#Gastbeitrag – Zu klein für Hacker? Warum das ein Irrtum ist!

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Viele Startups halten Cyberangriffe noch immer für ein Problem der anderen: Konzerne, Behörden, kritische Infrastruktur. Die eigene Firma erscheint zu klein, zu jung, zu irrelevant. 

Aus unserer Arbeit mit Early-Stage-Unternehmen sehen wir ein anderes Bild: Gerade junge Companies sind ein besonders attraktives Ziel. Denn Angreifer suchen nicht nur große Namen, sie suchen leichte Ziele. Und davon gibt es im Startup-Ökosystem viele.

Wir sehen regelmäßig, wie Cyberangriffe in der Praxis ablaufen. Die meisten Vorfälle haben dabei wenig mit komplexen technischen Hacks zu tun, sondern mit sehr konkreten, oft überraschend einfachen Angriffsmustern. Auf Basis dieser Erfahrungen haben wir typische Angriffsszenarien ausgewertet und konkrete Gegenmaßnahmen zusammengestellt.

Warum Early-Stage-Startups besonders verwundbar sind

Teams sind klein, Rollen überschneiden sich, Prozesse entstehen oft erst im laufenden Betrieb. Geschwindigkeit ist ein Vorteil im Markt, wird aber schnell zum Risiko, wenn sie auf sensible Freigaben, Zahlungsprozesse oder Account-Zugänge trifft. 

Für Startups ist das besonders kritisch, weil sie genau das besitzen, wonach Angreifer suchen. Dazu gehört natürlich Geld, aber eben nicht nur. Junge Unternehmen bündeln häufig wertvolles geistiges Eigentum, sensible Kundendaten, Forschungsstände, Produktpläne und privilegierte Zugänge zu Banken, Dienstleistern, Lieferanten oder Investoren.

Ein einziger Vorfall kann finanzielle Schäden verursachen, die unmittelbar auf die Runway durchschlagen. Der Verlust von proprietärem Know-how kann den Wettbewerbsvorteil nachhaltig schwächen. Werden Kund:innen- oder Partnerdaten kompromittiert, leidet das Vertrauen und damit häufig auch Vertrieb, Fundraising und strategische Beziehungen. Kommen regulatorische Pflichten hinzu, etwa im Umgang mit personenbezogenen Daten, wird aus einem operativen Problem sehr schnell auch ein rechtliches.

Cybersecurity sollte deshalb gerade bei Startups kein Randthema sein. Angriffe sind ein operatives Geschäftsrisiko – und damit am Ende Führungsverantwortung.

Die häufigsten Angriffsmuster bei Startups

Wer bei Cyberrisiken zuerst an komplexe Software-Schwachstellen denkt, denkt oft am eigentlichen Problem vorbei. Die häufigsten Vorfälle sind viel banaler.

1. Phishing: Der Einstiegspunkt für fast alles

Phishing ist nach wie vor der häufigste Ausgangspunkt für Angriffe und durch KI mittlerweile deutlich schwerer zu erkennen. Die meisten erfolgreichen Angriffe beginnen mit einer überzeugend formulierten Nachricht. Eine E-Mail mit Login-Link. Eine Signaturanfrage. Ein angeblich freigegebenes Dokument. Eine Bitte, schnell etwas zu prüfen.

Best Practice:

  • verpflichtendes MFA auf allen kritischen Systemen
  • Passwort-Manager keine Wiederverwendung von Credentials
  • Default-Skepsis bei E-Mails („Habe ich das erwartet?“)
  • Verifikation über einen zweiten Kanal bei Unsicherheit

2. Zahlungsbetrug & Fake-Invoices

Besonders gefährlich sind Angriffe auf Zahlungsprozesse. Typischer Fall: Jemand gibt sich per Mail oder Messenger als Founder, CFO oder externer Finance-Dienstleister aus und drängt auf eine dringende Überweisung. Alternativ werden Bankdaten auf einer Rechnung „aktualisiert“. Solche Angriffe funktionieren, weil sie Druck erzeugen. Es soll schnell gehen, diskret sein, möglichst ohne Rückfrage.

Best Practice:

  • Verpflichtende Verifikation außerhalb von E-Mail (Telefon/Video, bekannte Nummern)
  • Dual Approval für Zahlungen über definiertem Schwellenwert
  • Klare Regel: „Urgent“ ist kein Grund, Prozesse zu umgehen

3. Zugriffsmanagement 

Ein unterschätztes Risiko liegt im eigenen Setup. Ehemalige Mitarbeitende, Dienstleister oder Berater:innen haben oft noch Zugriff auf Systeme, die längst hätten entzogen werden müssen. Gleichzeitig sammeln sich in wachsenden Teams schnell zu weitgehende Berechtigungen an.

Best Practice:

  • Security-Setup (MFA, Policies) als Teil von Day 1
  • sofortige Deaktivierung aller Zugänge beim Offboarding
  • konsequentes „Least Privilege“-Prinzip

4. Unsichere Arbeit unterwegs und im Remote-Alltag

Arbeiten aus dem Café, Hotel oder Coworking-Space gehört für viele Teams längst zum Alltag. Aber das schafft auch neue Angriffsflächen. Öffentliche oder geteilte Netzwerke sind riskant, vor allem wenn darüber sensible Vorgänge abgewickelt werden: Zahlungen freigeben, Verträge signieren, Admin-Zugänge nutzen.

Best Practice:

  • bevorzugt Mobile Hotspot statt Public WiFi
  • VPN als Mindeststandard
  • keine sensiblen Aktionen in unsicheren Netzwerken
  • Geräte immer verschlüsselt und gesperrt

5. Unkontrollierte Nutzung von GenAI-Tools

Ein neuer, schnell wachsender Risikobereich ist der unkontrollierte Einsatz generativer KI. Mitarbeitende kopieren vertrauliche Informationen, Kundendaten, Vertragsinhalte, Finanzzahlen oder Code in öffentliche Tools, ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein.

Best Practice:

  • klare AI-Usage-Policy
  • keine Nutzung persönlicher Accounts für Business-Daten
  • Freigabe nur für geprüfte Tools
  • Sensibilisierung im Team

Die Maßnahmen, die mit wenig Aufwand den größten Unterschied machen

Die gute Nachricht: Startups müssen nicht in Enterprise-Bürokratie verfallen, um ihr Risiko massiv zu senken. Schon wenige, konsequent umgesetzte Maßnahmen reduzieren einen Großteil realer Vorfälle.

1. MFA überall erzwingen

Multi-Faktor-Authentifizierung sollte auf allen kritischen Systemen verpflichtend sein: E-Mail, Banking, Cloud-Infrastruktur, CRM, Code-Repositories, Admin-Tools. Ohne Ausnahmen.

Noch besser: Passkeys dort einsetzen, wo sie unterstützt werden. Sie sind deutlich phishing-resistenter als klassische Passwörter plus Einmalcode.

2. Passwortmanager verbindlich einführen

Kein Team sollte im Jahr 2026 noch mit wiederverwendeten oder gemeinsam per Chat geteilten Passwörtern arbeiten. Ein zentral eingeführter Passwortmanager ist eine der simpelsten und wirksamsten Grundlagen überhaupt.

3. Zahlungsprozesse absichern

Jede Änderung von Bankdaten, jede dringende Zahlungsanweisung und jede größere Überweisung sollte über einen zweiten Kanal verifiziert werden – per Anruf oder Video, an eine bereits bekannte Nummer.

Zusätzlich gilt: Vier-Augen-Prinzip für Zahlungen ab definiertem Schwellenwert.

4. Onboarding und Offboarding sauber aufsetzen

Am ersten Arbeitstag sollten Security-Basics, MFA-Setup und Tool-Zugänge sauber eingerichtet werden. Beim Austritt muss es einen klaren, sofort umzusetzenden Offboarding-Prozess geben: E-Mail, Slack, Cloud, CRM, Code, Admin-Tools, externe Zugänge.

5. Least Privilege statt Sammelzugriff

Mitarbeitende sollten nur auf das zugreifen können, was sie tatsächlich für ihre Rolle brauchen. Rechte sollten regelmäßig überprüft und bei Bedarf entzogen werden.

6. Team-Training leicht, aber verbindlich machen

Security Awareness muss keine trockene Pflichtübung sein. Oft reichen kurze, praxisnahe Sessions mit echten Beispielen aus dem Alltag. Wichtig ist vor allem, dass im Team ein gemeinsamer Reflex entsteht: Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal falsch klicken oder überweisen.

7. Einen einfachen Incident-Plan schriftlich festhalten

Wenn etwas passiert, ist nicht der perfekte Plan entscheidend, sondern Klarheit unter Druck. Wer ist im Ernstfall verantwortlich? Wer wird zuerst kontaktiert? Wie wird intern kommuniziert, wenn Mail oder Slack betroffen sind? Wer spricht extern?

Kultur schlägt Technologie

Am Ende entscheidet weniger die eingesetzte Technologie als die Art, wie im Unternehmen mit Unsicherheit umgegangen wird. Die meisten Angriffe zielen gezielt auf menschliche Routinen. Deshalb ist eine Kultur entscheidend, in der Rückfragen selbstverständlich sind, Zweifel offen geäußert werden können und verdächtige Vorfälle sofort gemeldet werden. Nicht Perfektion schützt vor Angriffen, sondern Aufmerksamkeit und schnelle Reaktion.

Cyberrisiken sind Teil der operativen Realität. Für Startups bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr, ob ein Angriff passiert, sondern wann.

Wer früh einfache, wirksame Grundlagen schafft, schützt nicht nur Systeme und Daten. Es geht um Kapital, Vertrauen und die Fähigkeit, das Unternehmen ohne vermeidbare Rückschläge weiterzuentwickeln.

Über den Autor

Yair Reem ist Partner bei Extantia Capital, einem Venture-Capital-Fonds, der in technologiegetriebene Unternehmen für eine resiliente und klimafreundliche Zukunft investiert. Zuvor war er Managing Director bei Hasso Plattner Ventures. Mit langjähriger Erfahrung im Aufbau und der Finanzierung von Technologieunternehmen zählt er heute zu den profiliertesten Climate-Tech-Investoren Europas.

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Foto (oben): Shutterstock

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