.

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Stefan Glowacz

#Gastbeitrag – Industrielle KI als Chance für deutsche Startups

#Gastbeitrag

Das Potenzial künstlicher Intelligenz (KI) für die Industrie ist riesig. Die Anwendungsmöglichkeiten in produzierenden Unternehmen reichen von der Logistikdatenanalyse über Qualitätssicherung und Maschinensteuerung bis hin zu völlig neuen digitalen, datenbasierten Geschäftsmodellen.

Industrielle KI als Chance für deutsche Startups

Dienstag, 10. September 2024VonTeam

Transporter, die selbstständig ihren Weg durch Fabrikhallen finden, Anlagen, die ihren Energieverbrauch optimieren und Maschinen, die während der Fertigung bereits Qualitätskontrollen vornehmen und nachjustieren – das Potenzial künstlicher Intelligenz (KI) für die Industrie ist riesig. Die Anwendungsmöglichkeiten in produzierenden Unternehmen reichen von der Prozess- und Logistikdatenanalyse über Qualitätssicherung und Maschinensteuerung bis hin zu völlig neuen digitalen, datenbasierten Geschäftsmodellen und dem virtuellen Kundenkontakt durch Chatbots. Die Industrienation Deutschland hat die Chance, eine führende Rolle in diesem Bereich zu übernehmen. Eine Gelegenheit vor allem für Startups, in den lukrativen industriellen Markt vorzudringen. Unternehmer, KI-Experte und Tech-Investor Hauke Hansen erläutert, was dabei zu beachten ist.

Die nächste industrielle Revolution

Nach einem von MarketsandMarkets (“Industrial Artificial Intelligence Market by Technology, End-User Industry, and Region – Global Forecast to 2026”) prognostizierten Marktvolumen von 16 Milliarden Dollar bis 2026 wird industrielle KI eines der bedeutendsten Transformationsfelder überhaupt. Sie läutet eine neue Ära der industriellen Revolution ein, die vor allem hochqualifizierte Fachkräfte betrifft. KI-Technologien werden industrielle Geschäftsmodelle grundlegend verändern.

Startups als Innovationstreiber industrieller KI

Trotz Defiziten in Bereichen wie großen Sprachmodellen (LLMs) oder der Verfügbarkeit von Risikokapital hat Deutschland eine ausgezeichnete Ausgangsposition im Bereich der industriellen KI. Die deutsche Wirtschaft kann durch deren aktiven Einsatz ihre Wertschöpfung innovativ weiterentwickeln und so zum zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstand beitragen. Während der Markt für LLMs und Enterprise-AI weitgehend verteilt ist, ist das Rennen um die führende Position bei industrieller KI noch offen – mit guten Chancen für deutsche und europäische Unternehmen. Startups spielen hierbei als Innovationsmotor eine zentrale Rolle.

Industrielle KI bereits heute im Einsatz

Industrielle KI revolutioniert schon heute verschiedene Industriebereiche durch Prozessoptimierung, Effizienzsteigerung und die Lösung komplexer Herausforderungen. Beispiele hierfür sind:

  • Siemens: Als eines der führenden Industrieunternehmen in Deutschland nutzt Siemens KI in verschiedenen Bereichen, insbesondere für vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) und Prozessoptimierung.
  • SAP: Als Softwareunternehmen entwickelt SAP KI-Lösungen für verschiedene industrielle Anwendungen, darunter Lieferkettenoptimierung und intelligente Datenanalyse.
  • BMW nutzt KI in der Qualitätssicherung, besonders bei der visuellen Inspektion von Karosserieteilen. Kameras erfassen Bilder, die von ML-Algorithmen analysiert werden, um Fehler in der Lackierung oder anderen Oberflächen zu erkennen.
  • Bosch verwendet KI zur Optimierung der Vertriebs- und Betriebsplanung. Durch die Analyse historischer Verkaufsdaten und anderer Faktoren kann das Unternehmen die Nachfrage besser vorhersagen und die Produktion anpassen.
  • Norcom Information Technology: Das Unternehmen bietet innovative KI-Technologien an – darunter die Aufbereitung von Daten für KI-Anwendungen, individuelle KI-Apps und unternehmenseigene Chatbots – und ist auch im Bereich Big Data tätig.

Erfolgsstrategien für Startups im Bereich der industriellen KI

Industrielle KI bietet deutschen Startups besondere Chancen. Ein Drittel der KI-Gründungen in Deutschland sind universitär und forschungsnah, was ein erhebliches Potenzial für den Transfer von Spitzenforschung in die Praxis darstellt. Allerdings haben es junge Startups oft schwer, Zugang zu etablierten Unternehmen zu finden und müssen auf ihrem Weg einige Hürden überwinden:

  • Daten-Zugang: Technische und spezifische Daten sind für das Training industrieller KI-Lösungen unerlässlich. Diese Daten befinden sich oft bei etablierten Unternehmen, die sie ungern teilen. Partnerschaften können den Zugang zu den notwendigen Daten ermöglichen. Vertrauen und Datenschutz sind dabei entscheidende Faktoren.
  • Integration in bestehende Systeme: Die Integration neuer KI-Technologien in bestehende industrielle Systeme ist essenziell, kann jedoch komplex und zeitaufwendig sein. Startups sollten skalierbare und interoperable Lösungen entwickeln, die sich nahtlos einfügen lassen.
  • Vertrauen und Akzeptanz: Viele Industrieunternehmen stehen neuen Technologien skeptisch gegenüber und bevorzugen bewährte Lösungen. Startups müssen nachweisbare Erfolge vorweisen und eng mit ihren Kunden zusammenarbeiten, um Vertrauen zu gewinnen. Erfolgreiche Pilotprojekte und Fallstudien sind hierbei hilfreich.

Um diese Herausforderungen zu meistern, können Startups folgende Strategien verfolgen:

  • Kundennutzen: Die Entwicklung von Lösungen, die konkrete und messbare Vorteile bieten, ist entscheidend. Startups sollten sich auf die Lösung spezifischer Probleme konzentrieren und ihren Kunden klare Mehrwerte aufzeigen.
  • Nachweisbare Erfolge: Erfolgreiche Pilotprojekte und Fallstudien schaffen Vertrauen bei potenziellen Kunden und fördern die Akzeptanz neuer Technologien.
  • Partnerschaften und Kooperationen: Enge Zusammenarbeit mit etablierten Industrieunternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen erleichtert den Zugang zu Ressourcen und Daten und stärkt das Vertrauen in neue Technologien.
  • Flexibilität und Agilität: Startups sollten flexibel und anpassungsfähig sein, um schnell Lösungen auf den Markt zu bringen, für deren Entwicklung etablierte Unternehmen Jahre benötigen.
  • Verschiedene Finanzierungsquellen: Neben Risikokapital sollten Startups auch andere Finanzierungsquellen wie staatliche Förderprogramme und strategische Investitionen in Betracht ziehen, um ihren Finanzbedarf insbesondere in der Frühphase zu decken.

Deutsche Startups im Bereich der industriellen KI

Deutschland verfügt über eine wachsende Anzahl von Startups, die im Bereich der industriellen KI wesentliche Innovationen vorantreiben, darunter erfolgreiche Scale:

  • Twaice, gegründet 2014 von Michael Baumann und Stephan Rohr von der TUM, hat sich auf vorausschauende Analytiksoftware für Lithium-Ionen-Batterien spezialisiert. Ihre KI-Technologie optimiert sowohl die Entwicklung als auch den Betrieb von Batterien, was besonders für die Elektromobilität und erneuerbare Energien relevant ist.
  • KONUX, ebenfalls gegründet 2014, kombiniert KI und IoT, um die Wartung von Eisenbahninfrastrukturen zu optimieren. Ihre Systeme überwachen kontinuierlich den Zustand von Weichen und anderen kritischen Komponenten, um Ausfälle vorherzusagen und die Instandhaltung zu verbessern.
  • TwentyBN aus dem Jahr 2015 entwickelt KI-basierte Lösungen für die visuelle Erkennung und Interaktion. Ihre Technologie wird in der Robotik eingesetzt, um Maschinen das Verständnis und die Reaktion auf visuelle Reize zu ermöglichen
  • Gestalt Robotics kombiniert die Vorteile von KI und Robotik, um innovative Lösungen für die Fertigungsindustrie zu schaffen. Sie integrieren KI in Robotersysteme, um diese intelligenter und anpassungsfähiger zu machen.

Für den auf KI-Startups spezialisierten AI.FUND ist industrielle KI eines der interessantesten Investitionsfelder in Europa. Etwa 10% der über 6000 KI-Startups in der Datenbank des Fonds sind im Bereich industrieller KI aktiv. Beispiele sind das auf LIDAR-Sensorik spezialisierte Startup BlickfeldTvarit für verlustarme Metallverarbeitung, flexible und mobile Roboter von Arculus oder zerstörungsfreies Testen mit Deeplify.

Fazit

KI in der Industre bietet Deutschland einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil. Mit der richtigen Strategie, gezielten Investitionen und der Förderung von Kooperationen kann unser Land seine führende Position in der globalen Industrie weiter ausbauen. Innovative Startups im Bereich industrieller KI können eine wesentliche Rolle dabei spielen, diese nächste Entwicklungsstufe erfolgreich zu meistern. Fabian Westerheide schreibt dazu in seinem Buch “KI Nation”: “Industrielle KI ist der Schlüssel zur Sicherung unserer wirtschaftlichen Zukunft. Deutschland hat das Wissen und die Fähigkeiten, um in diesem Bereich führend zu sein – wir müssen nur den Mut haben, diese Chancen zu ergreifen.”

Über den Autor


Hauke Hansen ist Unternehmer, KI-Experte und Tech-Investor. Mit dem Hamburger Frühphasen-Investor AI.FUND investiert Hansen gezielt in “Geschäftsmodelle auf Basis angewandter KI”. Hinter dem AI.FUND stecken mit Hauke Hansen, Ingo Hoffmann, Fabian Westerheide, Petra Vorsteher, John Lange und Ragnar Kruse gleich mehrere erfahrene Unternehmen:innen. In das Münchner Startup Sinpex investierte AI.FUND bereits.

Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.

Foto (oben): Bing Image Creator – DALL·E 3 

Este sitio web utiliza cookies para que usted tenga la mejor experiencia de usuario. Si continúa navegando está dando su consentimiento para la aceptación de las mencionadas cookies y la aceptación de nuestra política de cookies, pinche el enlace para mayor información.

ACEPTAR
Aviso de cookies