#Gastbeitrag
Amerika hat mit SpaceX einen Riesen gebaut, der fast die ganze Wertschöpfungskette kontrolliert. Europa muss daraus nicht den Schluss ziehen, einen vergleichbaren Riesen bauen zu wollen. Ein Gastbeitrag von Daniel Niemi (Atlantic).

Donnerstag, 25. Juni 2026
VonTeam
Der Börsengang von SpaceX hat uns alle in den vergangenen Wochen beschäftigt. Und er hat viele Investoren reich gemacht. Aber die eigentliche Nachricht liegt nicht an der Börse. Sie liegt darin, was SpaceX inzwischen ist: keine Raketenfirma mehr, sondern ein Stück Infrastruktur. Starts, Konnektivität, Rechenleistung, künstliche Intelligenz und Verteidigung wachsen dort zu einer Plattform zusammen. Amerika hat mit SpaceX einen Riesen gebaut, der fast die ganze Wertschöpfungskette kontrolliert. Europa muss daraus nicht den Schluss ziehen, einen vergleichbaren Riesen bauen zu wollen. Die wichtigere Frage ist: Welche Teile dieser Infrastruktur dürfen wir nicht aus der Hand geben?
Eine Antwort darauf entsteht bereits. Nur sieht sie anders aus als in den USA. Europa baut keinen einzelnen Champion, sondern ein Geflecht spezialisierter Firmen. Gründerinnen und Gründer arbeiten an sehr niedrigen Umlaufbahnen, an Mobilität im Orbit, an Lagebildern aus dem All und an Diensten, die daraus verwertbare Daten machen. Ebene für Ebene entsteht so eine europäische Alternative. Nicht jeder Baustein muss national sein. Aber die entscheidenden Schichten dürfen nicht dauerhaft auf fremden Plattformen liegen.
Europa hat sich zuletzt vor allem als Kunde hervorgetan. 2024 überwies die EU rund 180 Millionen Euro, um vier eigene Galileo-Satelliten auf einer Falcon 9 von amerikanischem Boden zu starten. Eine einsatzbereite eigene Rakete fehlte. Nur wer die Leitungen besitzt, bestimmt den Preis und die Bedingungen. Strategische Autonomie lässt sich nicht mieten.
Die Ökonomie ändert sich zu Europas Gunsten. Ein Kilogramm in die niedrige Umlaufbahn kostete zu Shuttle-Zeiten rund 54.500 Dollar. Mit der wiederverwendbaren Falcon 9 sind es noch etwa 2.700. Der Preis ist um 95 Prozent gefallen. Fallende Startkosten öffnen neue Dienste, so wie GPS einst die Navigations-Apps möglich machte. Welche genau, weiß heute niemand. Dass sie kommen, weiß jeder.
Sie entstehen auch in Bahnen, die bislang leer blieben. Zwischen 200 und 300 Kilometern liegt die sehr niedrige Umlaufbahn, sechzig Jahre lang als zu lebensfeindlich verschmäht. Luftwiderstand bremst, atomarer Sauerstoff zerfrisst die Hülle, und ohne ständigen Schub sinkt ein Satellit binnen Monaten zur Erde zurück.
Genau dort wird jetzt gebaut. NewOrbit will dauerhaft in dieser Bahn fliegen und Aufnahmen zwanzigmal günstiger liefern. Das Schweizer PAVE verkürzt mit eigenen Schleppern das Anheben einer Umlaufbahn von Monaten auf unter einen Tag. Das Münchner Vyoma brachte im Januar Europas ersten Satelliten zur Lageaufklärung ins All; er verfolgt Trümmer und fremde Manöver in Echtzeit. Alle drei gehören zum Portfolio von Atlantic. Alle drei haben ein Geschäftsmodell. Alle drei verhandeln mit Kunden.
Zum ersten Mal hat Europa, was amerikanische Firmen längst haben: einen Ankerkunden und Kapital. In Bremen sagten die ESA-Staaten im Dezember 22,3 Milliarden Euro zu, ein knappes Drittel mehr als drei Jahre zuvor. Erstmals geht mehr als eine Milliarde allein an Sicherheit und Verteidigung im Orbit. Ein verlässlicher staatlicher Abnehmer senkt das Risiko für private Geldgeber. Dieser Hebel, nicht der Erfindergeist allein, hat die amerikanische Raumfahrt groß gemacht.
Warum bauen, wenn Mieten billiger ist? Der Einwand liegt nahe. Doch der Börsengang führt vor, wohin Mieten führt. Wer keine eigene Infrastruktur hat, zahlt den Preis des anderen und beugt sich seinen Regeln. Das größere Risiko liegt ohnehin woanders. Es heißt nicht „zu teuer“, sondern „zu zersplittert“. Zwei Dutzend nationale Mittelmaß-Projekte helfen Europa nicht. Es braucht wenige Sieger.
Europa sollte deshalb in Schichten denken, nicht in Flaggen. Eine Handvoll europäischer Firmen kann die entscheidenden Ebenen besetzen: die Umlaufbahn, die Mobilität im All, das Lagebild. Zusammen ergäben sie einen eigenen Stack. Wer ihn besitzt, muss nicht länger in der Rakete eines anderen mitfliegen. Den Start an diesem Freitag holt Europa nicht mehr ein. Die nächste Schicht aber kann uns gehören. Wir bauen daran.
Über den Autor
Daniel Niemi ist Partner bei Atlantic.
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