#Interview – “Unser ursprüngliches Geschäftsmodell war nicht skalierbar”

Das No-Code-Startup Wandelbots, das Roboter programmiert, galt als aufsteigender Stern am Startup-Himmel. Insight Partners, 83North, Microsoft, Next47 und Co. investierten in den vergangenen Jahren rund 123 Millionen Dollar in das Unternehmen aus Dresden. Doch das ursprüngliche Geschäftsmodell ging nicht auf. Das Unternehmen, von Christian Piechnick, Georg Püschel, Maria Piechnick, Sebastian Werner, Jan Falkenberg, Giang Nguyen und Frank Fitzek gegründet, suchte sein Heil deswegen im einem radikalen Pivot.

“Obwohl unsere Vision der ‘einfachen Programmierung’ mit dem Tracepen erste Erfolge zeigte, stellten wir fest, dass viel Applikationswissen nötig war und die Anforderungen stark variierten. Dies führte zu einer projektbasierten Arbeit, die hauptsächlich über Personal skalierbar ist, was unsere Mission, die Welt zu verändern, eingeschränkt hätte”, sagt Gründer Christian Piechnick. Inzwischen nimmt das Unternehmen wieder Fahrt auf. “Diese Reise hat uns alle stärker gemacht”, sagt Piechnick.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der Wandelbots-Macher einmal ganz ausführlich über den Pivot seines Unternehmens.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Wandelbots erklären?


Wandelbots ist ein junges Unternehmen, das die Nutzung von Robotern revolutioniert. Stell dir vor, du könntest einem Roboter beibringen, wie man Pflanzen gießt oder Unkraut jätet, ohne die komplizierte Sprache des Roboters zu lernen oder einen Roboterspezialisten anzurufen. Die Wandelbots-Software ermöglicht es dir, dem Roboter zu sagen, was zu tun ist, und er übernimmt den Rest. Zudem kann die Software vorher simulieren, ob die Automatisierung sinnvoll ist und wie sie am besten umgesetzt wird. Du kannst dich auf dein Wissen über Pflanzen und Gartenarbeit konzentrieren, während die Software den Roboter steuert. Und die Software wird immer besser, weil sie aus den Erfahrungen lernt und von einer Community and kreativen Entwicklern unterstützt wird.

Zuletzt habt ihr Euch aus dem Segment Hardware komplett zurückgezogen. Warum habt ihr Euer Geschäftsmodell so radikal geändert?


Wir haben uns aus dem Hardware-Segment zurückgezogen, weil unser ursprüngliches Geschäftsmodell nicht skalierbar war. Obwohl unsere Vision der “einfachen Programmierung” mit dem Tracepen erste Erfolge zeigte, stellten wir fest, dass viel Applikationswissen nötig war und die Anforderungen stark variierten. Dies führte zu einer projektbasierten Arbeit, die hauptsächlich über Personal skalierbar ist, was unsere Mission, die Welt zu verändern, eingeschränkt hätte. Nach intensiven Gesprächen mit Kunden und Partnern im Frühjahr 2023 entschieden wir uns, den Fokus komplett auf Software zu legen. Dieser Kurswechsel war schmerzhaft, aber notwendig, um unsere Vision zu verwirklichen.

Was war die größte Herausforderung, was die größte Schwierigkeit bei diesem Wandel?


Die größte Herausforderung war der Moment der Veränderung und der Abschied von unserer ursprünglichen Vision. Zu sehen, dass die Veränderung nicht nur unser Geschäftsmodell, sondern auch unsere Kollegen betrifft, war ein sehr harter Moment für alle, die in der strategischen Neuausrichtung involviert waren. Es gibt einfach den Zeitraum, wo bereits klar ist, wie die Veränderung aussieht und trotzdem Zeit ins Land zieht, bis du die Freigaben der Board Member hast und in die Umsetzung kommst. Da fühlt es sich an, als ob man als Leadership-Team in zwei Welten lebt. Dennoch hat uns diese Erfahrung gestärkt, indem sie uns lehrte, mit Unsicherheit umzugehen, flexibel zu bleiben und gemeinsam als Team durch schwierige Zeiten zu gehen.

Wie hat sich Euer Pivot auf Eure Mitarbeitenden ausgewirkt?


Für alle Kollegen war es emotional, da vielen bewusst war, dass der alte Weg nicht zielführend für die Demokratisierung war. Als klar wurde, dass wir einen Teilbereich der Firma nicht weiterführen und neue Anforderungen an die Teams stellen würden, traf erst die Realisierung ein, dass die Veränderung einen größeren Impact haben wird. Alle Kollegen wurden gebeten, sich Zeit zu nehmen, um zu entscheiden, ob sie sich mit der neuen Ausrichtung identifizieren können. Wir boten ein freiwilliges Programm für Kollegen an, die nicht mehr auf der Reise dabei sein wollten, mussten aber leider auch einigen kündigen. Heute, ein Jahr später, hat sich die emotionale Lage extrem verbessert und die Motivation ist höher denn je. Ende Juni konnten wir gemeinsam den Kick-Off des Beta-Programms durchführen. Dieser Moment hat alle auf einer neuen Ebene mit dem Unternehmen, unserem Produkt und ihrer täglichen Arbeit verbunden. In Dresden trafen die Teams die Kunden live, sahen, wie sie das Produkt nutzen und erhielten direktes Feedback. Dieser direkte Kontakt war besonders wertvoll und hat gezeigt, dass die Veränderung den Nerv der Zeit getroffen hat und der Markt den Mehrwert unserer Produktvision nutzen möchte. Diese Reise hat uns alle stärker gemacht und unsere Fähigkeit, als Team zusammenzuhalten, gefestigt. In einem tief technischen Umfeld solch positive Entwicklungen in nur einem Jahr zu sehen, ist wirklich beeindruckend.

Wie haben denn Eure Investoren reagiert, als die Entscheidung zum Pivot gefallen ist?


Wir haben aktiv das Gespräch mit unseren Investoren gesucht und Experten aus deren Center of Excellence Bereichen einbezogen. Obwohl wir uns darauf vorbereitet hatten, dass ein Gesellschafter sein Geld zurückfordern könnte, konnten wir letztendlich alle Investoren bei der strategischen Neuausrichtung an Bord holen. Unsere Investoren, darunter Insight, 83North, Microsoft und EQT, sind mit der Entwicklung seit dem Pivot sehr zufrieden. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, wie wichtig offene Kommunikation und Transparenz in herausfordernden Zeiten sind und hat unser Beziehung gefestigt.

Und was haben Eure Kundinnen und Kunden gesagt?


Wir haben mit jedem Kunden gesprochen, um die bestehenden Verträge im gegenseitigen Einverständnis aufzuheben. Obwohl es weder für die Unternehmen noch für uns erfreulich war, konnten wir alternative Lösungen finden. Wir haben Kontakte zu Systemintegratoren hergestellt und Übergangskonzepte besprochen, bis die Kunden Zugriff auf die Software-only-Lösung hatten. Letztendlich fanden wir für alle eine zufriedenstellende Lösung. 

Welchen Tipp gibst Du anderen Gründerinnen und Gründern, die vor einem Pivot stehen?


In dieser Zeit gibt es viele Menschen mit Meinungen – und doch tragen die wenigsten die Verantwortung der Gründer oder des Leadership-Teams, das den Pivot vorbereitet, umsetzt und zum Erfolg führt. Warte nicht zu lange, wenn du das Gefühl hast, dass du in die falsche Richtung gehst, denn wahrscheinlich ist das tatsächlich der Fall. Auch wenn es das Ego schmerzt, zieh die Analyse und strategische Planung konsequent durch: vom Marktverständnis und Experteninterviews, zur Vision der Firma, zu den Fähigkeiten der Firma, den Erfolgschancen bei Markteintritt, hin zur Produktvision, Zielorganisationsstruktur, Budgetplanung und schließlich dem Umsetzungsplan. Diese Aufgabe darf nicht delegiert werden – ihr als Gründer oder Leadership-Team müsst den Puls selber spüren und die Realität mit eurer Vision in Einklang bringen. Sobald der Plan steht, denkt an die Kommunikation in die eigene Firma und bereitet euch auf die externe Kommunikation vor. Es wird emotional, verliert eure guten Manieren nicht. Jede Veränderung bringt Ängste mit sich, nehmt euch die Zeit, die Teams mit auf die Reise zu nehmen und erlaubt Emotionen. Achtet auf euch selbst, in dieser Zeit gibt es keine Ruhephasen. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, einen Organisations- und Leadership-Coach einzubeziehen, der uns ohne Filter sehr deutlich die Alarmzeichen aufgezeigt hat, um uns in der Veränderung nicht zu verlieren. Wenn du als Leader nicht auf dich achtest, kannst du auch kein Unternehmen erfolgreich in der Veränderung leiten. Last but not least, feiert die ersten Erfolge und teilt auch Misserfolge, bleibt authentisch, ehrlich, inspirierend und verliert euren Glauben an eure Vision nicht. Nur weil es mal hart ist, heißt das nicht, dass es nicht funktionieren wird.

Wo steht Wandelbots in einem Jahr?


Als Team haben wir unser Produkt nach der Beta-Phase erfolgreich am Markt veröffentlicht und weltweit Kunden und Entwickler für uns gewinnen können. Unternehmen nutzen aktiv unsere Software und Entwicklungsplattform als Teil ihrer Automatisierungsstrategien. Universitäten lehren Wandelbots-Software in ihren Studiengängen, um Softwareentwickler und Automationsingenieure für die Zukunft mit neuen Fähigkeiten auszustatten. Die Wandelbots-Robotics-Community regt viele Menschen zum Austausch an und unterstützt sich gegenseitig bei Automatisierungsprojekten. Vielleicht gibt es eine erste Wandelbots-Developer-Konferenz, bei der Firmen jeder Art ihre Entwickler schicken, um gemeinsam die neuesten Möglichkeiten unserer Software kennenzulernen und ihre eigenen Erfolgsgeschichten zu teilen. Die Konferenz könnte ein Ort werden, an dem Innovationen vorgestellt, Netzwerke geknüpft und die Zukunft der Automatisierung gemeinsam gestaltet wird. Diese Erfolge zeigen, dass unsere Vision Realität geworden ist und dass Wandelbots einen bedeutenden Einfluss auf die Demokratisierung der Robotik und die Art und Weise, wie Automatisierung in der Industrie umgesetzt wird, hat.

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Foto (oben): Wandelbots

#StartupTicker – +++ Oxolo +++ Numbat +++ Wooga +++ June’s Journey +++ Camunda +++ Kakerlaken +++

#StartupTicker

#StartupTicker Oxolo stampft seine Text-to-Video-Lösung ein Numbat ist insolvent  June’s Journey knackt 1 Milliarde Umsatz Camunda peilt 100 Millionen Umsatz an Weniger Geld bringt bessere Unternehmen hervor

    Oxolo     Numbat     Wooga     June’s Journey     Camunda     Kakerlaken

Mittwoch, 14. August 2024VonTeam

Was gibt’s Neues? In unserem #StartupTicker liefern wir eine kompakte Übersicht über die wichtigsten Startup-Nachrichten des Tages (Mittwoch, 14. August)

#STARTUPLAND: NUR FÜR FRÜHE VÖGEL




Kommt mit ins Startupland! Ab sofort könnt Ihr Euch Euer Ticket für eine Reise ins Startupland zum Early Bird-Preis buchen. Die erste Startupland Conference, unsere Startup- und Digital-Konferenz, findet am 6. November statt. Mehr über Startupland

#STARTUPTICKER

Oxolo


Neuausrichtung! Das millionenschwere Hamburger KI-Startup Oxolo, 2020 vom erfolgreichen Seriengründer Heiko Hubertz (AASP, Bigpoint, Whow Games) und Elisabeth L’Orange gegründet, setzte in den vergangenen Jahren auf “generative KI-Lösungen für eine Text-to-Video-Anwendung”. Damit ist nun Schluss!  “We have built software for people to easily generate videos featuring humans. For e-commerce, for training and HR purposes. We have done it successfully, we’ve raised Series A from top tier VCs, we have over 600k users, have built a high caliber team and grew daily. However, we decided to discontinue the product oxolo as it is”, schreibt Gründerin L’Orange auf Linkedin. “We didn’t take this decision lightly but timely. We will now build a product using our existing team and tech – most likely B2C. It’s been hard on us – letting go of people and a product and all the hard work that went into it is not easy”, führt sie weiter aus. Konkret baut das leicht verkleinerte Team nun “das nächste KI Produkt – diesmal aber B2C”, wie Gründerin L’Orange auf Anfrage mitteilt. Das neue Produkt wird dann aber nicht mehr unter dem Namen Oxolo vertrieben. DN Capital und Business Angels investierten zuletzt 13 Millionen Euro in das Unternehmen. Mehr über Oxolo

Numbat


Pleite! Das Allgäuer Ladesäulen-Startup Numbat ist insolvent. “Trotz vielen Partnerschaften, Kunden und Investoren, konnten die ambitionierten Ziele nicht verwirklicht werden und es entstand eine Krisensituation, in der eine Weiterführung der Numbat GmbH in der geplanten Form nicht mehr möglich war”, teilt das Team mit. Das Augsburger Immobilieninvestment-Unternehmen Patrizia stellte Numbat zuletzt gemeinsam “mit einem deutschen Bankenkonsortium unter der Führung der DAL (Deutsche Anlagen-Leasing)” 140 Millionen Euro zur Verfügung. “Die im Markt bekannte Kapitalrunde war für eine Projektgesellschaft vorgesehen und speziell für die Ausstattung mit Numbat-Systemen sowie deren Installation gedacht”, teilt das Unternehmen dazu mit. Das GreenTech aus Kempten, 2021 von Maximilian Wegener und Martin Schall gegründet, möchte mit einem Stromspeicher und einer Schnellladesäule die E-Mobilität weiter nach vorne bringen, indem man E-Autos schneller laden kann. Dazu kombiniert das Jungunternehmen einen Batteriespeicher mit einem sogenannten “High-Power Charger”. Zu den Investoren von Numbat gehören unter anderem eCAPITAL und sonnen-Gründer Christoph Ostermann. Mehr über Numbat

#LESENSWERT

June’s Journey – Wooga – Camunda – Kakerlaken 


 June’s Journey knackt nach sieben Jahren 1 Milliarde Euro Umsatz (OMR)  Workflow-Management-Grownup Camunda peilt 100 Millionen Umsatz an (Handelsblatt)  Kakerlaken: Wieso weniger Geld bessere Unternehmen hervorbringt (manager magazin)

#DEALMONITOR

Investments & Exits


Roger sammelt 7 Millionen ein VoiceLine erhält 2,4 Millionen STS Ventures investiert in Gipedo ACE Alternatives bekommt siebenstellige Summe Round2 Capital investiert in die E-Learning Group ease übernimmt Helvengo. Mehr im Deal-Monitor

Was ist zuletzt sonst passiert? Das steht immer im #StartupTicker

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Foto (oben): Bing Image Creator – DALL·E 3 / Shutterstock

#Interview – “Wir entschieden uns, trotz der Profitabilität, die Entwicklung zu beschleunigen”

Simpleclub aus München, das 2015 von Alexander Giesecke und Nicolai Schork gegründet wurde, positioniert sich als Lern-App für Schüler.  Die Gründer haben schon 2011, als Elftklässler mit ihrem Projekt angefangen – mit Mathematik-Erklärvideos auf YouTube. Dann kam der große Pivot! “Es wurde uns dann bewusst, dass eine Entertainment-Plattform wie YouTube langfristig nicht der richtige Ort für die Zukunft der Bildung ist. Deshalb haben wir uns entschlossen, eine eigene Technologie-Plattform zu bauen”, sagt Gründer Schork.

Das Wagnis ging auf. “Zum Schulstart im September 2021 haben wir dann unsere Growth-Engine richtig aufgedreht und sind innerhalb von drei Monaten schneller gewachsen als in der gesamten Unternehmensgeschichte davor”, erzählt Mitstreiter Giesecke. Inzwischen arbeiten 150 Mitarbeiter:innen für die Jungfirma. Im Interview mit deutsche-startups.de sprechen die simpleclub-Macher zudem über Kennzahlen, Expansion und Feedback.

Wie würdest Du Deiner Großmutter simpleclub erklären?


Schork: simpleclub ist das Schulbuch der Zukunft. Anstatt mit traditionellen Materialien wie gedruckten Schulbüchern zu lernen, die für alle gleich sind, lernen Schülerinnen und Schüler heutzutage mit der App von simpleclub in ihrem eigenen Tempo am Handy oder Laptop. Dort finden sie Inhalte, die Spaß machen: Das sind Videos, interaktive Übungsaufgaben, sie können Karteikarten erstellen und mit individuellen Lernplänen ihren eigenen Lernfortschritt messen. Schon heute hat unsere Lernapp über zwei Millionen Nutzer:innen pro Monat. Auch tausende Lehrkräfte nutzen die digitalen Inhalte als Ergänzung zum traditionellen Lehrmaterial im Unterricht.

War dies von Anfang an euer Konzept?


Giesecke: Tatsächlich hatten wir vor einigen Jahren einen großen Pivot, weshalb wir die Story von simpleclub eigentlich in zwei Teilen erzählen müssen: Wir beide, Nico und ich, kennen uns seit der fünften Klasse. Etwa in der Zehnten hatten wir die Idee, gemeinsam etwas aufzubauen. Wir haben dann ein Soziales Netzwerk entwickelt, es aber nie veröffentlicht. Das war zu der Zeit als Google rauskam und alle dachten, das wird das nächste Facebook. Etwa ein Jahr später kamen wir auf die Idee, Lernvideos in Mathe besser zu machen als das, was es damals gab und auf YouTube hochzuladen. Denn immer mehr Schüler:innen gingen auf die Plattform, um nach Lösungen zu bestimmten Schulthemen zu suchen. Über unsere Studienzeit hinweg haben wir das Angebot auf insgesamt 14 Schulfächer erweitert und mit zwei Millionen Abonnenten und 500 Millionen Videoaufrufen den größten Education Channel Deutschlands auf YouTube aufgebaut.

Wie ging es dann weiter?


Schork: Dann kam aber der Pivot. Bis dahin waren wir bootstrapped und hatten bereits ein Team aus 30 Mitarbeiter:innen. Es wurde uns dann bewusst, dass eine Entertainment-Plattform wie YouTube langfristig nicht der richtige Ort für die Zukunft der Bildung ist. Deshalb haben wir uns entschlossen, eine eigene Technologie-Plattform zu bauen und damit einen Pivot um 180 Grad gemacht: Weg von YouTube, hin zu Education Tech. Allerdings haben wir auch gemerkt, dass wir mit den 30 Leuten im Team keine Tech Company aufbauen können. Wir trafen eine richtig schwere Entscheidung und mussten 15 Mitarbeiter:innen an einem Tag gehen lassen. Mit dem restlichen Team machten wir einen Workshop und beschlossen: Wir bauen die beste Lernapp der Welt. Das haben wir dann gleich sehr erfolgreich angefangen und im ersten Jahr der App – das war 2019 – bereits 500.000 Euro Gewinn gemacht. Der eigentliche Plan war, so organisch weiter zu wachsen, doch dann kam 2020 Corona. Mitte März wurden Schulen in ganz Deutschland geschlossen und uns war klar, wir müssen schnell handeln. Sofort haben wir eine Hilfsaktion gestartet und Schulen und Lehrer:innen den Vollzugang unserer App für die Zeit der Schulschließungen kostenlos zur Verfügung gestellt. In nur wenigen Tagen wurden 1,9 Millionen Lizenzen im Wert von über 30 Millionen Euro verteilt. Dieser Zuspruch, auch von Lehrkräften, hat uns gezeigt, dass wir nicht nur eine Lernhilfe am Nachmittag bei den Hausaufgaben oder zur Klausurvorbereitung sind. Wir hatten jetzt die Chance, direkt in den Unterricht integriert zu werden und damit zum Kernprodukt der Bildung zu werden. In der Folge entschieden wir uns, trotz der Profitabilität die Entwicklung von simpleclub zu beschleunigen und holten mit HV Capital unseren ersten Investor an Bord. Die Strategie war es, ein Jahr lang nicht in Wachstum zu investieren, sondern in das Produkt und haben unsere Retention, Unit Economics, LTV:CAC und andere Kennzahlen maßgeblich verbessert.

Und, ging der Plan auf?


Giesecke: Zum Schulstart im September 2021 haben wir dann unsere Growth-Engine richtig aufgedreht und sind innerhalb von drei Monaten schneller gewachsen als in der gesamten Unternehmensgeschichte davor. Daraufhin haben wir die Gründer von den Unicorn-Scaleups FlixBus, Schüttflix, CoachHub und sennder gewonnen, bei uns als Business-Angels einzusteigen. Vor Kurzem haben wir eine Series A Finanzierungsrunde in Höhe von 7,2 Millionen Euro abgeschlossen und 10x Founders als Lead Investoren dazu gewonnen – trotz der schwierigen Marktsituation. Der Plan ist es, bis Ende des Jahres die internationale Expansion zu starten. Dahinter steckt auch ein moralisches Ziel, denn jemand hat es mal so ausgedrückt: In Deutschland macht ihr Bildung besser. In anderen Ländern könnt ihr Bildung überhaupt erst ermöglichen.

Wie genau funktioniert denn euer Geschäftsmodell?


Giesecke: Unser Geschäftsmodell ist in zwei Segmente aufgeteilt: Zum einen erreichen wir mit der simpleclub App Schülerinnen und Schüler von der fünften bis zur dreizehnten Klasse (B2C). Auf der anderen Seite haben wir Unternehmenskunden (B2B), die mit unserer Hilfe die Ausbildungsinhalte für Azubis digitalisieren, um ihnen zeitgemäße Lernangebote mittels Lernapp zu machen, die viele schon aus der Schulzeit kennen. Im Kern funktionieren beide Segmente genau gleich: Nutzer:innen kaufen ein Abo, um den Vollzugang zur App zu erhalten. Damit erhalten sie alle Lerninhalte und Features wie Videos, Übungsaufgaben, Lernpläne, Karteikarten und Zusammenfassungen. Im Schulbereich sind Eltern die zahlenden Kunden, in der Ausbildung sind es die Unternehmen, die Lizenzen für ihre Auszubildenden erwerben.

Wie genau sich euer Unternehmen seit der Gründung entwickelt?


Schork: Heute sind wir ein Team aus über 150 Mitarbeitern, darunter Top Talents von HelloFresh, Klarna, Zalando, FreeNow, Vodafone, Amazon, Delivery Hero und anderen. Unser aktueller Jahresumsatz liegt im mittleren siebenstelligen Bereich, was überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Series A Startups ist. Wir haben über zwei Millionen monatliche Nutzer:innen und sind nachgewiesenermaßen die bekannteste und beliebteste Lernapp für Schule und Ausbildung in Deutschland. Das hat eine repräsentative Umfrage mit Kantar ergeben. Letztes Jahr wurden wir von Statista und Business Punk zum Nummer eins Startup Arbeitgeber im Bereich Bildung gewählt.

Seit der Seed-Runde  seid ihr somit von 30 auf über 150 Mitarbeiter:innen gewachsen. Wie habt ihr das organisatorisch gestemmt?


Giesecke: Der erste Schritt war das Einstellen einer starken VP People. Mit Yasmin Ahmed haben wir sehr viel Erfahrung bei People und HR ins Unternehmen geholt. Gleichzeitig haben wir unser Recruiting Team aufgebaut und sehr gute Leute eingestellt. Insgesamt haben wir ein starkes Mittelmanagement aufgebaut und unsere OKR-Prozesse – Objectives and Key Results – ständig verbessert.

Blickt bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?


Giesecke: simpleclub ist anfangs sehr community-driven gewachsen, was vor allem mit unserem Start bei YouTube zu tun hatte. Für die ersten zahlenden Kunden mussten wir also keinen Cent in Werbung investieren. Als wir 2020 angefangen hatten, das erste Mal Paid Marketing zu starten, haben wir in einem Monat einen hohen fünfstelligen Betrag ohne nennenswerten Ertrag verbrannt, weil unser Setup nicht gut war. Das tat so weh, dass wir schnell gelernt haben: Wir haben einen starken Head of Growth eingestellt, der unsere Growth Marketing Engine methodisch von Null aufgebaut hat. Teil der Strategie war eine sehr enge Zusammenarbeit mit Product und User Research und so machten wir mit einem klaren Growth Plan wöchentlich Fortschritte. Dieser Prozess war maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir heute so gute Unit Economics haben und in den letzten Monaten so stark wachsen konnten. Heute geben wir ein Vielfaches an Ad Spend aus und skalieren ständig weiter. Also am Ende ein guter Outcome, trotzdem hätten wir den Fehler gerne vermieden.

Und wo hat Ihr bisher alles richtig gemacht?


Schork: Bei unserer Unternehmenskultur. Hier gibt es eine Story: Vor Corona waren wir 30 Leute und unsere Kultur war klasse. Das war uns als Gründer immer sehr wichtig. Während der Corona-Pandemie ist unser Team um über 100 Leute gewachsen. Kombiniert mit unserer Full-Remote-Kultur haben wir keine einzige Person jemals in echt gesehen. Untereinander hatten auch alle nur über Google Meet Kontakt. Im August 2021 hatten wir dann wieder unser erstes großes Team Meeting in München mit 130 Leuten. Fünf Tage, viele Workshops und Partys geplant. Um ehrlich zu sein, waren wir echt nervös, denn wir hatten Angst, ob sich durch das Wachstum unsere Teamkultur verändert hat. Aber nach ein paar Stunden waren alle so connected und nach fünf Tagen schon richtig zusammengewachsen, dass wir unglaublich glücklich waren. Das Feedback aus dem Team war auch toll und selbst viele seniorige Mitarbeiter, die schon einige Firmen erlebt hatten, meinten, dass sie noch nie so eine Kultur wie bei uns erlebt hätten.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründern mit auf den Weg?


Giesecke: Drei Tipps, die uns extrem geholfen hätten. Erstens: Testet solange, bis ihr euren Product-Market-Fit zu 100 % gefunden habt. Zweitens: Euer Team ist euer wichtigstes Asset: Fokussiert euch darauf, die besten Leute reinzuholen. Drittens: Stay humble but always hungry: Seid euch dessen bewusst, dass ihr weniger krass seid, als ihr anfangs vielleicht glaubt. Lernt so viel wie möglich von erfahrenen Gründer:innen. Aber behaltet euch auch ein gewisses Maß an Größenwahn und seid selbstbewusst, wenn es um Dinge geht, die ihr wirklich gut könnt.

Wo steht simpleclub in einem Jahr?


Schork: In einem Jahr sind wir der Standard fürs digitale Lernen in der Schule und Ausbildung in Deutschland. Außerdem werden wir in drei bis vier internationalen Märkten starkes Wachstum aufzeigen können und die Grundlage dafür geschaffen haben, die nächste Wachstumsrakete zu zünden.

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Foto (oben): simpleclub

#Interview – “Die Wahrheit ist: Da steckt verdammt viel Arbeit drin”

Das Kölner Startup Planted , das 2021 von Jan Borchert, Heinrich Rauh, Cindy Schüller und Wilhelm Hammes gegründet wurde, möchte seinen “Kund:innen die Möglichkeit geben, aktiv etwas gegen die globale Erwärmung zu unternehmen”. Dazu pflanzt das Unternehmen Mischwälder und kompensiert so CO2-Emissionen. neoteq ventures, Smart Infrastructure Ventures, Rivus Capital und Angel-Investoren wie Julius Göllner, Jochen Berger und Friedrich Neumann investierten zuletzt 1 Millionen Euro in die Jungfirma.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Planted-Gründerin Cindy Schüller über Abomodelle, den Pivot der Jungfirma und Wind.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Planted erklären?


Wir ermöglichen Unternehmen auf einfache und schnelle Art, aktive Klimaretter zu werden. Mithilfe unseres transparenten Abomodells kann die komplette Belegschaft einen Beitrag für einen enkeltauglichen Planeten leisten. Hierfür berechnen wir die durchschnittlichen CO?-Fußabdrücke der Mitarbeiter:innen auf Basis ihrer Reise-Emissionen. Die angefallenen Emissionen gleichen wir dann über globale Klimaschutzprojekte aus. Unter Regie unseres hauseigenen Klimaförsters und Mit-Gründers Jan Borchert pflanzen wir zusätzlich für jedes Teammitglied klimastabile Bäume. So entstehen in ganz Deutschland neue Firmenwälder!

Was waren die größten Herausforderungen, die Ihr bisher überwinden musstet?


Unseren Pivot! Wir haben uns im Dezember dafür entschieden, unseren Fokus von Privatpersonen auf Unternehmen umzulenken – hier sehen wir den größten Hebel. Unsere Mission bleibt, die Klimakrise zu bekämpfen und das geht nur wenn alle, Privatmenschen und Firmen, mitziehen. Wir sehen, dass die Unternehmen bereit sind, aktiv Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Das macht uns Hoffnung auf eine grüne Zukunft.

Wo steht Planted derzeit, welche Zahlen, Daten und Fakten kannst Du mit uns teilen?


Noch ganz am Anfang – und doch schon auf der Überholspur: Innerhalb eines Jahres hat Planted das Vertrauen von mehr als 1.000 klimapositiven Mitarbeiter:innen aus über 100 tollen Unternehmen wie Gerry Weber, XtraFit, Vivawest, MegaBad oder Electronic Sports League gewonnen. So konnten wir über 100.000 klimastabile Bäume in ganz Deutschland pflanzen und sieben globale Klimaschutzprojekte realisieren. Kurz zur Einordnung: Damit konnten wir die CO?-Emissionen von über 60.000 Flügen zwischen Köln und Barcelona ausgleichen. Mittlerweile sind wir ein 10-köpfiges Team und arbeiten auf Hochtouren am next step: einer eigenen Dekabonisierungs-Software. Damit wird der Klimaschutz noch leichter zugänglich für Unternehmen und noch spielerischer für ihre Mitarbeiter*innen. Diese können nämlich durch individuelle Challenges aktiv CO? reduzieren. Das Ziel: Netto-Null-Emissionen! Dass wir jüngst im Mai mit dem Gründer-Award des Jahres 2022 ausgezeichnet wurden, motiviert uns alle zusätzlich und bestärkt uns enorm.

Gerade konntet ihr 1 Million Euro einsammeln. Wie seid ihr mit euren Investor:innen in Kontakt gekommen?


Um ehrlich zu sein, stellt man sich das von Außen immer ganz leicht vor. Gerade jetzt, wo Green-Tech-Startups hoch im Kurs stehen. Die Wahrheit ist: Da steckt verdammt viel Arbeit drin. Was definitiv geholfen hat, war der Gewinn des Climate Founder Accelerators (2021) und die Teilnahme am SpinLab HHL Accelerator Programms in Leipzig. Dadurch haben wir an Bekanntheit gewonnen und konnten gute Kontakte in die VC-Szene aufbauen. Wichtig ist auch immer das private Netzwerk, dass jeder von uns seit Jahren fleißig pflegt.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?


Fokus! Es ist verlockend hier und da Opportunitäten mitzunehmen, aber ihr dürft nie das übergeordnete Ziel aus den Augen verlieren. Alles, was dich ablenkt und zu viel Zeit in Anspruch nimmt, muss gecuttet werden.

Wo steht Planted in einem Jahr?


Im Sommer 2023 soll unsere Dekarbonisierungs-Software etabliert sein. Hier wollen wir einen echten Mehrwert für den “unternehmerischen Umweltschutz” leisten – unter anderem durch lokale Klimaschutzmaßnahmen, wie die Wiederbewaldung klimastabiler Mischwälder in Deutschland. Dabei soll jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter eine aktive Rolle einnehmen und Verantwortung für ein zukunftsfähiges Morgen übernehmen. Unsere Software wird die Unternehmen auch bei der Auseinandersetzung mit ESG („Environment, Social, Governance“) unterstützen. Unternehmen müssen ihre ESG-Aktivitäten verbessern und transparent reporten. Mit uns an ihrer Seite werden sie dies noch leichter und sichtbarer schaffen.

Reden wir über den Standort Köln. Wenn es um Startups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für Köln als Startup-Standort?


Gute Frage. Berlin sieht sich oft als Nabel der Startup-Welt, was sicherlich auch in vielerlei Hinsicht gerechtfertigt ist – viele sehr gute Talente sitzen in Berlin. Die Startups sind sehr präsent und vor allem stärker im Fokus der VCs, die dort auch mehr vertreten sind. Für Köln spricht: Hier kannst du eine gewisse Zeit unter dem Radar fliegen. Du entwickelst Ideen, nimmst du ausreichend Zeit für die Ausarbeitung und musst nichts schnell übers Knie brechen, um der erste im Markt zu sein. So kannst du die ersten Fehler beseitigen, ohne dass viel Wind darum herrscht.

Was ist in Köln einfacher als im Rest der Republik?


Ganz ehrlich: Da fällt mir spontan leider nicht viel zu ein. Außer, wer es in Köln schafft, hat auf jeden Fall alles richtig gemacht. Köln begreift sich nicht gerade als Startup-Metropole, was bei den Potenzialen und Möglichkeiten sehr schade und ausbaufähig ist. Aber die kölsche Art, frei und offen miteinander umzugehen, wird uns dabei sicherlich helfen.

Zum Schluss hast Du drei Wünsche frei: Was wünschst Du Dir für den Startup-Standort Köln?


Erstens: Unsere Startup-Szene soll weiter wachsen und gedeihen. Ich wünsche mir einen regen Austausch unter den Startups! Der zweite Wunsch geht an das Land NRW: schnellere und einfachere Fördermittel für Gründende! Wir sind die Glücklichen, die sich über das Gründerstipendium freuen durften. Das Stipendium ist eins der wenigen Möglichkeiten, Subventionen zu bekommen. Allerdings dauerte es nach Beantragung über ein Jahr bis wir den Zuschuss bekamen. Eine lange Zeit, gerade in der Gründungsphase. In Ostdeutschland gibt es zum Beispiel deutlich attraktivere Förderungen. Mein dritter Wunsch ist persönlicher Natur: Ich war zuletzt öfters auf Events in Berlin, die von oder für Gründerinnen ausgerichtet wurden. Ich habe so viele spannende und inspirierende Frauen kennengelernt. Für viele Frauen ist Netzwerken oft nicht intuitiv und auch ich musste das erst lernen. Wir sollten uns gegenseitig noch mehr die Hand reichen, uns fördern und uns gegenseitig mitziehen. Ich wünsche mir, dass wir in Köln mehr solcher Networking-Events haben. Um Frauen aktiv zu stärken und sichtbar zu machen.

Durchstarten in Köln – #Koelnbusiness

In unserem Themenschwerpunkt Köln werfen wir einen Blick auf das Startup-Ökosystem der Rheinmetropole. Wie sind dort die Voraussetzungen für Gründer:innen, wie sieht es mit Investitionen aus und welche Startups machen von sich reden? Mehr als 550 Startups haben Köln mittlerweile zu ihrer Basis gemacht. Mit zahlreichen potenziellen Investoren, Coworking-Spaces, Messen und Netzwerkevents bietet Köln ein spannendes Umfeld für junge Unternehmen. Diese Rubrik wird unterstützt von der KölnBusiness Wirtschaftsförderung. #Koelnbusiness auf LinkedInFacebook und Instagram.

KoelnBusiness

Foto (oben): Planted

#Interview – Talentspace: Vom Event-Veranstalter zum Software-Unternehmen

Das Berliner Startup Talentspace, das 2017 an den Start ging, wandelte sich im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie vom Event-Veranstalter zum Software-Unternehmen. “Seit dem Launch unserer Plattform veranstalten wir keine eigenen Events mehr, sondern sind ein reines SaaS-Geschäft: Universitäten, Unternehmen und andere Veranstalter nutzen Talentspace, um ihre eigenen Events und Aktivitäten über unsere Plattform umsetzen”, sagt Gründer Marco Eylert, der das Startup gemeinsam mit Jason Reich und Markus Dücker gegründet hat, zum Pivot.

Anderen Gründer:innen, die vor einem Pivot stehen, rät Eylert: “Seid flexibel und hört darauf, was eure – potenziellen – Kunden wirklich brauchen werden. Es geht weniger darum, dass Ihr eure Ideen verwirklicht, sondern vielmehr darum, etwas zu erschaffen, das mit den Needs eurer Kunden zusammenspielen kann”. Inzwischen wirken 40 Mitarbeiter:innen für das junge Unternehmen, das von 468 Capital, Axel Springer Plug and Play und Avala Capital finanziell unterstützt wird.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Talentspace-Macher Eylert außerdem über Remote Work, oberflächliche Gespräche und die Internationalisierung von Talentspace.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Talentspace erklären?


Mit Talentspace haben wir einen digitalen Raum geschaffen, in dem Arbeitgeber und Bewerber zusammenkommen, sich austauschen und zueinander finden können, und das sogar nachhaltiger, effizienter und zielführender als das bei klassischen Messen und Formaten möglich war. Unsere virtuelle Plattform bietet verschiedene Formate und Funktionen, bei denen die Interaktion im Mittelpunkt steht – und als Konsequenz finden Bewerber durch Talentspace besser einen Job und Unternehmen effizienter die passenden Mitarbeiter.

Hat sich das Konzept, das Geschäftsmodell, in den vergangenen Jahren irgendwie verändert?


Ja, und zwar grundlegend. Wir sind Ende 2017 mit Talentspace gestartet und für die ersten Jahre mit der Organisation von Karriere-Events hauptsächlich analog unterwegs gewesen. Wir haben zwar schon begonnen, klassische Events durch Technologie weiterzuentwickeln, haben diese aber noch selber europaweit umgesetzt. Der erste Lockdown wirkte dann wie ein Brandbeschleuniger für die Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells: Da physische Veranstaltungen ausfallen mussten, haben wir all unsere Insights und Energie in die Entwicklung der Plattform gesteckt.

Was war die größte Herausforderung, was die größte Schwierigkeit bei diesem Wandel?


Die größte Herausforderung war es, unser Geschäftsmodell in kürzester Zeit vom Eventveranstalter zum Software-Unternehmen zu entwickeln – sowohl was die Entwicklung des Produkts, die Weiterentwicklung der Kundenbeziehungen, aber auch die Zusammenstellung des Teams betraf. Für viele Unternehmen war das Benutzen der Plattform erstmal neu, aber wir konnten sie schnell von den Vorteilen überzeugen.

Welchen Tipp gibst du anderen Gründern, die vor einem Pivot stehen?


Seid flexibel und hört darauf, was eure – potenziellen – Kunden wirklich brauchen werden. Es geht weniger darum, dass Ihr eure Ideen verwirklicht, sondern vielmehr darum, etwas zu erschaffen, das mit den Needs eurer Kunden zusammenspielen kann. Versucht daher nicht, eure Idee auf Biegen und Brechen durchzukriegen, sondern seid flexibel und offen für die Zeichen der Zeit. Habt ihr eine Entscheidung erstmal getroffen, dann arbeitet auch daran, diese schnell und konsequent umzusetzen.

Wie genau funktioniert euer Geschäftsmodell jetzt?


Seit dem Launch unserer Plattform im Herbst 2020 veranstalten wir keine eigenen Events mehr, sondern sind ein reines SaaS-Geschäft: Universitäten, Unternehmen und andere Veranstalter nutzen Talentspace, um ihre eigenen Events und Aktivitäten über unsere Plattform umsetzen – und das kann von großen Karrieremessen, internen Mobilitäts-Events bis hin zu Assessment Center oder Firmenpräsentationen alles sein. Unsere Kunden zahlen uns dafür eine jährliche Lizenzgebühr. Wir bieten also im Grunde die technische Infrastruktur dafür, dass Unternehmen und Bewerber sich online kennenlernen können.

Die Corona-Krise traf die Startup-Szene zuletzt teilweise hart. Wie habt ihr die Auswirkungen gespürt?


Der Beginn der Pandemie war schon krass, da wir aus dem offline-Geschäft mit einem Umsatzrückgang von 100 % zu kämpfen hatten. Durch unsere schnelle Reaktion und die Umstellung des Geschäftsmodells auf online, sind wir im ersten halben Jahr aber mit einem blauen Auge ziemlich gut weggekommen. Die Zeit ab Sommer 2020 hatte es dann in sich: Eine Finanzierungsrunde von renommierten VCs, schnelles Wachstum, ein vergrößertes Team und neue Kunden weltweit. Schade war es schon, dass wir die Erfolge nicht gemeinsam feiern konnten, da natürlich auch unser Büro dicht ist. Doch ehrlich gesagt funktioniert das kollektive remote Arbeiten so gut, dass wir unsere Firma mittlerweile auf “Remote-first” umgestellt haben.

Wie ist überhaupt die Idee zu Talentspace entstanden?


Meine Mitgründer und ich kannten Karriere-Events schon aus unserer Uni-Zeit, gruselten uns aber vor den Goodybags und oberflächlichen Gesprächen. Diese Veranstaltungen waren immer ineffizient und am eigentlichen Ziel vorbei, da man kaum Einblicke in die Firmen, Jobs und Karrieremöglichkeiten bekam. Wir wollten eigene Formate durch die Integration von Technologie besser machen und die einzelnen Touchpoints sowohl für die Unternehmen als auch für die Teilnehmer*innen relevanter machen. Damit haben wir dann angefangen.

Wie hat sich Talentspace seit der Gründung entwickelt?


Auch das lässt sich am besten wohl mit dem Pivot im letzten Jahr beschreiben. Während wir in den ersten 2,5 Jahren ein gut wachsendes, profitables Business mit den analogen Events aufgebaut haben, war die Reichweite von offline-Events natürlich begrenzt: so haben wir in der ersten Phase unserer Firma rund 50 Veranstaltungen mit insgesamt 300 Unternehmen und knapp 10.000 Teilnehmern durchgeführt. Das hat sich stark verändert: Allein seit dem Sommer 2020 sind jetzt mehr als 1.600 Unternehmen und über hunderttausend Leute bei Veranstaltungen auf Talentspace miteinander in den Austausch gekommen. Wir helfen durch die Umstellung auf digitale Events also heute schon deutlich mehr Unternehmen und Bewerbern beim Recruiting als jemals zuvor.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist Talentspace inzwischen?


Seit dem Launch im letzten Jahr sind wir dann auch kräftig gewachsen auf mittlerweile knapp 40 Mitarbeiter. Zudem werden wir es in diesem Quartal schaffen, erstmals die siebenstellige Umsatz-Marke zu knacken.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?


Im letzten November haben wir auch einmal die Tücken der digitalen Welt erfahren müssen. Mitten in einem großen Live-Event ging plötzlich nichts mehr und alle Verbindungen brachen weg. Wir hatten zunächst keine Ahnung, was los war und wie wir das Problem schnell fixen konnten – recht schnell erfuhren wir dann auch warum. AWS hatte einen riesigen Ausfall und legte gefühlt das halbe Internet lahm. Da war für uns dann auch wenig zu machen.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?


Wir haben wahrscheinlich vor allem den Mut gehabt, die Pandemie nicht einfach aussitzen zu wollen, um unser offline-Geschäft zu retten. Stattdessen haben wir diese als Chance begriffen, uns auf unsere online-Plattform zu fokussieren und die Entwicklung dieser zu beschleunigen. So sind wir direkt all-in auf die Entwicklung und den Launch der Plattform gegangen. Das hat sich rückblickend echt bezahlt gemacht.

Wo steht Talentspace in einem Jahr?


In einem Jahr wollen wir nicht nur unsere Internationalisierung in die USA weiter vorangetrieben haben, sondern vor allem die erste Anlaufstelle für die Interaktion im gesamten virtuellen Recruitingprozess von Unternehmen werden – also vom Kennenlernen bei Recruiting-Events, über Interviews, Assessment-Center bis hin zum Onboarding.

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Foto (oben): Talentspace

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