#Interview
“Hunderte Kleinstädte und Dörfer stehen vor massiven Leerstands- und Überalterungsproblemen”, sagt Daniel Ehlers, Gründer von Heimstatt. Das Startup verbindet deswegen Kommunen mit jungen Familien, die aufs Land ziehen möchten.

Dienstag, 30. Juni 2026
VonAlexander
Hinter Heimstatt aus Potsdam, 2025 von Daniel Ehlers und Leo Gremmer gegründet, verbirgt sich eine „Vernetzungsplattform zwischen Kommunen und Familien für lebendige Quartiere im ländlichen Raum“. Konkret verbindet das Team Kommunen mit jungen Familien, die aufs Land ziehen möchten.
Im Interview mit deutsche-startups.de stellt Gründer Daniel Ehlers die Idee hinter Heimstatt einmal ganz ausführlich vor.
Wie würdest Du Deiner Großmutter Heimstatt erklären?
Hunderte deutsche Kleinstädte und Dörfer stehen vor massiven Leerstands- und Überalterungsproblemen. Nicht nur einzelne Wohnungen, sondern ganze Straßenzüge und Viertel, die keine Bewohner mehr finden. Warum, wo doch ein erheblicher Mangel an Wohnraum in Deutschland beklagt wird? Weil junge Familien dorthin ziehen, wo bereits andere junge Familien sind, und eine entsprechende Versorgung gewährleistet ist. Wo das nicht der Fall ist, ziehen keine hin, bestehende Strukturen verfallen und neue aufzubauen ist unrentabel. Um dieses Problem zu lösen, müsste eine Mindestanzahl an jungen Familien gleichzeitig angesiedelt werden, sodass Bevölkerung, Orte und Strukturen wieder eine klare Zukunftsperspektive erhalten. Diese Koordination – von den Gesprächen mit den betroffenen Kommunen über die Inserierung und Bewerbung leerstehender Viertel, Abstimmung der Mindestzahl an Familien bis hin zu deren Ansiedlung vor Ort – ist Unternehmenszweck der Heimstatt GmbH.
Wie genau funktioniert Euer Geschäftsmodell?
Heimstatt generiert primär auf zwei Wegen Einnahmen. Erstens werden wir von den betroffenen Kommunen monatlich für die Inserierung, zielgruppenspezifische Bewerbung und Koordination ihrer Wiederansiedlungsprojekte bezahlt. Diese Ausgaben können häufig durch Förderprogramme von Land, Bund und EU gedeckt werden. Zweitens erhält Heimstatt eine auf zehn Jahre zahlbare Erfolgspauschale für jede vor Ort angesiedelte Familie – fällig ab erfolgter Ummeldung. Durch das so generierte Steueraufkommen, Kaufkraftzuwachs, staatliche Subventionen und sinkende Leerstandskosten gewinnen die Kommunen deutlich an finanziellem Spielraum. Wir werden also bezahlt, wenn durch unsere Dienstleistung bereits spürbare monetäre Vorteile für die Kommunen absehbar sind.
Wie ist die Idee zu Heimstatt entstanden?
Es gibt seit einigen Jahren eine sehr erfolgreiche NDR-Dokureihe „Mit Mut, Mörtel und ohne Millionen“ über junge Familien, die sich für kleinste Beträge und häufig ohne Rücklagen verfallene Guthäuser in Ostdeutschland kaufen und sie in Eigenregie sanieren. Die Idee fand ich spannend und gleichzeitig unfassbar ineffizient. Einerseits großartig, dass man mit wenig Eigenkapital und Kreditaufnahme Wohnraum erwerben kann, historische Bausubstanz wiederherstellt und die Vorzüge des Landlebens genießen kann. Andererseits war das Projekt auf sehr wenige herausstehende Gebäude begrenzt, änderte an den systemischen Problemen rundherum wenig und war als Massenlösung für das Leerstands- und Demographieproblem ungeeignet.
Wie oder wo hast Du Deinen Mitgründer kennengelernt?
Leo und ich waren beide Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung und kannten uns schon von gemeinsamen Veranstaltungen. Häufig ging es bei diesen um politische Herausforderungen der Zukunft und mögliche Ansätze, um ihnen zu begegnen. Wir haben dabei sehr ähnliche Wertevorstellungen vertreten und kamen überein, dass viele Probleme nicht primär durch den Staat, sondern durch uns alle – also privat und selbstbestimmt handelnde Akteure – gelöst werden könnten. Von diesem Grundkonsens aus war der gedankliche Weg zu Heimstatt nicht mehr weit.
Was waren die größten Herausforderungen, die Ihr bisher überwinden musstet?
Mit den ersten Kommunen in ernsthafte Verhandlungen zu kommen. Unser Ansatz lebt von beidseitigem Vertrauen und Skaleneffekten, die in der Regel erst nach einer längeren Etablierung am Markt entstehen. Das zu etablieren, komplexe Entscheidungsprozesse mitzubegleiten und skeptische Stakeholder zu überzeugen, war daher gerade in den Anfangsmonaten eine enorme Herausforderung und bleibt bis heute eine hohe Hürde für neue Projekte.
Welches Projekt steht demnächst ganz oben auf Eurer Agenda?
Wir freuen uns, zeitnah die ersten Großprojekte bekanntmachen und in die Umsetzung geben zu können. In finaler Verhandlung sind aktuell mehrere Siedlungsprojekte mit einer dreistelligen Zahl an Wohneinheiten und exzellenter Anbindung an die nächstgelegenen Großstädte. Ein Proof of Concept wäre damit in einer ganz neuen Größenordnung erfolgt und würde unsere Verhandlungsposition gegenüber weiteren Kommunen enorm stärken.
Wo steht Heimstatt in einem Jahr?
Unser Momentum aus den letzten Monaten möchten wir beibehalten und die Zahl der teilnehmenden Kommunen maximal ausbauen. Unser Ziel ist es, binnen einem Jahr in jedem ostdeutschen Bundesland mindestens ein erfolgreiches Referenzprojekt vorweisen zu können und in der Fläche einen spürbaren Beitrag gegen Wohnungsnot von Familien und Leerstand auf dem Land leisten zu können. Die Lösung ist längst vorhanden; man muss sie nur systematisch umsetzen!
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