#Gastbeitrag – Warum Community der unterschätzteste Erfolgsfaktor im HealthTech ist

Das klassische Narrativ im Venture Capital ist klar: Ein starkes Gründungsteam, das richtige Timing und Zugang zu Risikokapital entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Doch gerade im HealthTech-Bereich greift diese Logik zu kurz. Wer hier investiert oder gründet, braucht noch etwas anderes, um erfolgreich zu sein. Hier bewegt man sich nicht in einem homogenen Markt, sondern in einem hoch fragmentierten System aus Regulatorik, Versorgungspraxis, Forschung, Technologie und Erstattungssystemen. In dieser Komplexität zeigt sich ein Faktor, der oft unterschätzt wird: Community. Nicht als Buzzword, sondern als struktureller Wettbewerbsvorteil und Zugang zu „Insiderwissen“.

Fragmentierung als strukturelle Herausforderung

HealthTech ist kein klassischer Softwaremarkt. Innovation entsteht selten linear, sondern im Zusammenspiel unterschiedlichster Akteure: Ärzt:innen, Kliniken, Versicherungen, Regulatoren, Patient:innen und Technologieanbieter. Manche Gründer:innen waren in ihrem früheren Berufsleben schon Teil dieser Community, aber viele kommen aus anderen Industrien in den HealthTech-Sektor. Gerade für HealthTech-Startups ist jedenfalls eines augenscheinlich: Selbst die beste Lösung scheitert, wenn sie nicht in bestehende Strukturen eingebettet werden kann. Gleichzeitig fehlt vielen Teams zu Beginn der Zugang zu genau diesem „Insiderwissen“. Die Folge sind teure Fehlentscheidungen aufgrund von mangelndem Austausch mit der Community, also den entscheidenden Playern und Sparringspartner:innen.

Warum klassische VC-Logiken hier an Grenzen stoßen

Viele traditionelle Fonds arbeiten weiterhin stark transaktional mit dem Fokus auf Dealflow, Due Diligence und Boardarbeit. Manche versuchen, diese Arbeit so weit wie möglich mit Hilfe der KI zu automatisieren. Das funktioniert in klar strukturierten Märkten gut. Im HealthTech hingegen reicht das unserer Meinung nach nicht aus. Denn die entscheidenden Themen in unserer Branche lassen sich selten allein durch Datenräume oder Pitchdecks lösen. Hier sind andere Fragen entscheidend: Wie funktioniert der Vertrieb in Klinikstrukturen wirklich? Welche regulatorischen Hürden werden regelmäßig unterschätzt oder können wie überwunden werden? Wo entstehen aktuell neue Versorgungsmodelle? Die Antworten auf diese Fragen werden selten in Boardrooms gefunden, sondern meist im Austausch mit den richtigen Menschen, den Insidern.

Community als Wettbewerbsvorteil

Genau hier setzt das Konzept „Community First“ an. Für Calm/Storm bedeutet das: Wir verstehen uns nicht primär als Kapitalgeber, sondern als Zugangssystem zur HealthTech-Community mit all ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihren unterschiedlichen Perspektiven. Formate wie kuratierte Events, thematische Panels oder Co-Investments sind dabei keine „Add-ons“, sondern zentrale Infrastruktur. Sie bringen Menschen zusammen, die sich sonst selten begegnen und schaffen einen Raum, in dem offen über Herausforderungen gesprochen wird. Das Entscheidende ist dabei nicht die Anzahl der Kontakte, sondern die Qualität des Austauschs. Wenn Gründer:innen ihre größten Fehler teilen, Investoren über gescheiterte Deals sprechen oder Operator ihre Erfahrungen aus dem Klinikalltag einbringen, entsteht ein Bild, das kein Boardmeeting liefern kann. Eine Gründerin aus unserem Netzwerk hat es treffend formuliert: „Ich kann hier offen sprechen, weil ich weiß, dass alle durch ähnliche Situationen gehen. Egal was ich brauche, jemand aus der Calm/Storm-Community teilt immer seine Erfahrung mit mir. Während Insider-Deals an der Börse verboten sind, profitieren wir hier in der Community von diesem immensen Vorteil.“

Community als Indikator für Trends

Wer kontinuierlich mit Gründungsteams, Corporates aus dem Gesundheitsbereich, Ärzt:innen, Manager:innen von Versicherungen und anderen HealthTech-Investoren im Austausch ist, erkennt Entwicklungen rechtzeitig und kann die eigene Community als Indikator für Trends nutzen. Veränderungen im Marktumfeld werden nicht erst sichtbar, wenn sie bereits in irgendwelchen Reports stehen, sondern sobald sie sich im Alltag der Beteiligten abzeichnen. Ob neue Geschäftsmodelle im Consumer Health, Fortschritte im Bereich Regulatorik oder Veränderungen in der Krankenhauslandschaft: Die relevanten Signale für Trends und entscheidende Strömungen finden sich meist zuerst in Gesprächen zwischen Insidern und erst wesentlich später möglicherweise in Datenbanken, die von KI durchsucht werden können. Ein Großteil der relevanten HealthTech-Entwicklungen in Europa wird innerhalb der Community sichtbar, lange bevor sie am Markt auftauchen. Das macht den regelmäßigen offenen Austausch nicht nur für uns als Fonds, sondern in erster Linie auch für unsere Gründungsteams zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Mehrwert für alle Beteiligten

Der eigentliche Hebel liegt jedoch darin, dass diese Community nicht nur Investoren und Startups hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Sie schafft Mehrwerte für das gesamte Ökosystem:

  • Für Gründer:innen entsteht ein Raum, in dem sie nicht nur Feedback bekommen, sondern echte Erfahrungswerte aus erster Hand. Gerade in kritischen Phasen – etwa bei Fundraising oder Go-to-Market – ist dieser Austausch oft entscheidend.
  • Für Investoren verbessert sich die Qualität der Einschätzungen. Co-Investments werden fundierter, weil sie auf einem breiteren Verständnis basieren.
  • Für Corporates und Gesundheitsunternehmen bietet die Community Zugang zu Innovationen, Trends und neuen Kontakten über ein strukturiertes Netzwerk.

Dabei zeigt sich immer wieder: Die wertvollsten Insights kommen nicht aus perfekten Erfolgsstories, sondern aus den Momenten, in denen Dinge nicht funktionieren. Dort entstehen Learnings, von denen alle Beteiligten profitieren können, wenn sie offen und ehrlich geteilt werden. Dazu braucht es viel Vertrauen, das Calm/Storm als Initiator maßgeblich schafft.

Vom Netzwerk zur Infrastruktur

Community wird häufig als „weicher Faktor“ betrachtet. In Wirklichkeit ist sie harte Infrastruktur, vergleichbar mit Daten oder Kapital. Gerade im HealthTech, wo Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf Versorgungssysteme und Patient:innen haben, ist dieser Zugang entscheidend. Die besten Gründer:innen suchen heute nicht nur Kapital. Sie suchen Orientierung, Sparring und ein Umfeld, in dem sie schneller lernen können. Und genau deshalb verschiebt sich auch die Rolle von Investoren: weg vom klassischen Kapitalgeber hin zum Knotenpunkt eines funktionierenden Ökosystems.

Fazit: Wettbewerbsvorteil durch Vernetzung

HealthTech wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt durch demografische Entwicklungen und steigenden Innovationsdruck im Gesundheitssystem. Wer in diesem Umfeld erfolgreich sein will, braucht mehr als Kapital und Technologie. Entscheidend ist der Zugang zu den richtigen Menschen, zum richtigen Zeitpunkt, mit der richtigen Perspektive. Community ist kein Nice-to-have, sondern eine wichtige Basis und oft der entscheidende Erfolgsfaktor. Oder anders gesagt: Die Zukunft des HealthTech entsteht nicht dort, wo Entscheidungen isoliert getroffen werden oder schnell viel Kapital investiert wird, sondern dort, wo das Vertrauen untereinander so hoch ist, dass Erfahrungen und Insiderwissen geteilt werden.

Über den Autor

Lucanus Polagnoli ist Gründer und Managing Partner von Calm/Storm Ventures, Europas aktivstem Frühphasen-Investor im Bereich digitale Gesundheit. Mit fast 90 super-early-stage Investments zählt er zu den profiliertesten HealthTech-Investoren Europas. Zuvor war er Partner bei Speedinvest und engagiert sich heute insbesondere für impactgetriebene Gründungsteams und digitale Lösungen rund um Gesundheit, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit.

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#Gastbeitrag – Von Asphalt bis Trail: Welche Laufschuhe wirklich zu deinem Laufstil passen

Die Wahl des richtigen Equipments entscheidet über die Freude am Laufen und die langfristige Gesundheit der Gelenke. Während auf hartem Asphalt maximale Dämpfung und sanftes Abrollen im Vordergrund stehen, verlangen unebene Waldpfade nach aggressivem Grip und hoher Stabilität.

Da jeder Fußabdruck eine individuelle Biomechanik mitbringt, existiert nicht der eine Universalschuh für alle Fälle. Erst die präzise Abstimmung zwischen technischer Ausstattung und dem persönlichen Laufstil verwandelt einen einfachen Sportschuh in ein effektives Werkzeug für mehr Leistung und Sicherheit beim Laufen.

Die unterschiedlichen Laufschuhtypen

Laufschuh ist nicht gleich Laufschuh. Jeder Läufertyp benötigt einen anderen Schuh. Dabei ist es wichtig, zunächst zu verstehen, welche Laufschuhtypen es eigentlich gibt. Nur wer versteht, wo die eigenen Bedürfnisse liegen, findet als Schlussfolgerung die passenden Laufschuhe, die die Füße und Gelenke beim Sport optimal unterstützen.

Neutralschuhe für vielseitige Zwecke

Die wohl größte Laufschuhkategorie bilden die sogenannten Neutralschuhe. In der Regel verfügen sie über eine komfortable Dämpfung und sind ideal für das Laufen auf Asphalt geeignet. Neutralschuhe besitzen keine bis mittlere Führung sowie eine moderate Sprengung, weshalb sie für Menschen geeignet sind, die keine Probleme beim Abrollen des Fußes oder Fehlstellungen der Gelenke aufweisen.

Tipp: Grundsätzlich ist dieser Schuhtyp für Trainingsläufe und Freizeitaktivitäten geeignet. Dabei spielt die Distanz keine wesentliche Rolle.

Trailrunning-Schuhe für mehr Grip im Gelände

Wer den glatten Asphalt verlässt und sein Glück auf Waldwegen, Schlammpfaden und felsigen Singletrails sucht, der sollte seinen Fokus auf Trailrunning-Schuhe richten. Sie besitzen ähnlich wie Mountainbike-Reifen ein tiefes Profil, wodurch sie maximalen Halt auf losem Untergrund versprechen. Außerdem ist das Obermaterial häufig robuster, um den Fuß vor spitzen Steinen oder Ästen zu schützen. Die Sohle ist ebenfalls fester, damit sich die Unebenheiten des Untergrunds nicht direkt in die eigene Fußsohle bohren.

Wissenswert: Bei Schlechtwetterverhältnissen lohnt sich ein Modell mit wasserfester Membran (etwa Gore-Tex).

Stabilschuhe bei Überpronation

Manche Menschen knicken beim Laufen mit dem Fuß nach innen (Überpronation). In diesem Fall ist ein Stabilschuh perfekt geeignet. Die speziellen Laufschuhe verfügen über eine „Pronationsstütze“. An der Innenseite der Zwischensohle wird ein härteres Material verwendet, das ein zu starkes Einknicken beim Laufen verhindert. Die Korrektur schont langfristig die Knie und Hüfte, da sie die gesamte Beinachse stabilisiert.

Wichtig: Ein Stabilschuh sollte niemals ohne Laufbandanalyse gekauft werden, da zu viel Stabilität wiederum bei einem neutralen Fuß kontraproduktiv sein kann.

Wettkampfschuhe für maximale Bestzeiten

Bei Wettkampfschuhen wird grundsätzlich alles weggelassen, was zusätzliches Gewicht verursacht. Sie sind extrem leicht, gewährleisten ein direktes Bodengefühl und dämpfen kaum. Das zwingt den Läufer zu einem dynamischen Laufstil über den Vor- und Mittelfuß.

Geeignet sind Wettkampfschuhe primär für erfahrene Läufer mit einer gut trainierten Fußmuskulatur, die stets neuen Bestzeiten nachjagen. Der Laufschuh ist ideal für kurze bis mittlere Distanzen auf der Straße oder auf der Tartanbahn geeignet.

Carbon-Laufschuhe

Diese technologischen Wunderwerke nutzen eine integrierte Carbonplatte und hocheffizienten Spezialschaum, um bei jedem Schritt eine trampolinartige Energierückgabe zu erzeugen. Sie wirken gewissermaßen wie eine Feder. Carbonschuhe sind die erste Wahl für ambitionierte Läufer, die bei Halbmarathons oder Marathons ihre persönliche Bestzeit knacken wollen.

Lightweight-Trainer

Als perfekte Symbiose aus Komfort und Speed versprechen Lightweight-Trainer genug Dämpfung für längere Strecken, sind aber leicht genug für intensive Tempoläufe. Sie eignen sich ideal für Läufer, die im Training ein dynamisches, direktes Laufgefühl suchen, ohne auf den Schutz eines Alltagsschuhs zu verzichten.

Barfußschuhe/Minimalschuhe

Diese Schuhe verzichten konsequent auf Dämpfung sowie Sprengung und setzen stattdessen auf eine extrem flexible Sohle, die den natürlichen Bewegungsablauf des Fußes fördert. Sie sind ein hervorragendes Hilfsmittel, um die Fußmuskulatur gezielt zu kräftigen, erfordern jedoch eine behutsame und lange Eingewöhnungsphase.

Analyse: Welcher Läufertyp bist du eigentlich?

Ein Blick auf die Abnutzung der alten Sohlen liefert wertvolle Hinweise auf die eigene Biomechanik. Starker Abrieb an der Innenkante signalisiert eine Überpronation, während ein gleichmäßiges Bild auf einen neutralen Laufstil hindeutet. Auch das Körpergewicht beeinflusst die Wahl, da höhere Lasten nach einer massiveren Dämpfung verlangen, um die Aufprallenergie effektiv zu schlucken. Wer seine Fußform genau kennt und die Bewegungsmuster versteht, findet zielsicher das Modell mit der optimalen Unterstützung.

3 goldene Regeln für den Schuhkauf

Präzise Auswahlkriterien verwandeln den Schuhkauf von einem Glücksspiel in eine gezielte Investition in die eigene Laufleistung. Die drei folgenden Prinzipien garantieren dabei den optimalen Sitz und verhindern schmerzhafte Überraschungen auf der Strecke.

Regel 1: Reichlich Platz für die Zehen

Erfolgreiche Läufer planen beim Kauf einen Puffer ein, da sich die Füße unter Belastung ausdehnen. Eine Daumenbreite Freiraum vor den Zehen verhindert Druckstellen und sichert die natürliche Bewegung des Fußes.

Regel 2: Socken zum Testen mitnehmen

Die gewohnten Laufsocken gehören bei der Anprobe zwingend in den Schuh. Nur das Zusammenspiel aus Socke und Material vermittelt den realen Sitz und schützt vor späteren Reibungen oder Blasen.

Regel 3: Anprobe auf den Nachmittag legen

Füße erreichen erst am späten Tag ihr volles Volumen. Wer erst abends testet, simuliert die Schwellung während des Laufens perfekt und vermeidet so Fehlkäufe, die später im Training drücken.

Fazit: Laufschuhe wählen wie ein Profi

Der ideale Laufschuh vereint technische Finesse mit einem herausragenden Tragegefühl. Er fungiert als verlässlicher Partner auf dem Weg zu neuen Zielen und schützt den Bewegungsapparat vor Überlastung. Eine sorgfältige Auswahl und die Berücksichtigung des Geländes sowie der individuellen Anatomie garantieren lang anhaltenden Spaß am Sport. Wer in hochwertige Ausrüstung investiert, etwa in hochwertiges Equipment von i-run, schenkt seinen Füßen die nötige Freiheit für kraftvolle Schritte und schmerzfreie Kilometer.

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#Gastbeitrag – Warum viele Startups die falschen Probleme lösen – und worauf Investoren jetzt achten

Die Dynamik im KI-Markt ist ungebrochen. Neue Modelle, neue Tools, neue Versprechen – kaum ein Bereich entwickelt sich derzeit schneller. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild: Viele Unternehmen experimentieren zwar mit KI, schaffen es aber nicht, diese nachhaltig in ihre Abläufe zu integrieren.

Aktuelle Studien von McKinsey & Company zeigen, dass viele KI-Initiativen nicht über die Pilotphase hinauskommen oder nur begrenzten wirtschaftlichen Effekt erzielen. Ähnliche Beobachtungen macht Boston Consulting Group: Der Schritt von der Demo in den produktiven Einsatz bleibt für viele Organisationen die größte Hürde. Genau hier entsteht aktuell die entscheidende Verschiebung im Markt.

Vom Hype zur Realität: Unternehmen suchen keine Tools, sondern Lösungen

In der frühen Phase der KI stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, was technologisch möglich ist. Heute hat sich der Fokus verschoben: Unternehmen fragen deutlich konkreter, was  im Alltag tatsächlich funktioniert. In der Praxis zeigt sich immer häufiger:

  • Ein leistungsfähiges Modell ersetzt keinen funktionierenden Prozess
  • Eine gute Demo ist kein Beweis für Skalierbarkeit
  • Technische Leistungsfähigkeit allein schafft keinen wirtschaftlichen Nutzen

Das verändert auch die Anforderungen an Startups fundamental.

Warum viele KI-Ansätze in der Umsetzung scheitern

Ein zentraler Grund für das Scheitern vieler Projekte liegt weniger in der Technologie selbst, sondern in der Komplexität der Umgebung, in der sie eingesetzt wird.

Unternehmen arbeiten mit:

  • historisch gewachsenen IT-Strukturen
  • proprietären und häufig fragmentierten Datenquellen
  • regulatorischen Anforderungen
  • individuellen, oft schwer standardisierbaren Prozessen

Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung von „Plug & Play KI“ in vielen Fällen nicht realistisch. Gartner geht davon aus, dass ein erheblicher Teil von KI-Projekten nicht über die Pilotphase hinauskommt oder an fehlender Operationalisierung, unklaren Verantwortlichkeiten und mangelnder Datenqualität scheitert. Für Startups bedeutet das: Technologie allein reicht nicht – entscheidend ist die Fähigkeit zur Integration.

Der unterschätzte Engpass: Zugriff auf relevantes Wissen

Ein wiederkehrendes Problem in der Praxis ist der fehlende Zugang zu kontextrelevanten Informationen. Viele KI-Anwendungen – insbesondere im Bereich generativer KI – liefern nur dann verlässliche Ergebnisse, wenn sie auf aktuelle, unternehmensspezifische Daten zugreifen können. Genau hier setzen neue Infrastrukturansätze an.

Technologien rund um semantische Suche und Retrieval-Systeme – etwa von Anbietern wie Qdrant – ermöglichen es, große Datenmengen kontextuell nutzbar zu machen und in Echtzeit in Anwendungen einzubinden.

Was zunächst wie ein technisches Detail wirkt, ist in der Praxis ein zentraler Erfolgsfaktor: Ohne strukturierten Datenzugriff bleibt KI oft unzuverlässig – und damit schwer produktiv einsetzbar.

Warum Kontrolle und Governance zum Wettbewerbsfaktor werden

Parallel steigt die Bedeutung von Steuerbarkeit. Je breiter KI im Unternehmen eingesetzt wird, desto relevanter werden Fragen wie:

  • Wer greift auf welche Daten zu?
  • Welche Systeme werden genutzt?
  • Wie lassen sich Ergebnisse nachvollziehen und kontrollieren?

Viele Organisationen stehen hier noch am Anfang. Entsprechend häufig entsteht eine fragmentierte Nutzung von KI-Tools – mit Risiken für Sicherheit, Compliance und Effizienz. Eine neue Generation von Plattformanbietern adressiert genau dieses Problem. Startups wie Neuland AI entwickeln KI-Unternehmensplattformen, die verschiedene KI-Anwendungen bündeln, Datenquellen integrieren und eine kontrollierte Nutzung ermöglichen. Diese Plattformen haben den Vorteil, dass sie:

  • Eine sichere und GDPR-konforme Umgebung für KI-Anwendungen im Unternehmen bieten,
  • „Guerilla-KI“, bei der jeder Mitarbeiter unkontrolliert auf verfügbare KI-Modelle zugreift vermeiden,
  • Unternehmenswissen der KI strukturiert zugänglich machen und
  • Viele verschiedene Use Cases auf einer gemeinsamen Plattform abbilden und vernetzen können.

Aus Investorensicht ist dieser Layer besonders relevant, weil er darüber entscheidet, ob KI isoliert eingesetzt wird oder tatsächlich skaliert.

Der eigentliche Wert entsteht in der Anwendung

Trotz aller technologischen Fortschritte bleibt eine Erkenntnis zentral: Der wirtschaftliche Wert von KI entsteht nicht durch das Modell selbst, sondern durch den Einsatz im konkreten Kontext.

Die erfolgreichsten Anwendungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie:

  • bestehende Prozesse messbar verbessern
  • operative Entscheidungen unterstützen
  • reale Effizienzgewinne schaffen

Genau deshalb gewinnt Applied AI weiter an Bedeutung – also Lösungen, die klar definierte Probleme adressieren und in bestehende Abläufe integriert sind.

Was Investoren heute anders bewerten

Vor diesem Hintergrund hat sich auch die Perspektive von Investoren verändert. Neben technologischer Qualität rücken zunehmend andere Kriterien in den Fokus:

  • Integrationsfähigkeit in bestehende Systeme
  • Umgang mit unternehmensinternen Daten
  • Stabilität im operativen Einsatz
  • klare wirtschaftliche Effekte

Diese Faktoren sind häufig entscheidender als reine Modellperformance. Oder anders formuliert: Nicht die beste Technologie gewinnt – sondern die, die im Alltag funktioniert.

Fazit: Der Markt wird anspruchsvoller – und selektiver

Die aktuelle Phase der KI ist weniger von Möglichkeiten geprägt als von Umsetzung. Unternehmen erwarten zunehmend belastbare Lösungen statt Experimente. Investoren achten stärker auf reale Nutzung statt auf technologische Versprechen. Für Startups bedeutet das: Erfolg entsteht nicht allein durch Innovation, sondern durch die Fähigkeit, diese Innovation in funktionierende Systeme zu übersetzen. Die zentrale Frage hat sich damit verschoben: Nicht mehr was KI kann entscheidet, sondern was davon im Unternehmen tatsächlich funktioniert.

Über den Autor

Dr. Hauke Hansen ist Unternehmer, Investor und Experte für Künstliche Intelligenz (KI) mit über 20 Jahren internationaler Erfahrung an der Schnittstelle von Technologie, Kapital und Skalierung. Er ist Mitgründer von Raisults, einer auf KI- Strategie und -Implementierung spezialisierten Beratung, sowie des AI.FUND, einem auf KI fokussierten Risikokapitalfonds für Frühphasenunternehmen.

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#Gastbeitrag – Zu klein für Hacker? Warum das ein Irrtum ist!

Viele Startups halten Cyberangriffe noch immer für ein Problem der anderen: Konzerne, Behörden, kritische Infrastruktur. Die eigene Firma erscheint zu klein, zu jung, zu irrelevant. 

Aus unserer Arbeit mit Early-Stage-Unternehmen sehen wir ein anderes Bild: Gerade junge Companies sind ein besonders attraktives Ziel. Denn Angreifer suchen nicht nur große Namen, sie suchen leichte Ziele. Und davon gibt es im Startup-Ökosystem viele.

Wir sehen regelmäßig, wie Cyberangriffe in der Praxis ablaufen. Die meisten Vorfälle haben dabei wenig mit komplexen technischen Hacks zu tun, sondern mit sehr konkreten, oft überraschend einfachen Angriffsmustern. Auf Basis dieser Erfahrungen haben wir typische Angriffsszenarien ausgewertet und konkrete Gegenmaßnahmen zusammengestellt.

Warum Early-Stage-Startups besonders verwundbar sind

Teams sind klein, Rollen überschneiden sich, Prozesse entstehen oft erst im laufenden Betrieb. Geschwindigkeit ist ein Vorteil im Markt, wird aber schnell zum Risiko, wenn sie auf sensible Freigaben, Zahlungsprozesse oder Account-Zugänge trifft. 

Für Startups ist das besonders kritisch, weil sie genau das besitzen, wonach Angreifer suchen. Dazu gehört natürlich Geld, aber eben nicht nur. Junge Unternehmen bündeln häufig wertvolles geistiges Eigentum, sensible Kundendaten, Forschungsstände, Produktpläne und privilegierte Zugänge zu Banken, Dienstleistern, Lieferanten oder Investoren.

Ein einziger Vorfall kann finanzielle Schäden verursachen, die unmittelbar auf die Runway durchschlagen. Der Verlust von proprietärem Know-how kann den Wettbewerbsvorteil nachhaltig schwächen. Werden Kund:innen- oder Partnerdaten kompromittiert, leidet das Vertrauen und damit häufig auch Vertrieb, Fundraising und strategische Beziehungen. Kommen regulatorische Pflichten hinzu, etwa im Umgang mit personenbezogenen Daten, wird aus einem operativen Problem sehr schnell auch ein rechtliches.

Cybersecurity sollte deshalb gerade bei Startups kein Randthema sein. Angriffe sind ein operatives Geschäftsrisiko – und damit am Ende Führungsverantwortung.

Die häufigsten Angriffsmuster bei Startups

Wer bei Cyberrisiken zuerst an komplexe Software-Schwachstellen denkt, denkt oft am eigentlichen Problem vorbei. Die häufigsten Vorfälle sind viel banaler.

1. Phishing: Der Einstiegspunkt für fast alles

Phishing ist nach wie vor der häufigste Ausgangspunkt für Angriffe und durch KI mittlerweile deutlich schwerer zu erkennen. Die meisten erfolgreichen Angriffe beginnen mit einer überzeugend formulierten Nachricht. Eine E-Mail mit Login-Link. Eine Signaturanfrage. Ein angeblich freigegebenes Dokument. Eine Bitte, schnell etwas zu prüfen.

Best Practice:

  • verpflichtendes MFA auf allen kritischen Systemen
  • Passwort-Manager keine Wiederverwendung von Credentials
  • Default-Skepsis bei E-Mails („Habe ich das erwartet?“)
  • Verifikation über einen zweiten Kanal bei Unsicherheit

2. Zahlungsbetrug & Fake-Invoices

Besonders gefährlich sind Angriffe auf Zahlungsprozesse. Typischer Fall: Jemand gibt sich per Mail oder Messenger als Founder, CFO oder externer Finance-Dienstleister aus und drängt auf eine dringende Überweisung. Alternativ werden Bankdaten auf einer Rechnung „aktualisiert“. Solche Angriffe funktionieren, weil sie Druck erzeugen. Es soll schnell gehen, diskret sein, möglichst ohne Rückfrage.

Best Practice:

  • Verpflichtende Verifikation außerhalb von E-Mail (Telefon/Video, bekannte Nummern)
  • Dual Approval für Zahlungen über definiertem Schwellenwert
  • Klare Regel: „Urgent“ ist kein Grund, Prozesse zu umgehen

3. Zugriffsmanagement 

Ein unterschätztes Risiko liegt im eigenen Setup. Ehemalige Mitarbeitende, Dienstleister oder Berater:innen haben oft noch Zugriff auf Systeme, die längst hätten entzogen werden müssen. Gleichzeitig sammeln sich in wachsenden Teams schnell zu weitgehende Berechtigungen an.

Best Practice:

  • Security-Setup (MFA, Policies) als Teil von Day 1
  • sofortige Deaktivierung aller Zugänge beim Offboarding
  • konsequentes „Least Privilege“-Prinzip

4. Unsichere Arbeit unterwegs und im Remote-Alltag

Arbeiten aus dem Café, Hotel oder Coworking-Space gehört für viele Teams längst zum Alltag. Aber das schafft auch neue Angriffsflächen. Öffentliche oder geteilte Netzwerke sind riskant, vor allem wenn darüber sensible Vorgänge abgewickelt werden: Zahlungen freigeben, Verträge signieren, Admin-Zugänge nutzen.

Best Practice:

  • bevorzugt Mobile Hotspot statt Public WiFi
  • VPN als Mindeststandard
  • keine sensiblen Aktionen in unsicheren Netzwerken
  • Geräte immer verschlüsselt und gesperrt

5. Unkontrollierte Nutzung von GenAI-Tools

Ein neuer, schnell wachsender Risikobereich ist der unkontrollierte Einsatz generativer KI. Mitarbeitende kopieren vertrauliche Informationen, Kundendaten, Vertragsinhalte, Finanzzahlen oder Code in öffentliche Tools, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein.

Best Practice:

  • klare AI-Usage-Policy
  • keine Nutzung persönlicher Accounts für Business-Daten
  • Freigabe nur für geprüfte Tools
  • Sensibilisierung im Team

Die Maßnahmen, die mit wenig Aufwand den größten Unterschied machen

Die gute Nachricht: Startups müssen nicht in Enterprise-Bürokratie verfallen, um ihr Risiko massiv zu senken. Schon wenige, konsequent umgesetzte Maßnahmen reduzieren einen Großteil realer Vorfälle.

1. MFA überall erzwingen

Multi-Faktor-Authentifizierung sollte auf allen kritischen Systemen verpflichtend sein: E-Mail, Banking, Cloud-Infrastruktur, CRM, Code-Repositories, Admin-Tools. Ohne Ausnahmen.

Noch besser: Passkeys dort einsetzen, wo sie unterstützt werden. Sie sind deutlich phishing-resistenter als klassische Passwörter plus Einmalcode.

2. Passwortmanager verbindlich einführen

Kein Team sollte im Jahr 2026 noch mit wiederverwendeten oder gemeinsam per Chat geteilten Passwörtern arbeiten. Ein zentral eingeführter Passwortmanager ist eine der simpelsten und wirksamsten Grundlagen überhaupt.

3. Zahlungsprozesse absichern

Jede Änderung von Bankdaten, jede dringende Zahlungsanweisung und jede größere Überweisung sollte über einen zweiten Kanal verifiziert werden – per Anruf oder Video, an eine bereits bekannte Nummer.

Zusätzlich gilt: Vier-Augen-Prinzip für Zahlungen ab definiertem Schwellenwert.

4. Onboarding und Offboarding sauber aufsetzen

Am ersten Arbeitstag sollten Security-Basics, MFA-Setup und Tool-Zugänge sauber eingerichtet werden. Beim Austritt muss es einen klaren, sofort umzusetzenden Offboarding-Prozess geben: E-Mail, Slack, Cloud, CRM, Code, Admin-Tools, externe Zugänge.

5. Least Privilege statt Sammelzugriff

Mitarbeitende sollten nur auf das zugreifen können, was sie tatsächlich für ihre Rolle brauchen. Rechte sollten regelmäßig überprüft und bei Bedarf entzogen werden.

6. Team-Training leicht, aber verbindlich machen

Security Awareness muss keine trockene Pflichtübung sein. Oft reichen kurze, praxisnahe Sessions mit echten Beispielen aus dem Alltag. Wichtig ist vor allem, dass im Team ein gemeinsamer Reflex entsteht: Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal falsch klicken oder überweisen.

7. Einen einfachen Incident-Plan schriftlich festhalten

Wenn etwas passiert, ist nicht der perfekte Plan entscheidend, sondern Klarheit unter Druck. Wer ist im Ernstfall verantwortlich? Wer wird zuerst kontaktiert? Wie wird intern kommuniziert, wenn Mail oder Slack betroffen sind? Wer spricht extern?

Kultur schlägt Technologie

Am Ende entscheidet weniger die eingesetzte Technologie als die Art, wie im Unternehmen mit Unsicherheit umgegangen wird. Die meisten Angriffe zielen gezielt auf menschliche Routinen. Deshalb ist eine Kultur entscheidend, in der Rückfragen selbstverständlich sind, Zweifel offen geäußert werden können und verdächtige Vorfälle sofort gemeldet werden. Nicht Perfektion schützt vor Angriffen, sondern Aufmerksamkeit und schnelle Reaktion.

Cyberrisiken sind Teil der operativen Realität. Für Startups bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr, ob ein Angriff passiert, sondern wann.

Wer früh einfache, wirksame Grundlagen schafft, schützt nicht nur Systeme und Daten. Es geht um Kapital, Vertrauen und die Fähigkeit, das Unternehmen ohne vermeidbare Rückschläge weiterzuentwickeln.

Über den Autor

Yair Reem ist Partner bei Extantia Capital, einem Venture-Capital-Fonds, der in technologiegetriebene Unternehmen für eine resiliente und klimafreundliche Zukunft investiert. Zuvor war er Managing Director bei Hasso Plattner Ventures. Mit langjähriger Erfahrung im Aufbau und der Finanzierung von Technologieunternehmen zählt er heute zu den profiliertesten Climate-Tech-Investoren Europas.

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#Gastbeitrag – Wachstum ohne Chaos: 3 Wege, wie Teams gesund skalieren

Der Begriff „Wachstumsschmerzen“ wird im Startup-Kontext inzwischen fast schon reflexartig benutzt. Klingt nach etwas, das man nun mal aushalten muss, wenn’s vorangeht. Nur: Die Schmerzen spürt nicht das Unternehmen, sondern die Menschen, die dort arbeiten. Dieser Gastbeitrag zeigt drei Wege auf, um Teams gesund wachsen zu lassen.

Wenn wir von „Wachstumsschmerzen“ sprechen, meinen wir auf Unternehmensseite meist Dinge wie sinkende Effizienz, mehr Abstimmung, neue Komplexität. Plötzlich dauert alles länger, die Produktivität sinkt, Prioritäten verschwimmen.

Für die Menschen, die dort arbeiten, fühlt sich das deutlich konkreter an: Überforderung, Überlastung, Frust. Entscheidungen ziehen sich ewig, werden von fünf Leuten gleichzeitig getroffen – oder von niemandem. Verantwortlichkeiten werden unscharf, Orientierung geht verloren.

Wer sauber skalieren will, muss sich genauso konsequent, strukturiert und analytisch mit den Menschen in seinem Unternehmen beschäftigen wie mit seinem Finanzplan. Was in vielen Ratgebern als „Soft Topic“ nebenbei abgehandelt wird, ist in Wahrheit eine knallharte Bedingung für Erfolg oder Misserfolg: Sind die richtigen Leute zur richtigen Zeit in den richtigen Rollen?

Sich damit ehrlich auseinanderzusetzen, ist unangenehm. Einem Excel-Sheet gegenüber ist man eben deutlich weniger loyal als den allerersten Leuten im Team – denn es hat weder die dritte Nacht in eurer ersten Due Diligence mit dir durchgemacht, noch den ersten großen Kundenabschluss mit dir gefeiert.

Und genau deshalb wird es schwierig: Die Menschen, die in der Gründungsphase alles mitgetragen haben und oft längst mehr als nur Kolleg:innen sind, sind nicht automatisch die richtige Besetzung für die Rollen, die daraus entstehen.

Um das Problem greifbarer zu machen, hilft es, ihm einen Namen zu geben. Zwei Phänomene beschreiben diese frühe Skalierungsfalle besonders gut: Heritage Hires und Ghost Positions.

Heritage Hires: Loyalität als Wachstumsbremse 

Der Effekt ist bekannt und wiederholt sich tausendfach: Ein junges Unternehmen startet mit einem Gründungsteam und ein paar Mitarbeitenden. Mit dem ersten Wachstumsschub werden Mitarbeitende zu Teamleads, später zu „Head of“ – und plötzlich hat das Unternehmen einen Finanzchef, der erst vor kurzem seinen Uni-Abschluss gemacht hat und noch nie mehr als zwei Menschen gleichzeitig geführt hat. Der Begriff dafür ist „Heritage Hire“.

Das Beispiel ist plakativ, aber nicht aus der Luft gegriffen. Denn oft ist es gar nicht so, dass die Besetzung von Anfang nicht gepasst hat – sondern dass sich die Rolle im Wachstum stark verändert hat.

Jemand, der als CFO in einer frühen Phase mit einer GmbH-Struktur sehr gut klar gekommen ist, kann plötzlich vor einer völlig anderen Realität stehen: internationale Expansion, mehrere Tochtergesellschaften, unterschiedliche Währungen, vielleicht noch ein M&A-Case, der integriert werden muss. Das ist nicht einfach mehr vom Gleichen, sondern eine grundlegend andere Rolle mit anderen Anforderungen. 

Dass trotzdem oft sehr lange an offensichtlich falschen Besetzungen festgehalten wird, hat nachvollziehbare Gründe. Gerade in der Anfangsphase entstehen enge Bindungen – vor allem aber Vertrauen. Man weiß, wie der andere arbeitet, wie er denkt, wie er Entscheidungen trifft. Und genau deshalb ist die Versuchung groß, diesen positiven Faktoren mehr Gewicht zu geben als der unbequemen Realität: dass die Anforderungen der Rolle längst nicht mehr zu dem passen, was die Person aktuell leisten kann – und dass dieser Abstand ab einem gewissen Punkt auch nicht mehr sinnvoll aufzuholen ist.

Langfristig schadet es dem Unternehmen, wenn Gründer:innen in dieser Situation den Konflikt scheuen – und zwar gleich doppelt. Zum einen für die Person selbst: Wer dauerhaft in einer Rolle steckt, die überfordert, hat weder ein gutes Arbeitserlebnis noch einen sinnvollen Rahmen, um sich weiterzuentwickeln. Zum anderen für das Unternehmen: Die Rolle liefert nicht den Output, den es braucht. Entscheidungen bleiben liegen, Projekte kommen nicht voran, Verantwortung versandet.

Die Organisation reagiert darauf oft ziemlich pragmatisch: Sie sucht sich Wege um die Probleme herum, um arbeitsfähig zu bleiben. Dinge werden selbst oder in anderen Abteilungen erledigt, Entscheidungen bei anderen Personen eingeholt – bis die überforderte Rolle faktisch umgangen wird. So entsteht schleichend das, was man eine „Ghost Position“ nennen kann.

Ghost Positions: Schattenstrukturen zur Schmerzvermeidung

Das Perfide an Ghost Positions ist, dass sie nicht von Anfang an sichtbar sind. Erst langsam entstehen die Schattenstrukturen rund um die überforderten Kolleg:innen herum, oft sogar noch unfreiwillig unterstützt vom Management: Neue Expert:innen werden eingestellt, weil in einem bestimmten Teil des Unternehmens Probleme sichtbar werden. Kurzfristig scheint das Problem gelöst, in Wahrheit aber verstärkt sich der Geistereffekt. Schlussendlich steht man als Management mit höheren Lohnkosten und mit Expert:innen da, die unzufrieden sind, weil sie neben ihrem Job einen in ihrer Wahrnehmung inkompetenten Vorgesetzten anleiten müssen.

Diese Effekte sind so häufig, dass sie für viele eigentlich erfolgreiche Startups zur echten Skalierungsfalle werden. Dabei gibt es Wege, loyale Mitarbeitende zu halten, ohne dafür Wachstum opfern zu müssen. In meinem Beratungsalltag haben sich drei Dinge herauskristallisiert, die so gut wie alle erfolgreich skalierenden Startups gemein haben.

  1. Scheue dich nicht, Menschen einzustellen, die mehr Erfahrung haben als dein Team

Spätestens beim ersten echten Wachstumsschub reicht es nicht mehr, Rollen „mitwachsen zu lassen“. Gründer:innen müssen anfangen, ihre bestehenden Rollen klar zu beschreiben: Welchen Output soll diese Rolle in den nächsten sechs bis zwölf Monaten liefern? Wie lässt sich messen, ob das gelingt? Und welche Erfahrung braucht es dafür realistisch?

Der entscheidende Schritt ist dann der ehrliche Abgleich: Passt die aktuelle Besetzung noch zu dem, was die Rolle inzwischen verlangt?

Manchmal bedeutet das, eine neue Rolle zu schaffen, inklusive Veränderungen im Organigramm – und gezielt jemanden mit mehr Erfahrung zu holen. Manchmal bedeutet es auch, einem bestehenden Teammitglied einen Titel wieder zu nehmen, weil sich hinter diesem Titel inzwischen ein komplett anderer Job verbirgt als noch vor einem Jahr.

Der Versuch, fehlende Erfahrung einfach mit Expert:innenpositionen ohne Führungsverantwortung zu ergänzen, greift meist zu kurz. Zusätzliche Expertise im Team hilft nur dann, wenn die Rolle darüber klar und stabil geführt ist. Ist sie das nicht, bleibt die Überforderung bestehen – und das eigentliche Problem ungelöst.

  1. Befördere nicht automatisch – ermögliche echte Weiterentwicklung 

Viele Heritage Hires und Ghost Positions entstehen aus einem simplen Reflex: Entwicklung wird mit Beförderung gleichgesetzt. Und Beförderung heißt oft automatisch mehr Titel – und vor allem mehr Führungsverantwortung. Das Problem: Nicht jede:r ist ein guter Vorgesetzter. Und nicht jede Rolle braucht einen.

Gerade in wachsenden Startups rutschen deshalb viele Menschen in Führungspositionen, obwohl ihre Stärke eigentlich woanders liegt – in Fach-, Projekt- oder Stabsrollen. Rollen, in denen sie oft deutlich mehr Wirkung hätten.

Die Alternative ist weniger spektakulär, aber deutlich sinnvoller: Weiterentwicklung neu denken. Mehr Verantwortung, größere Themen, mehr Einfluss – ohne zwingend einen Titel- oder Führungssprung.

Dafür braucht es Klarheit und Kommunikation. Mitarbeitende müssen verstehen, dass Karriere nicht automatisch „größere Teams führen“ bedeutet, sondern vor allem „mehr beitragen“. Und Gründer:innen müssen aktiv Wege schaffen, auf denen genau das möglich ist.

Realistische Entwicklungspfade verhindern, dass Menschen in Rollen gedrängt werden, die sie fachlich oder menschlich überfordern – und sorgen gleichzeitig dafür, dass Potenzial dort eingesetzt wird, wo es wirklich wirkt.

  1. Kläre Verantwortung radikal – sonst macht es die Organisation für dich

Ghost Positions entstehen nicht, weil niemand entscheiden will – sondern weil unklar ist, wer es soll.

In frühen Phasen funktioniert vieles über Zuruf. Jeder weiß ungefähr, wer woran arbeitet. Mit Wachstum kippt das. Plötzlich hängen Themen zwischen Rollen, Entscheidungen bleiben liegen oder werden doppelt getroffen.

Die Lösung klingt erstmal nach unnötigem Verwaltungsaufwand: Rollen und Verantwortlichkeiten sauber zu definieren und – das ist der Trick – auch zu implementieren. Das klingt banal, wird aber erstaunlich selten sauber gemacht. Stattdessen entstehen Grauzonen, in denen sich die Organisation selbst auflöst: Entscheidungen wandern zu den Lautesten, Schnellsten oder Verfügbarsten.

Wer gesund skalieren will, muss hier aktiv gegensteuern. Klare Zuständigkeiten sorgen nicht nur für bessere Entscheidungen, sondern entlasten auch das Team. Weil plötzlich wieder klar ist, woran man ist – und worauf man sich verlassen kann.

Über die Autorin

Marion Nöldgen ist Gründerin von Clearimpact und berät Unternehmen zu Leadership und  Organisationsentwicklung in Wachstums- und Transformationsphasen. Zuvor hat sie zehn Jahre lang innovative Unternehmen in den Energie- und Technologiesektoren aufgebaut, erfolgreich skaliert und internationalisiert. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Strategie und Umsetzung und unterstützt Unternehmen dabei, Klarheit in wachsender Komplexität zu schaffen.

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Foto (oben): KI

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