Viele setzen beim Wirtschaftsstudium auf renommierte Universitäten. Ein Abschluss dort bringe zwar ein gutes Netzwerk, garantiere jedoch nicht, dass jemand später beruflichen Erfolg habe, sagt Personalberater Tim Oldiges.
Das Curriculum der Universitäten ähnele sich – und von ihrem Fachwissen würden Berufstätige im Job später sowieso nur fünf bis zehn Prozent anwenden. Wichtiger sei es, seine Motivation, Neugier, Begeisterungsfähigkeit oder den Umgang mit Komplexität zu schulen.
„Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Dies ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, so der Headhunter. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden. Für viele eigne sich etwa ein duales Studium sogar eher.
Das Credo vieler Wirtschaftsstudentinnen und Wirtschaftsstudenten lautet seit jeher: besser an einer der Universitäten mit klingenden Namen studieren als an einer Allerweltshochschule. Ein Bachelor aus Mannheim, Köln, St. Gallen oder der WHU in Vallendar wäre das Kreuzass im Lebenslauf, glauben viele.
Nach Ansicht von Experten wie dem Personalberater Tim Oldiges ist dies jedoch falsch. Der 41-jährige Inhaber der HR-Firma Headgate sucht Top-Führungskräfte für deutsche Mittelständler mit mehr als 1000 Mitarbeitern und kennt sich mit Biografien aus. Er sagt: „Es ist ein Irrtum, dass die besten zukünftigen Führungskräfte ausschließlich von Elite-Unis kommen.“
Oldiges berichtet von einem Professor an der Stanford University in Kalifornien, einer der amerikanischen Elite-Schmieden, der eine interessante Erfahrung gemacht hat. Der Mann stellte seinen Kurs bei einer Online-Universität allen Interessierten zur Verfügung. Und plötzlich saßen nicht nur 100 oder 200 Studenten im Hörsaal, sondern ihm lauschten Tausende Interessierte aus der ganzen Welt.
Während der Zugang zur Stanford Universität hoch kompetitiv ist und die Studierenden (mit Ausnahmen) dort sehr hohe Studiengebühren berappen, mussten die freien Studierenden keine Eingangskriterien erfüllen. Sie zahlten für ihren Kurs bei Udacity, einer von einem ehemaligen Google-Manager gegründeten Weiterbildungsplattform, lediglich einen kleinen Betrag. „Dann ließ der Professor die beiden Gruppen eine Klausur schreiben. Das Ergebnis überraschte: Der beste Hörsaal-Besucher landete mit seiner Klausur auf Platz 413. Ganze 412 Allerweltsstudierende hatten mehr Punkte als die Stanford-Elite“, erzählt Oldiges.
„Die intelligentesten Studenten kamen also nicht von der Elite-Uni. Ein Abschluss dort garantiert auch nicht, dass jemand später beruflichen Erfolg hat“, ist Oldiges überzeugt. Die Lehrpläne an deutschen Fakultäten für Betriebswirtschaftslehre (BWL) würden sich ohnehin grundsätzlich ähneln, aber auf das Curriculum käme es auch gar nicht an „Wer später ein großes Team Hunderter Mitarbeitern führt, benötigt ganz andere Kompetenzen als einen bestimmten Kurs in Marketing.“
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Dies seien vor allem acht Eigenschaften, nach denen er im Gespräch mit Bewerbern gezielt suche. Dazu gehörten zum Beispiel Intelligenz, intrinsische Motivation, Neugier, gute Kommunikation, Begeisterungsfähigkeit oder der Umgang mit Komplexität. Von ihrem Fachwissen dagegen würden Berufstätige im Job später nur fünf bis zehn Prozent anwenden. Die Mär, dass jemand, der bei den großen Wirtschaftsberatern, bei Goldman Sachs oder den oberen Etagen der Dax-Unternehmen, landen möchte, sich zwingend bei den Spitzenreitern der Uni-Rankings einschreiben müsse, sei dennoch verbreitet.
Manche der Elite-Unis kosten bis zu 60.000 Euro pro Jahr
Die WHU (Otto Beisheim School of Management), die Frankfurt School of Finance and Management oder St. Gallen sowie die Universität Mannheim lägen seit Jahren hoch im Kurs bei BWL-Studenten. Das seien zweifelsohne gute Hochschulen, sagt Oldiges, aber ein paar seien eben auch privat und daher sehr teuer. Manche kosteten bis zu 60.000 Euro pro Jahr und pflegten sorgsam den Ruf, dass dort wahlweise Industrielle, Startup-Millionäre oder Top-Manager ihre Töchter und Söhne hinschicken in der Hoffnung, die „richtigen“ Leute kennenzulernen.
„Da bleibt man unter sich und pflegt das Netzwerk“, sagt der HR-Experte. Dieses Netzwerk dürfe man nicht unterschätzen. Die Verbindungen hielten weit über das akademische Leben hinaus. „Aber niemand kann garantieren, dass dieses Netzwerk später auch dabei hilft, ein Unternehmen erfolgreich zu führen.“
Anstatt sich auf Rankings zu fokussieren, rät Oldiges Studierenden aber, folgende Fragen zu stellen: „Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich?“ Denn eines sei klar: „Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Dies ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, so der Headhunter. „Wir sind alle verschieden und benötigen daher unterschiedliche Dinge, um im Studium wie im Berufsleben zu reüssieren.“ Es wäre ja irrwitzig, wenn bei der Breite an Talenten, an Persönlichkeiten sowie der Biografien nur ein Weg für alle passen würde, so Oldiges. „Dennoch wünschen sich viele den einen Experten, der sagt, wie es geht, und einen klaren Weg vorgibt. Der Wunsch nach Orientierung ist sehr groß bei jungen Menschen.“
Was heißt das jetzt für Abiturienten, die einen Abschluss in Wirtschaft anstreben, sei es in BWL, im Bereich Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen oder einem der vielen anderen Studiengänge in diesem Bereich? Für viele von ihnen sei ein praktisch orientierter Studiengang, etwa an einer Berufsakademie oder ein duales Studium passend. Denn dort würden Theorie und Praxis verbunden und der Berufsstart falle vielen leichter, ist Oldiges überzeugt. „Dieser Weg bietet Orientierung und Anleitung, Feedback innerhalb von praktischen Phasen im Studium.“
Zugang zu vielen Elite-Unis: hohe Hürde für normale Familien
Ein wichtiger Punkt sei auch, dass bei der Wahl einer teuren privaten Universität, besonders auch in den USA, der Druck auf die Studierenden sehr groß sei. „Diese Unis sind Gelddruckmaschinen, die mit viel Marketing den elitären Nimbus nähren. In meiner Zeit in Kalifornien sagte mir ein amerikanischer Professor, dass er seine Tochter nicht an eine der Elite-Unis schicken würde. Der Druck sei zu groß.“
Nicht jeder junge Mensch mit einer noch nicht ausgereiften Persönlichkeit sei dem gewachsen. Es ginge an diesen Hochschulen hoch kompetitiv zu. Zu dem Leistungsdruck komme dann noch der Stress, es um jeden Preis schaffen zu müssen – da ja die Eltern so viel Geld für das Studium hinlegen würden. „Wer unter großem Druck steht, hat keinen Spaß. Aber wir wissen aus der Hirnforschung, dass man besonderes gut lernt, wenn etwas Spaß macht. Das gilt für Kinder, Jugendliche sowie für Erwachsene“, so der Personalberater. Auch hier gelte es abzuwägen, wie resilient ein junger Mensch schon ist. Der Zugang zu vielen Elite-Unis sei eine hohe Hürde für normale Familien, sagt Oldiges.
Eine gute Initiative findet Oldiges, dass es inzwischen gute lokale Kooperationen zwischen Universitäten und Hochschulen mit den Unternehmen vor Ort gebe. „Es gibt Studierende, die wollen in der Nähe ihres Heimatortes bleiben. Für sie ist eine solche Hochschule sehr gut geeignet, da bereits Kooperationen mit Firmen vor Ort bestehen.“ Die Universität Gießen und die Technische Hochschule Mittelhessen sind ein Beispiel für eine solche regionale Kooperation.
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Oldiges befürwortet die Demokratisierung des Wissens und den freien Zugang zur Bildung. Dies habe viele Vorteile. Daher hält Oldiges auch die klassisch angebotenen privaten MBA-Abschlüsse (Master of Business Administration) für diskussionswürdig. „Da zahlt man 50.000 Euro für den Abschluss, aber es ist viel Wissen frei verfügbar, und wesentliche Dinge, die man über Entrepreneurship erfahren sollten, sind nicht Teil des Lehrplans.“
Ebenfalls wesentlich sei es, Teamplayer auszubilden. Aufgrund der Komplexität der Probleme brauche man Menschen, die in Teams arbeiten könnten. „Der Einzelkämpfer mit dem Superwissen hat ausgedient“, sagt er. Es brauche heute viele verschiedene Player, die ihre Talente zusammenbringen, um in der Wirtschaft nachhaltig erfolgreich zu sein.
Wer auf Jobsuche ist oder es schon einmal war, kennt das Gefühl: Die perfekte Stellenausschreibung scheint gefunden, der Lebenslauf für die Bewerbung ist schnell geschrieben und kann meist für andere Bewerbungen wiederverwendet werden.
Das Verfassen eines Anschreibens kostet hingegen häufig viel Zeit und löst bei vielen Frustration aus. Doch die Mühe kann sich durchaus lohnen.
Eine Umfrage von ResumeLab unter 200 Personalverantwortlichen hat ergeben, dass 83 Prozent der Personaler Bewerber mit einem überzeugenden Anschreiben auch dann zu einem Vorstellungsgespräch einladen, wenn deren Lebenslauf nicht perfekt zur Stellenausschreibung passt.
Ein gut geschriebenes Anschreiben sollte eure Begeisterung für den Job zum Ausdruck bringen und dem Unternehmen dabei helfen, euren Charakter besser einzuschätzen. Genau das fällt jedoch vielen Bewerbern schwer.
Laut Siegel treiben sich da draußen beliebte Ratschläge zum Thema Anschreiben herum, die leider falsch sind. Die Folge: “ [Das Anschreiben] ist dann eher eine Demonstration der eigenen Kommunikationsfähigkeit und ein Versuch, eine kurze Zusammenfassung der eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen zu schreiben.“
Das Anschreiben zu nutzen, um die eigenen Qualifikationen aufzuführen, ist laut Siegel ein großer Fehler. Schließlich sollten diese Informationen bereits in eurem Lebenslauf ersichtlich werden. „Und tatsächlich ist der größte Fehler, den ein Bewerber machen kann, sein Anschreiben damit zu beginnen, über sich selbst zu sprechen.“
Ähnlich wie bei einem ersten Treffen macht es auch im Anschreiben einen besseren Eindruck, zunächst erstmal Interesse am Gegenüber zu zeigen, als wenn man nur von sich selbst spricht. Sprecht über das Unternehmen, bei dem ihr euch bewerbt, und darüber, warum ihr so gerne dort arbeiten würdet.
Überzeugt mit eurer Begeisterung!
Die große Kunst besteht darin, Personaler innerhalb kürzester Zeit mit eurer Begeisterung anzustecken und euch damit Aufmerksamkeit zu verschaffen. Fragt euch also, warum ihr euch ausgerechnet bei diesem Unternehmen bewerben wollt. Welche Vision oder welches Produkt begeistert euch? „Zeigt Enthusiasmus, zeigt, dass ihr recherchiert habt, und zeigt, dass ihr euch dort einbringen und einen Beitrag leisten wollt“, sagt Siegel.
Er empfiehlt, mit folgendem Satz in das Anschreiben einzusteigen: „Ich freue mich sehr, mich auf diese Stelle zu bewerben, weil…“
Diese Herangehensweise gibt nicht nur der Firma die Chance, euch und eure Beweggründe besser zu verstehen. Die Frage, was euch an dem Unternehmen oder der Stelle begeistert, hilft euch auch dabei, euch darüber klar zu werden, welcher Job euch besonders begeistert und in welche Bewerbung ihr daher besonders viel Zeit investieren wollt.
Dieser Artikel erschien bei Business Insider bereits im Januar 2021. Er wurde nun erneut geprüft und aktualisiert.
Mit einer eigenen Firma wollte Christina Schmitt vieles besser machen als frühere Arbeitgeber. Doch zwei Jahre später steht sie vor einem Scherbenhaufen, wie sie erzählt.
Die Unternehmerin Christina Schmitt teilt auf Linkedin ihre Ängste vor der drohenden Insolvenz ihrer Firma: „Von einem Burnout nicht mehr weit entfernt“. (Symboldbild)
Getty Images / Elva Etienne
Als Ort der öffentlichen Selbstgeißelung ist Linkedin wahrlich nicht bekannt. Im Gegenteil: Besonders der eng vernetzten Startup-Szene dient das Karrierenetzwerk eher als Schaufenster für Erfolge. Millionenschwere Finanzierungsrunden werden gefeiert, Exits verkündet und neue Arbeitsmethoden geteilt, die Gründerinnen und Gründern helfen sollen, noch mehr aus ihrer 80-Stunden-Woche rauszuholen. Man lobt, motiviert und gratuliert sich.
Umso mehr überrascht aktuell ein Post der Unternehmerin Christina Schmitt. Vor zwei Jahren machte sich die studierte Werbefachfrau mit einer Marken- und Strategieagentur selbstständig. Zuvor hatte Schmitt ihrem Linkedin-Profil zufolge bei verschiedenen Arbeitgebern in Festanstellung gearbeitet, zuletzt bei einer Webagentur. Der Lebenslauf macht den Eindruck, als sei die Idee für ein eigenes Startup wohl überlegt gewesen.
Mit 50.000 Euro im Minus
Darauf lässt der Post, den Schmitt am Montag bei Linkedin veröffentlichte, rückblickend allerdings nicht mehr schließen. „Wir sind am Arsch“, leitet die Gründerin ihre fast 3.000 Zeichen lange Abrechnung mit sich und ihrer Firma ein. Ihre Agentur Speicher8 stehe finanziell am Abgrund. Umsätze in Höhe von rund 50.000 Euro stehen Kosten von 103.000 Euro gegenüber, wie ein Screenshot aus ihrer Buchhaltungs-Software zeigt. „Diese Zahl kommt zustande, da wir uns die letzten Monate intensiv um den fundamentalen Aufbau unserer Marke gekümmert haben und wir uns nur ganz begrenzt auf Kundenprojekte eingelassen haben“, erklärt Schmitt. Vor allem aber kritisiert sie sich als Gründerin: Sie habe es nicht auf die Reihe bekommen, „Akquise zu machen“ und Kunden „ranzuholen“.
Glaubt man Schmitts Schilderungen, trifft die wirtschaftliche Schieflage ihrer Agentur sie auch persönlich. Sie sei inzwischen an einem Punkt, der „von einem Burnout nicht mehr weit entfernt“ sei. „Mein Energie-Level dümpelt im Minus-Bereich, wenn ich morgens aufwache komme ich fast nicht aus dem Bett. Meine Beziehung leidet unter der Situation immens. Meine Lebensfreude ist quasi non-existent. Und die Perspektive ist alles andere als rosig“, so Schmitt. „Wenn es wirklich Scheiße läuft, sind wir Ende des Jahres in der Insolvenz.“
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Offenbar bereut die Unternehmerin auch allgemein ihren Entschluss, ein Startup aufgezogen zu haben. Sie habe vor der Gründung immer „eine gewisse Arroganz“ gegenüber ihren Arbeitgebern gehabt. „Weil ich der Meinung war, sowieso alles besser zu können“, so Schmitt. „Zu sehen, dass man die Fresse ganz schön weit aufgerissen hat und jetzt an die einfachsten Grenzen stößt. Ich könnte im Boden versinken vor Scham vor meinem früheren Ich.“
„Zeit, die rosa Sonnenbrille abzusetzen“
Statt Häme und Spott schlägt der Gründerin auf Linkedin allerdings viel Lob und Bewunderung entgegen. Mehr als 4.700 Likes und 675 Kommentare zählt der Post bereits. „Danke, dass du uns teilhaben lässt an deiner Situation. Das ist richtig stark“, schreibt ein Nutzer und bietet Schmitt an, an zwei Tagen im Monat kostenlos für ihr Unternehmen zu arbeiten. Andere Mitglieder loben den offenen Umgang ebenfalls. „Es benötigt viel Courage und Mut, diese Situation so öffentlich und ehrlich an- bzw. auszusprechen“, so ein Gründer. Zuspruch erhält Schmitt sogar von Leuten, für die Startup-Pleiten ein Geschäft sind. „Als Unternehmenssanierer kann ich sagen, Sie sind schon jetzt weiter als vieler meiner Klienten, die direkt von Leugnen in Verzweiflung wechseln“, schreibt ein Nutzer.
Denn trotz aller Probleme wolle Schmitt ihr Startup nicht kampflos dem Insolvenzverwalter übergeben, auch das wird in ihrem Post deutlich. Um das laufende Geschäftsjahr noch mit einer schwarzen Null zu beenden, sei es notwendig, in den nächsten vier Monaten mindestens 30.000 Euro Umsatz zu generieren. Über ihre Fortschritte will sie künftig weiter bei Linkedin informieren. „Zeit, die rosa Sonnenbrille abzusetzen“, schreibt Schmitt.
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Anstatt Klartext zu reden, versuchen Manager mit leeren Phrasen häufig über Tatsachen oder Unsicherheit hinwegzutäuschen.
In seinem neuen Buch „Business Bullshit“ hat der Wirtschaftsjournalist Jens Bergmann die 100 schlimmsten Phrasen und Blasen von Managern zusammengestellt.
In sechs Kapiteln analysiert er die Funktion und die Bedeutung all dieser Begriffe.
Die Arbeitswelt ist voll mit leeren Phrasen und Worthülsen. Bei der „Performance“ gibt es noch „Luft nach oben“. Die Quartalszahlen sind zwar im Keller — trotzdem ist das Unternehmen „gut aufgestellt“. Führungskräfte rufen ihre Mitarbeitenden gerne dazu auf, endlich ihre „Komfortzone“ zu verlassen. Nach Möglichkeit sollten diese aber trotzdem auf ihre „Work-Life-Balance“ achten. Sonst wäre ja der ganze Ansatz von „New Work“ im Eimer.
Jens Bergmann, Wirtschaftsjournalist und stellvertretender Chefredakteur des Magazins „brand eins“, wird täglich mit Manager-Sprech wie diesem überhäuft. In seinem neuen Buch „Business Bullshit“, das im Dudenverlag erschienen ist, entlarvt er alle Phrasendrescher. Dafür hat er die 100 schlimmsten Worthülsen, die durch die Arbeitswelt geistern, zusammengefasst — und deren Bedeutung analysiert. Ein paar davon stellen wir euch nun vor.
Zwei Unternehmen, ein Gedanke
Business Bullshit kommt in vielen Bereichen zum Einsatz. Es eignet sich hervorragend, um Unschönes zu beschönigen, sich wichtig zu machen, geschäftig zu wirken, Geld zu verdienen oder um um Tatsachen herum zu schwadronieren. „Am schlimmsten ist dieser Gutfirmensprech und die damit verbundene Weltenretter-Attitüde“, sagt Bergmann.
Denn Manager tun gern mal so, als würde ihnen nichts mehr am Herzen liegen als das Allgemeinwohl. Das klassische Geld-Geschäft scheint zweitrangig. Stattdessen wollen sie mit ihrer Firma lieber die Welt verbessern. In der Praxis liegt der „Corporate Purpose“ (höhere Zweck eines Unternehmens) dann meist darin, irgendeinen „Mehrwert“ für jemanden zu schaffen — für den Mitarbeitenden, den Kunden, die Umwelt oder gleich die ganze Gesellschaft.
Wirtschaftsjournalist Jens Bergmann analysiert in seinem Buch 100 Phrasen deutscher Manager.
Stefan Ostermeier
Unternehmenslenker nutzen leere Phrasen auch gerne, um über die eigene Inkompetenz hinwegtäuschen. „Strategie steht ganz hoch im Kurs“, sagt Bergmann. „Jeder Top-Manager, der etwas auf sich hält, behauptet eine zu haben — während man sich in Wahrheit nur durchwurschtelt.“ Obwohl Manager regelmäßig mithilfe schicker Power-Point-Präsentationen versuchen ihrer Belegschaft glaubhaft zu vermitteln, einen Plan zu haben, wissen laut einer Untersuchung von Harvard Business Review bis zu 95 Prozent aller Angestellten nicht, welche Strategie ihr Unternehmen eigentlich fährt — oder verstehen sie schlichtweg nicht. „Business Bullshit schafft ein Scheinverständnis von Sachverhalten“, sagt Bergmann. „Und führt deshalb in die Irre.“
Das geht soweit, dass manche Phrasen überhaupt keinen Sinn mehr ergeben. Da ist dann von „zentralen Eckpfeilern“ die Rede. Oder davon, in punkto Agilität „gut aufgestellt“ zu sein. Das steht in einem Widerspruch. „Entweder ich bin agil oder gut aufgestellt“, sagt Bergmann. Denn Agilität bedeutet im Grunde nichts anderes, als seine Aufstellung ständig zu verändern. So manche Führungskraft nimmt sich auch gewöhnliche Wörter und packt sie in einen ungewöhnlichen Zusammenhang. Statt Wasser „setzen“ Manager dann Prozesse neu „auf“. Wirtschaftsgrößen „rollen“ auch nicht den Teig, sondern vielmehr Technik oder globale Geschäfte „aus“.
Warum Manager reden, wie sie reden
Das Paradoxe: „Derjenige, der den Bullshit verbreitet, glaubt nicht wirklich daran“, sagt Bergmann. „Und die, die sich das ständig anhören müssen, auch nicht.“ Trotzdem sind ganze Abteilungen in Unternehmen damit beschäftigt, diesen ständig in die Welt zu kommunizieren.
Bergmann hat in seinem Buch dafür eine simple Erklärung: Die gesellschaftlichen Anforderungen an Unternehmen steigen. Sie sollen möglichst sorgsam mit der Umwelt umgehen, ihre Belegschaft gut behandeln, andere nicht ausbeuten. Weil diese Ansprüche aber schwer mit den geltenden Spielregeln des Kapitalismus vereinbar sind, greifen Manager diese meist nur rhetorisch auf. „Man ändert nicht wirklich etwas“, sagt Bergmann. „Behauptet das aber.“ Heraus kommt Business Bullshit.
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Nun betrifft dieses Phänomen nicht nur Manager. Politiker und Verbandsmitglieder bedienen sich genauso mal an leeren Phrasen wie Sportler, Promis, Kirchenvertreter, Wissenschaftler, Coaches, Journalisten oder ganz normale Angestellte. „Grade für diejenigen, die keine Ahnung haben aber trotzdem irgendetwas sagen wollen, eignet sich dieser Jargon besonders gut“, sagt Bergmann. Deswegen begegnen wir auch ständig und überall dieser Art von Begriffen. Unternehmen und die, die sie führen, sind aber laut dem Autor die unangefochtenen Spitzenreiter, wenn es um die Verbreitung von Business Bullshit geht.
Was verwundert: Dass Manager durch alle Branchen hindurch den gleichen Sprachmüll fabrizieren. Denn eigentlich streben Unternehmen danach, sich von ihren Wettbewerbern zu unterscheiden. Trotzdem dreschen sie überall die gleichen Phrasen. In bestimmten Bereichen ist man für Business Bullshit allerdings dann doch etwas anfälliger als in anderen. „Unternehmensberater tragen zum Beispiel besonders dazu bei“, sagt Bergmann. Denn im Grunde bestehe ihr Job darin, mit modischen Begriffen zu handeln und den zu beratenden Kunden zu suggerieren, dass man den Durchblick habe. „Das heißt dann Big Picture“, sagt Bergmann.
Zwischen Schein und Sein
Business Bullshit dient dazu der Öffentlichkeit ein makelloses Firmenimage zu präsentieren, während es im Inneren oft mächtig brodelt. Das heißt aber nicht, dass man jeden täuschen kann. „Die Mitarbeiter wissen, dass die Wirklichkeit oft nicht so aussieht, wie es im Nachhaltigkeitsbericht steht“, sagt Bergmann. Die breite Öffentlichkeit bekommt von den Lügen mancher Manager immer mal wieder durch publikumswirksame Skandale etwas mit.
Wer privat auf einen Schwafler trifft, kann diesen auch leicht entlarven — indem er ihn zum Beispiel höflich fragt, was er unter dem Begriff „Blockchain“ eigentlich genau versteht. „Viele Manager verwenden gern angesagte Begriffe wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder DNA, ohne deren Bedeutung zu kennen oder sich auch nur dafür zu interessieren“, sagt Bergmann. Oder aber man fragt, wie die Phrase „Am Ende des Tages“ gemeint ist. Bedeutet das heute Abend? Oder nächste Woche? Oder nie?
Die Konsequenz aus Business Bullshit ist, dass bestimmte Wörter so inflationär gebraucht und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden, dass man sie irgendwann nicht mehr verwenden kann. „Wenn alle von New Work oder Agilität reden, verlieren diese Begriffe irgendwann jede Bedeutung“, sagt Bergmann. Das ist deswegen problematisch, weil die Werte und Wünsche, die hinter dem Business Bullshit stehen, ja häufig wichtig und ehrenvoll sind.
Der Ansatz des „New Work“ zum Beispiel stammt ursprünglich von dem Philosophen Frithjof Bergmann. Mitte der 70er Jahre entwickelte er ein Konzept, das versuchte das Prinzip der Arbeit umzudenken. Die Erwerbsarbeit wird demnach reduziert, damit sich der Mensch selbst verwirklichen kann. Heute macht jeder “ New Work“ der einen Tischkicker in der Büroküche stehen hat.
Ähnlich verhält es sich mit der Nachhaltigkeit: Ein Begriff aus der Forstwirtschaft, der im Ursprung bedeutete, nicht mehr Bäume abzuholzen als nachwachsen können. Die ökologische Bewegung hat den Begriff weitergetragen. Mittlerweile hat vom Tabakunternehmen bis zum Autobauer jedes Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht.
Mehr Klartext aus den Managementetagen zu hören, wäre also nicht nur erfrischend, sondern auch höchst sinnvoll. Diesen zu reden ist für Manager aber ziemlich riskant. Denn mit der Mode zu gehen bedeutet Sicherheit. Niemand gibt gerne zu, dass sein Unternehmen so gar nicht agil ist. Da ist man lieber „gut aufgestellt“ — vielleicht mit noch ein bisschen „Luft nach oben“.
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