Bye, bye Code? Für viele IT-Berufe müsst ihr nicht mehr programmieren können — was das für eure Karrieren bedeutet

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  • Programmieren zu können, gilt als Karriere-Booster. Doch der Weg zum vollwertigen Software-Entwickler ist steil und lang.
  • In der IT-Branche gibt es zunehmend Jobs, für die kaum noch Coding-Erfahrung nötig ist.
  • Zudem beginnen Systeme mit Künstlicher Intelligenz, selbstständig zu programmieren. Welche Zukunft haben klassische Entwickler?

Einige Thesen über das Berufsleben haben beinahe den Rang von Naturgesetzen: Team-Player sind gute Führungspersönlichkeiten. Diverse Teams bringen mehr Leistung. Ein gutes Arbeitsklima zahlt sich auf lange Zeit aus. Im Computerzeitalter ist ein weiterer Punkt hinzugekommen: Wer Programmierkenntnisse hat, ist auf dem Arbeitsmarkt gefragter denn je.

Zumindest den letzten Lehrsatz nehmen sich viele bei Berufswahl und Ausbildung zu Herzen: Programmierlegende Robert Cecil Martin, alias „Uncle Bob“, orakelte 2014, dass sich die Zahl der Programmierer alle fünf Jahre verdoppeln würde. Selbst wenn diese Rate nicht mehr aktuell ist, bleibt der Kern der Aussage: Programmieren in all seinen Facetten ist ein wachsendes Berufsfeld. Also machen sich viele auf den Weg, meistern Online-Kurse, Bootcamps oder berufsbegleitende Studien. Eine Karriere als gut bezahlter IT-Spezialist scheint nur wenige Zeilen Code entfernt. Doch kommen Programmierkenntnisse wirklich einem Karrierebooster gleich?

Mit wenigen Zeilen Code zum Erfolg? Wohl kaum

Vorweg: „Den Entwickler“ gibt es so wenig, wie „den Arzt“. Die beruflichen Profile von Menschen, die mit Programmiersprachen arbeiten, unterscheiden sich enorm. Da gibt es Data Scientists, die sich mit statistischen Modellen und maschinellem Lernen beschäftigen. Sie verwenden eigene Sprachen – beispielsweise R – oder die Programmiersprache Python. Wer eine umfangreiche Website von Grund auf bauen will, muss völlig andere Kenntnisse mitbringen. Vonnöten sind Backend-Developer, die sich um die IT-Infrastruktur kümmern und Frontend-Developer, die eine Nutzeroberfläche schaffen. Der beste Django-Backendentwickler hat unter Umständen wenig Ahnung von Node.js, kann also bei manchen IT-Systemen kaum helfen. Kaum ein Entwickler ist ein Alleskönner.

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Für Einsteiger macht es das schwierig, denn das Feld mit seinen Berufsbildern, Fähigkeiten und Ausbildungswegen ist unübersichtlich und wächst seit Jahrzehnten ungebremst in viele Richtungen. Was in einem Einsteiger-Kurs gelernt wurde, kann wenig damit zu tun haben, was in einer Einsteiger-Position gefordert wird. Es reicht nicht, sich durch ein Programmier-Bootcamp zu quälen. Rund 20 Prozent der Absolventen von Programmierkursen fanden keinen Job als Programmierer. Das ergaben mehrere Umfragen zwischen 2016 und 2018.

Einen guten Entwickler macht viel mehr aus, als ein Workshop-Zertifikat. Wer nicht abgehängt werden möchte, muss sich ständig weiterentwickeln, Trends erkennen und seine Kenntnisse an die Probleme anpassen. Das bedeutet viel Zeit vor einem Bildschirm und eine hohe Frustrationstoleranz. Spitzen-Programmierer sind hoch spezialisierte Problemlöser. Wer einen kurzen Geduldsfaden hat, wird an einer Karriere als Developer wenig Freude haben.

Wem es aber gar nicht eigentlich um Programmieren, sondern eher darum geht, im IT-Feld zu arbeiten, für den ist das Schreiben von Code oft gar nicht nötig.

Product Owner, UX, Business Analysten: viel IT, wenig Code

Es ist zu kurz gegriffen, die IT nur auf diejenigen zu beschränken, die Zeile für Zeile an Code arbeiten. Gerade die Spezialisierungen machen es nötig, eine gute Kommunikation zwischen Teams aufzubauen. Große digitale Produkte wie Shopping-Seiten, Logistik- oder Kommunikations-Systeme benötigen eine interne Struktur, in der Weiterentwicklungen abgestimmt werden. Es braucht Manager, um das „große Ganze“ nicht aus dem Blick zu verlieren. Entwickler sind oft Einzelkämpfer. Hier braucht Experten mit Stärken in Organisation und Kommunikation.

Product Owner organisieren beispielsweise die Arbeit von Entwicklerteams und sprechen Aufgaben mit den Teams ab. Wie wichtig sie sind, zeigt ein Blick in Job-Börsen: Mehr als 38.000 Stellen für Product Owner sind im Moment in Europa offen. Der Bedarf ist schnell erklärt: Es sind die Product Owner, die sicherstellen, dass das Gesamtkonstrukt eines Produkts nicht von einzelnen Entwicklungen lahmgelegt wird oder Verbesserungen an einer Stelle zu Problemen an einer anderen führen. IT-Infrastruktur sind fein aufeinander abgestimmte Systeme. Wer versucht, an einer Stelle das große Rad zu drehen, beeinflusst fast zwangsläufig andere Teile – und stört damit oft deren Funktionsweise.

Um das zu vermeiden, übernehmen Product Owner die Kommunikation zwischen den Teams: Was ist das dringendste Problem, das behoben werden muss? Welche Weiterentwicklung ist für Endnutzer am sinnvollsten? Wo gibt es Abhängigkeiten? All das sind Fragen, die im Alltag eines Programmierers eher ablenken, der versucht, ein Einzelproblem zu lösen. Product Owner befassen sich zwar ständig mit der technischen Weiterentwicklung, schreiben dabei aber selbst kaum Code.

Ähnliches gilt für UX-Tester, Analysten oder Projektmanager. Sie alle beschäftigen sich mit längerfristigen Entwicklungen, die Produkte, Prozesse und das Geschäft verbessern sollen. Braucht eine App einen neuen Button für Kurznachrichten? Erleichtert es die Arbeit eines Lageristen, wenn er auf seinem Gerät den verfügbaren Lagerbestand sehen kann? Wird das Menü des Auto-Bord-Computers genutzt?

Vor allem bei der Analyse großer Datenmengen können Programmierkenntnisse helfen, sie sind aber seit wenigen Jahren kein Muss mehr. Anstelle von Code-Zeilen treten Tools mit grafischen Oberflächen, die Analysen per Drag-and-drop ermöglichen. Für komplexe Analysen, die Datenbankabfragen in Sprachen wie SQL erfordert hätten, reicht es inzwischen oft, sich eine Einführung in ein Programm geben zu lassen.

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Der Bedarf nach solchen Programmen schuf in den letzten 10 Jahren einen neuen Wirtschaftszweig: Die „Self Service BI“-Tools, mit deren Hilfe auch fachfremde Nutzer Daten verarbeiten können, übernehmen die Coding-Arbeit im Hintergrund. Ein US-Marktforschungsinstitut schätzt das Marktvolumen der Branche schon 2018 auf 4,3 Milliarden Euro, bis 2026 soll der Wert auf 12,8 Milliarden Euro steigen.

Mit den Tools können Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren Codern vorbehalten waren, auch von geschulten Anwendern innerhalb jedes Unternehmens gemeistert werden. Sie versprechen Firmen eine enorme Produktivitätssteigerung beim Umgang mit Daten. Noch weiter gehen Plattformen, die nicht nur die Datenanalyse ermöglichen, sondern das vollständige Erstellen von Apps, Programmen oder Software-Lösungen, sogenannten No Code- oder Low Code-Lösungen.

Brauchen wir noch Entwickler?

„Wir glauben, dass die Zukunft das Programmieren darin besteht, überhaupt nicht mehr zu programmieren“, verkündete Chris Wanstrath, Gründer der Programmier-Kollaborations-Software Github 2017. Schon damals verbreiteten sich Tools, die es ermöglichten, ohne Programmierkenntnisse komplette Apps zu entwickeln. Bis heute hält ihr Siegeszug an: Vor allem in der Entwicklung von Web-Applikationen nimmt die Beliebtheit von No Code- / Low Code-Lösungen zu.

Sie ermöglichen es, Tools und Prognose-Modelle selbst zu bauen: Eine eigene Diät-App ist damit ebenso schnell designt wie Vorhersage-Modelle. Nutzer brauchen dafür kaum Vorkenntnisse. Wofür früher ein Stab an Entwicklern unabdingbar war, das kann mit heutigen Tools zusammengeklickt werden. Das kommt Unternehmen zupass, denn kaum etwas ist im Moment so schwierig, wie Software-Entwickler anzustellen.

Längst zeigen die Großen der Branche, dass nicht nur einfachste Anwendungen automatisiert gelöst werden können. So legte Google im Frühjahr 2022 eine Studie vor, die selbst Kenner der KI-Szene erstaunte. Sie beschreibt eine Künstliche Intelligenz, die komplexeste Probleme mithilfe von Code löst – aber ohne Programmierer. Nötig ist dafür nur eine Beschreibung des Problems in einer für Menschen verständlicher Sprache. Als Test verwendeten die Autoren reale Coding-Wettbewerbe, unter allen Teilnehmern belegte die KI einen mittleren Platz. In den 1990e-Jahren besiegten erstmals Computer die besten Schachspieler, bei dem komplexeren Spiel Go gelang dies Computern in den 2010er Jahren. Der nächste Schritt, dass ein Computer Menschen im Programmieren übertrumpfen kann, scheint nahe. Brauchen wir dann noch Entwickler?

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Es gibt bereits den Trend, dass Mitarbeiter ohne Programmierkenntnissen immer komplexere Aufgaben übernehmen. Wie wichtig das automatisierte Programmieren – also das Erstellen von Programmen ohne das Schreiben von Code –  in der Geschäftswelt ist, zeigt der bisherige Marktführer: Laut eigenen Angaben wird dessen Low-Code-Plattform bereits in 91 Prozent der 500 umsatzstärksten Unternehmen der USA genutzt.

Das Versprechen klingt verlockend: Ohne Ressourcen an chronisch knappen Software-Entwicklern aufbauen zu müssen, sollen die Lösungen es ermöglichen, Programme zu entwickeln. Bereits vorhandene und auf das eigene Problem anwendbare Vorlagen – beispielsweise für Abrechnungs-Systemen, Raumbuchungs-Apps und Mini-Spiele – machen die Entwicklungen noch schneller. Gerade für diejenigen, die nur an kleinen Projekten interessiert sind, bieten die Lösungen eine schnelle und einfach zu erlernende Alternative zu mächtigen Programmiersprachen. Denn oft vereinen sie verschiedenste notwendige Kompetenzen in einem: Backend, Frontend, Data – bei kleineren Projekten kann ein angelernter Mitarbeiter all diese Positionen mit einem Tool vereinen.

Doch was nach einer perfekten Lösung klingt, hat – wie sollte es anders sein – einen Haken. Obwohl die Demokratisierung der Programm-Entwicklung Vorteile hat, stößt sie bei größeren Projekten an Grenzen. Denn Tools, die auf einer wackligen Grundlage gebaut wurden, können zu Problemen führen. Ward Cunningham, Computer-Pionier und einer der Ideengeber des Wiki-Prinzips, beschreibt das als technische Schulden: Wer eine Software schnell entwickelt, ohne sich Gedanken über die Auswirkungen des Grundaufbaus zu machen, erbt mit steigender Entwicklung Schulden an ungelösten Problemen. Das kann dazu führen, dass die Behebung von Problemen irgendwann mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die Software weiterzuentwickeln – oder im schlimmsten Fall: Mehr Zeit, als die Software eigentlich zu benutzen.

Vor allem bei kritischen Teilen von Unternehmens-Infrastruktur birgt das Risiken: Sensible Daten können nach außen dringen. Geschäftsrelevante Funktionen können ausfallen. Der Service des Programmier-Tools kann sich so verteuern, dass ein Betrieb nicht mehr wirtschaftlich bleibt. Oft werden Faktoren, die erst bei der gesteigerten Nutzung auftreten, von Laien nicht bedacht und haben dann schwere Konsequenzen. Genau dann zeigt sich die Stärke durchdachter und ausgereifter Systemen

Dafür werden weiterhin, sogar vermehrt und vor allem noch höher spezialisierte Entwickler benötigt. Auch mit intelligenten Tools braucht es erfahrene Spezialisten, die Software testen, anpassen und sicher machen. Vielleicht bremst der Feldzug der Low-Code-Lösungen „Uncle Bobs“ Verdopplungsrate. Der Bedarf an Entwicklern wird aber hoch bleiben. Um bis zu 41 Prozent soll der Bedarf an Software-Entwickler und Testern zwischen 2020 und 2030 steigen. Wer also mehr als nur eine Diät-App programmieren möchte, hat noch immer rosige Karriereaussichten.

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E-Mobilität, Expansionspläne, China-Vorwürfe: Was VW-Chef Herbert Diess bei seiner Reddit-Fragestunde verriet

VW-Chef Herbert Diess mit der Ankündigung zu seiner Fragerunde auf der Diskussionsplattform Reddit

VW-Chef Herbert Diess mit der Ankündigung zu seiner Fragerunde auf der Diskussionsplattform Reddit

Volkswagen

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, hat sich am 16. Februar, um 18 Uhr deutscher Zeit, den Fragen der Reddit-Community gestellt und dabei unter anderem verraten, was sein Lieblingskäse ist. Aber auch, wie Volkswagen zu den Arbeitsbedingungen in China steht und wie viel Milliarden der Autobauer in Software investiert.

In einem „Ask Me Anything“ konnten Nutzer der Social Media Plattform schriftlich Fragen stellen, die Diess ebenfalls schriftlich beantwortete. Angekündigt hatte er das Format bereits vor einer Woche.

VW investiert zwei Milliarden in Software

Doch, was gibt VW-Chef Diess überhaupt auf Reddit preis? Unter anderem verkündete er, dass VW im Jahr 2021 rund 1.000 Software-Entwickler eingestellt habe und VW derzeit rund zwei Milliarden pro Jahr in Software investiere. Euro oder Dollar? Unklar. Im Kommentar macht er keine Angabe.

Außerdem arbeite das Unternehmen daran, sowohl Luxus-Elektroautos als auch Einsteiger-Elektro-Autos für rund 20.000 Euro auf den Markt zu bringen.

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Auch die Arbeitsbedingungen in chinesischen Volkswagen-Fabriken wurden von der Reddit-Community angesprochen. In allen Fabriken weltweit würden die selben Arbeitsstandards gelten, sagte Diess. Dazu würden auch die UN-Richtlinien für Wirtschaft und Menschenrechte zählen. Immer wieder wurde der VW-Konzern in der Vergangenheit für sein Engagement in China kritisiert.

Abseits der Politik gab es auch Fragen zu konkreten Fahrzeugen und Marken. Einen Nutzer, der sich die Marke Skoda in den USA wünschte, musste Diess beispielsweise enttäuschen. VW habe keine Pläne, Skoda, das wie Audi oder Bentley ebenfalls zu VW gehört, auf den US-Markt zu bringen. Eine „gute Idee“ wiederum nannte er den Vorschlag, einen elektrischen Pickup-Truck, wie den Ford F150, einzuführen.

In 25 Jahren: Autos sind noch immer das wichtigste Transportmittel

Auf seine Zukunftsprognose angesprochen, wo Diess die Autoindustrie in 25 Jahren sehe, antwortete er: Es sei schwierig, 25 Jahre in die Zukunft zu schauen, aber er schätze, dass alle Autos autonom, sehr sicher und wahrscheinlich ohne Unfälle und emissionsfrei sein würden. Auch gehe er davon aus, dass sie das wichtigste Verkehrsmittel blieben.

Unabhängig von seinen Prognosen beantwortet VW-Chef dabei auch persönliche Fragen, etwa zu seiner Lieblings-Käsesorte: Manchego, ein spanischer Schafskäse.

Warum positioniert sich Diess auf Reddit?

Warum Diess sich jetzt den Fragen der Community stellt? Maximilian Van Poele, Attention Lead bei der PR-Agentur Hypr, stellt auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn fest, dass es ein „sehr smarter Schachzug“ von ihm sei.

Diess sei der erste Manager eines DAX-Konzerns, der den Kanal Reddit nutze. „Das zahlt auf seine charismatische Positionierung als nahbarer, visionärer CEO ein“, sagt Van Poele. Außerdem unterstreiche die Sichtbarkeit auf Reddit die Positionierung als Tech-Company.

Zum Hintergrund: Die Plattform Reddit stammt aus den USA und ist vergleichbar mit einem Social-Media-Netzwerk auf der einen Seite und einem Forum auf der anderen Seite. Zu vielen Themen gibt es sogenannte Subreddits, also Foren, in denen sich Nutzer zu einem gewissen Thema austauschen. Der deutsche Subreddit „Finanzen“ zum Beispiel zählt 155.000 Mitglieder.

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Volkswagen Wolfsburg

Vom Vizekanzler zum FDP-Außenseiter: Jürgen W. Möllemann und die Flugblatt-Affäre

Home Wirtschaft

Vom Vizekanzler zum FDP-Außenseiter: Jürgen W. Möllemann und die Flugblatt-Affäre

  • Profielfoto Solveig Gode

Getty Images / dpa; Collage: Dominik Schmitt

Jürgen W. Möllemann galt in den 90er Jahren als einer der bedeutendsten und umstrittensten Politiker Deutschlands. Dem Liberalen gelang in kurzer Zeit der politische Aufstieg vom Bildungsminister zum Wirtschaftsminister und Vizekanzler. Später wurde er beinahe FDP-Chef auf Bundesebene – doch dann überschatteten Vorwürfe um dubiose Wahlkampffinanzierungen, illegale Spenden und ein als antisemitisch geltendes Flugblatt seine Karriere.

Triggerwarnung: In diesem Text und in der Podcast-Folge sprechen wir auch über einen Suizid. Wir berichten darüber, weil dieser ein essentieller Teil der Ereignisse ist. Solltet ihr selbst oder euer Umfeld über einen Suizid nachdenken, erhaltet ihr schnelle Hilfe bei Organisationen wie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe oder der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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Möllemann löste gleich zwei Politik- und Wirtschafts-Affären aus. 1993 wurde die sogenannte Briefbogen-Affäre bekannt: Der damalige Vizekanzler empfahl Handelsketten mit dem offiziellen Briefkopf des Wirtschaftsministeriums einen Einkaufschip. Brisant dabei: Dieser Chip wurde von der Firma eines Familienmitglieds Möllemanns vertrieben. Nach dem Vorwurf der Vetternwirtschaft musste Möllemann zurücktreten und verlor auch den FDP-Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen.

Möllemann arbeitete in den folgenden Jahren an seinem Comeback. Tatsächlich wurde er erneut Vorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen und warb prominent im Bundestagswahlkampf 2002. Zu dieser Zeit polarisierte er, auch weil er am politisch-rechten Rand zu fischen schien. Schließlich überschritt er die Grenze, als er acht Millionen als antisemitisch geltende Flugblätter verteilen lässt – ohne Absprache mit Parteichef Guido Westerwelle. Als dann auch noch entdeckt wurde, dass die Finanzierung der Flyer aus illegalen Spendengeldern stammte, verlor Möllemann alle politischen Ämter und wurde zur Persona non grata.

Inmitten der Affäre nimmt sich Möllemann 2003 bei einem Fallschirmsprung das Leben. Bis heute gibt es unbeantwortete Fragen: Woher stammten die Millionen, mit denen der damals 57-Jährige die Flugblätter finanzierte? Welche Motive verfolgte er politisch? Warum glaubte er, in einer Sackgasse zu sein?

Diesen Fragen gehen wir gemeinsam mit Wolfgang Kubicki nach, einem langjährigen Vertrauten und Parteikollegen Möllemanns. In der aktuellen Folge unseres True-Crime-Podcasts „Macht und Millionen“ gibt der Bundestagsvizepräsident exklusive und emotionale Einblicke und erzählt offen, wie er ihn als Menschen und Politiker wahrgenommen hat.

Über den Podcast: 

Bei „Macht und Millionen“ sprechen Solveig Gode (28) und Kayhan Özgenc (52) alle zwei Wochen über die spannendsten Verbrechen und Skandale der deutschen Wirtschaft. In jeder Folge unseres True-Crime-Podcasts beleuchten die beiden Business-Insider-Journalisten einen Fall, den sie anhand eigener Recherchen und Original-Dokumente neu aufrollen. Sie erzählen von schillernden Millionären und tief gefallenen Managern, aber auch von Menschen von nebenan, die zu Tätern und Opfern wurden – wahre Wirtschaftskrimis, die genau so passiert sind. 

Ihr findet die neueste Folge von „Macht und Millionen“ auf SpotifyApple PodcastsGoogle PodcastsPodimo oder Deezer. Wenn ihr uns unterstützen und neue Episoden schon eine Woche vorher hören wollt, könnt ihr bei Apple Podcasts oder Spotify dem „Macht und Millionen Club“ beitreten. Dort erhaltet ihr außerdem exklusiv die erste Staffel sowie weitere Bonusinhalte. Das Abo kostet 3,99 Euro im Monat. 

Auf unserem Instagram-Account findet ihr neben Fotos rund um den aktuellen Fall auch immer vorab Hinweise zum Thema der jeweils nächsten Episode.

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Cake Ösa Lite: Ich bin das schwedische Elektro-Bike in minimalistischer IKEA-Optik gefahren — so fühlt es sich an

Der Autor auf dem elektrischen Cake-Bike.
Der Autor auf dem elektrischen Cake-Bike.

CAKE

Die schwedische E-Bike-Marke Cake drängt auf den deutschen Markt.

Dabei sind die Modelle, trotz puristischem Design, nicht gerade günstig: Zwischen 7.500 und 14.000 Euro kosten sie.

Unser Autor ist die kleinere Variante des zweiten Modells, das Ösa Lite, Probe gefahren. Der Vorteil: Für diese Version reicht auch ein Autoführerschein.

Der Schub drückt mich nach hinten, ich bin überrascht: So schnell hatte ich mir die Beschleunigung bei einem auf 45 km/h gedrosselten Bike nicht vorgestellt. Und erst recht nicht bei einem elektrifiziertem Motorrad, das mehr Ähnlichkeit mit einem Klapprad als mit einer Harley-Davidson hat und nach einem Süßgebäck benannt ist.

Die Rede ist von Cake. Die junge schwedische Marke hatte von Anfang an nur elektrisch angetriebene Fahrzeuge im Angebot. Ursprünglich hatte sich der Gründer Stephan Ytterborn mit seinem bisherigen Unternehmen POC Sports auf Helme und Profi-Ausrüstung für Fahrrad- und Skifahrer, sowie Snowboarder spezialisiert. Vor rund acht Jahren weckten elektrisch angetriebene Motorräder sein Interesse und er beschloss, 15 Modelle verschiedener Hersteller zu kaufen, um einen guten Überblick über den Markt zu bekommen. Er war aber mit keinem der Produkte richtig zufrieden, sodass er beschloss, sein eigenes zu bauen. Im September 2016 gründete er Cake.

Eigenwilliges und reduziertes Design

„Wir wollten das Motorrad inklusive jeder noch so kleinen Schraube von Grund auf neu entwickeln“, sagt der Schwede im Gespräch mit Business Insider. Daher dauerte es bis Anfang 2018, bis das erste Modell bereit für seine Premiere war. Ein Jahr später begann schließlich die Massenfertigung von Cakes Erstling, dem Offroad-Bike Kalk, das sowohl mit Straßenzulassung oder als reine Geländemaschine erhältlich ist. Inklusive Batterie wiegt es nur rund 75 Kilo und ist somit deutlich leichter und wendiger als die gängigen Maschinen mit Verbrennungsmotor.

Da sich die üppigen 252 Newtonmeter Drehmoment des 13,5 PS starken E-Motors entlang des Drehzahlbandes sehr gleichmäßig verteilen und die über eine Kette übertragene Power sehr direkt anliegt, dürfte das über 100 km/h schnelle Motorrad aber auch auf der Straße sehr viel Spaß machen. Allerdings ist die Straßenversion nicht gerade günstig: Die Preise beginnen für dieses Modell bei 14.000 Euro. Dafür bekommen die Kunden aber ein echtes Designerstück. Die minimalistische Optik, bei der aus Gewichtsgründen komplett auf Verkleidungen verzichtet wurde, mag zwar nicht jedermanns Sache sein. Die Fachwelt scheint aber von dem funktional gestalteten Bike begeistert zu sein. Das Kalk gewann 2019 sogar den renommierten Red Dot Design Award.

Im August veranstaltete Cake auf Gotland das erste offizielle Rennen, an dem nur Kalks teilgenommen haben.
Im August veranstaltete Cake auf Gotland das erste offizielle Rennen, an dem nur Kalks teilgenommen haben.

CAKE

Für das Ösa lite reicht ein Autoführerschein

Im Folgejahr wurde diese Ehre auch dem zweiten Cake-Modell zuteil, dem mit einem Einstiegspreis von 7.500 Euro deutlich günstigeren Ösa lite. Dabei erinnert das E-Bike mit seinem funktionalem und minimalistischem Design an die Möbel des schwedischen Möbelriesen Ikea, dessen Produkte für ihren Skandi-Style bekannt sind. Für den Basistarif des Ösa lite bekommt man eine schwächere und bei 45 km/h abgeregelte Variante des Zweirads, für die man keinen Motorradführerschein benötigt. Ein Autoführerschein der Klasse B reicht wie bei einem klassischen Motorroller vollkommen aus. Wer das 13,5 PS starke und über 90 km/h schnelle Ösa haben möchte, sollte mindestens 9.500 Euro bereithalten.

Während das Kalk auf eine möglichst hohe Geländegängigkeit ausgelegt ist, soll das Ösa praktischer und variabler sein. Bei Bedarf lassen sich beispielsweise eine zweite Sitzfläche oder ein Gepäckmodul montieren. Die unter dem Fahrer sitzende Batterie mit einer Kapazität von 2,5 kWh lässt sich innerhalb kürzester Zeit austauschen und soll bei der gedrosselten Version im Stadtverkehr eine Reichweite von über 90 Kilometern bieten. Wenn der Stromspeicher komplett leer ist, dauert das Vollladen an einer herkömmlichen Steckdose drei Stunden. Ein Ladestand von 80 Prozent ist nach zwei Stunden erreicht.

So fährt sich das in Schweden produzierte Bike

Business Insider hatte in Berlin Gelegenheit, das Ösa lite zu testen. Bevor man losfahren kann, muss man erst einmal die Batterie per Knopfdruck betriebsbereit machen. Danach startet man das Fahrzeug, indem man den kleinen Button neben der Digitalanzeige drückt. Auf letzterer werden neben der aktuellen Geschwindigkeit auch der Ladestand der Batterie und der eingestellte Fahrmodus angezeigt.

Je nachdem, wie viel Leistung man abrufen möchte, kann man zwischen drei Stufen wählen. In der höchsten reagiert der Motor blitzschnell auf jede noch so kleine Bewegung am Gasdrehgriff. Obwohl bei dem mit Batterie 87 Kilogramm schweren Bike „nur“ 5,4 PS zur Verfügung stehen, beschleunigt es überraschend rasant auf die Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h. Laut einem Cake-Mitarbeiter dauert der Sprint circa drei Sekunden, wenn man jedoch selbst hinter dem Lenker sitzt, fühlt sich das Ganze noch deutlich schneller an. In der niedrigsten Stufe lässt es der E-Motor etwas ruhiger angehen. Langeweile kommt trotzdem nie auf. Der Topspeed ist in diesem Modus auf rund dreißig Kilometer pro Stunde begrenzt.

Vor allem die gerade Sitzstange ist für das Auge ungewohnt, gibt dem Bike aber seinen eigenen Charakter.
Vor allem die gerade Sitzstange ist für das Auge ungewohnt, gibt dem Bike aber seinen eigenen Charakter.

Cake

Satte Straßenlage und eine ordentliche Federung

Übrigens kann man auch die Motorbremse des Gefährts je nach Bedarf dreistufig einstellen. Aber nicht nur der Antrieb des Ösa lite überzeugt. Das Stadtfahrzeug liegt satt auf der Straße und die Federung lässt sich auch von gröberen Unebenheiten nicht aus der Ruhe bringen. Aufgrund des vergleichsweise niedrigen Gewichts lässt sich das Bike zudem leicht auf den Ständer stellen. Der einzige Kritikpunkt, neben den nicht gerade günstigen Preisen: Beim Tragen einer Sonnenbrille oder bei einer starken Sonneneinstrahlung, lässt sich das Informationsdisplay kaum noch ablesen.

Für preisbewusste Kunden, die möglicherweise auch mit dem ungewöhnlichen Design des Ösa nichts anfangen können, bieten die Schweden ab Anfang 2022 ihr drittes Modell Makka an. Im Vergleich zu den anderen Cake-Bikes wirkt es nahezu gewöhnlich. Cake plant zwei Varianten: in der „Moped-Kategorie“ ein auf 25 km/h gedrosseltes Einstiegsmodell namens Range, das bei 3.500 Euro startet. Die 45 km/h-Variante Flex soll nur 300 Euro teurer sein, obwohl sie mit ihren 4,8 PS doppelt so viel Leistung hat. Dafür bietet die schwächere Version mit ihren 60 Kilometern etwas mehr Reichweite.

Das neue Einstiegsmodell Makka sieht vergleichsweise konventionell aus.
Das neue Einstiegsmodell Makka sieht vergleichsweise konventionell aus.

CAKE

CO2-Reduzierung und Showrooms in Planung

Der Firmengründer Ytterborn hat neben dem Ausbau der Modellpalette aber noch andere Pläne. Bis 2025 sollen in den Metropolen Europas und Nordamerikas 25 Showrooms entstehen. Bisher vertreibt der Hersteller seine Bikes ausschließlich über Partner oder online über seine Website. Cake hat zudem eine Kooperation mit dem schwedisch-chinesischen Elektroautobauer Polestar in der Pipeline, während das Unternehmen gemeinsam mit dem heimischen Energiekonzern Vattenfall am ersten komplett fossilfreien Motorrad der Welt arbeitet.

Wenn alles nach Plan läuft, soll das umweltfreundliche Zweirad zur Mitte des Jahrzehnts marktreif sein. Stephan Ytterborn gibt nämlich offen zu, dass es auch bei der Herstellung elektrisch angetriebener Fahrzeuge noch einen großen Optimierungsbedarf gibt. Vor allem die Gewinnung der für die Batterien benötigten Rohstoffe kritisiert er. Zudem würden chinesische Unternehmen bei der Produktion der Batteriezellen teilweise klimaschädlichen Kohlestrom verwenden.

Eine Kooperation mit Northvolt steht an

„Zurzeit ist es ähnlich schlecht, ein Elektrofahrzeug zu fahren, wie eines mit Verbrennungsmotor zu nutzen“, sagt der Cake-Chef im Gespräch mit Business Insider. Er ist aber davon überzeugt, dass sich die Grundvoraussetzungen in den nächsten Jahren verbessern werden. Deshalb wird Cake seine Batteriepacks bald zusammen mit Northvolt entwickeln und diese auch von dem schwedischen Unternehmen produzieren lassen. Aktuell bezieht der Motorradhersteller seine Zellen noch von dem japanischen Produzenten Panasonic.

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