Build 2026: Project Solara soll „Agent-First Hardware“ einläuten. Wo haben wir das nur schon gehört?

Es war, ich glaube, 2017 oder 2018, als ich an dieser Stelle erstmals über Satya Nadellas Suche nach dem nächsten großen Ding geschrieben habe. Das „Next Big Thing“, das Microsoft endlich wieder relevant machen sollte, ausgenommen von Windows und Office, und das wahre Potenzial einer Technologie im produktiven Microsoft-Ökosystem bezeugen sollte. Damals, kurz nach der schmerzhaften Einstellung von Windows Phone, war die Frage noch sehr offen: Was wird es sein? Werden es Foldables, von Project Andromeda bis zum Surface Duo, das definitiv kein Smartphone war? Offenbar nein. KI auf Wearables war das „Next Big Thing“ vor 2 Jahren. Aber Meta und Rayban machen schon Sonnenbrillen, Apple Uhren… Letztes Jahr war es dann KI auf dem PC… bis man Nutzerfeedback nicht länger ignorieren konnte. Und dieses Jahr?

Die nächste große Produktkategorie hat Microsoft nun als neue minimale Betriebssystemplattform namens Project Solara vorgestellt. Der Konzern sieht es als eine Chip-zu-Cloud-Plattform, welche „Agent-First-Devices“ ermöglichen soll. Ein Betriebssystem also für Geräte, die vollständig um KI-Agenten herum aufgebaut sind. Man denke dabei an Geräte wie Motorolas „Project Maxwell“, den Rabbit R1 oder den gescheiterten Humane AI Pin. Microsoft beschreibt Project Solara als Antwort auf eine fundamentale Verschiebung in der Computerwelt. KI soll künftig nicht innerhalb von Anwendungen zum Einsatz kommen, sondern als Agent agieren, den man aufruft. Sprache und Dialog werden zur neuen primären Interaktionstechnologie, anstelle grafischen Benutzerumgebung, die man bedient. Man kommuniziert mit dem Computer so, wie man mit einem Menschen spricht.

Was ist Project Solara?

Project Solara ist keine neue Windows-Version und kein einzelnes Gerät. Es ist eine plattformübergreifende Infrastruktur, bei der das Betriebssystem bewusst „liminal“ gestaltet ist: Es ist auf den Edge-Geräten so schlank wie möglich und verlagert Rechenleistung, Zustand und Intelligenz in die Cloud, natürlich über Azure. Die Geräte fungieren als Fenster in eine verteilte, agentengesteuerte Umgebung.

Die Plattform basiert auf drei Säulen

System

Project Solara setzt auf das Microsoft Device Ecosystem Platform (MDEP), ein auf Android Open Source Project (AOSP) basierendes Betriebssystem für Unternehmen. Hinzu kommen Microsoft Intune für Geräteverwaltung, Entra ID für Identitäten, Windows Hello for Business mit biometrischer Authentifizierung sowie physische Datenschutzsteuerungen wie ein Hardware-Mikrofon-Stummschalter.

Agent

Statt fester Apps passen sich Benutzeroberflächen dynamisch an das jeweilige Gerät, die Bildschirmgröße und die Interaktionsmodalität an – ohne dass Entwickler jede Oberfläche neu bauen müssen. Microsoft nennt dies „Just-in-Time UI“, ein Spektrum das von responsivem Design bis hin zu generativer, KI-erstellter Benutzeroberfläche reicht.

Plattform

Die Plattform ist nicht auf Microsoft-eigene Agenten beschränkt. Unternehmen können eigene Agenten einbinden oder auf Drittanbieter-Agenten zurückgreifen, welche dann direkt mit Diensten interagieren. Ein Agent-Dispatcher und ein Agent-Task-Manager sollen die Koordination mehrerer spezialisierter Agenten automatisieren.

Zwei Konzeptgeräte: Badge und Desk Device

Im Zuge der Build-Konferenz präsentierte Microsoft zwei konkrete Konzeptgeräte, also ein „Smartphone“ und einen „PC“. Den Formfaktor kann man dabei eher als einen Zune MP3-Player und als Google Home Hub beschreiben.

Das portable Badge-Konzept ist eine Neuinterpretation des klassischen Mitarbeiterausweises. Es verfügt über ein Touchdisplay, einen Fingerabdrucksensor, eine seitliche Kamera, ein Mikrofon-Array mit Lautsprecher sowie 5G-, WiFi- und Bluetooth-Konnektivität. Könnte ein Android-Smartphone sein, ist es aber ganz bestimmt nicht. Entwickelt in Zusammenarbeit mit Qualcomm, soll es Außendienstmitarbeiter, Pflegepersonal und andere mobile Berufstätige unterstützen.

Das stationäre Desk-Konzept ist ein kompakter Tischassistent mit Touchscreen, Gesichtserkennung (Hello for Business), UWB-Anwesenheitssensor, Mikrofon-Array und USB-C-Anschlüssen. Der PC neben dem Desktop-PC. Es arbeitet mit MediaTek-CPUs und kann als eigenständiges Gerät, als PC-Begleiter oder über Windows 365 als vollständiger Cloud-PC eingesetzt werden. Bereits Hunderte von Microsoft-Mitarbeitern sollen das Gerät intern bereits testen.

In den kommenden Monaten soll ein externes Pilotprogramm starten, an dem unter anderem AccuWeather, Best Buy, CVS Health, Levi’s und Target beteiligt sein werden.

Einbindung in das Microsoft-365-Ökosystem

Project Solara ist eng mit bestehenden Microsoft-Diensten verknüpft: Microsoft 365 Copilot, Researcher, Facilitator und ein neuer experimenteller „Priority Agent“ sind für die Plattform optimiert. Auch GitHub Copilot und Dragon Copilot (für das Gesundheitswesen) werden als Einsatzgebiete genannt. Entwickler können bereits heute mit Copilot Studio, dem Microsoft 365 Agents SDK und Azure beginnen, Agenten für Project-Solara-Geräte zu bauen.

Das neue Windows Phone?

Project Solara ist Microsofts Vision einer Post-PC-Ära, in der Intelligenz nicht mehr in einer App oder auf einem bestimmten Bildschirm eingeschlossen ist, sondern überall hinkommt, wo Menschen arbeiten. Die Plattform senkt die Hürden für spezialisierte neue Gerätekategorien erheblich, da KI-Agenten einen Großteil der aufwendigen Entwicklungsarbeit übernehmen, die früher für jede neue Geräteklasse nötig war. Microsoft betont, man stehe noch ganz am Anfang.

Die wohl spannendste Frage wird allerdings sein: Was kann Project Solara, was nicht eine (andere) KI-Plattform als App auf meinem Smartphone schon jetzt kann?

Würdet ihr einen KI-Agenten in der Hosentasche von Microsoft verwenden?