Es ist eines dieser Phänomene, über die Windows-Nutzer gerne klagen, ohne genau zu verstehen, warum es passiert: Immer mehr Apps auf Windows 11 sind keine echten Windows-Anwendungen mehr: Sie sind verkleidete Websites. Slack, Spotify, Notion, Discord, Microsoft Teams, neuerdings auch WhatsApp, um nur ein paar populäre Beispiele zu nennen: Allesamt Electron-Hüllen oder WebView2-Konstrukte, die sich wie Webbrowser verhalten und RAM fressen wie ein KI-Rechenzentrum von Microsoft.

Schuld daran sind allerdings nicht zwingend die Entwickler oder gar die Unternehmen, für die sie arbeiten. Es ist nicht die Faulheit der Entwickler oder Investitionsresistenz der Unternehmen. Diese Erklärung wäre allerdings zu bequem für Microsoft und ist schlichtweg falsch.

Ein Unternehmen, das sich selbst nicht vertraut

Die Wahrheit ist unbequemer und trifft Microsoft direkt ins Herz seiner eigenen Plattformstrategie. Ein Entwickler hat es kürzlich in einem viel diskutierten Beitrag auf den Punkt gebracht: Man entwickle keine nativen Windows-Apps mehr, weil Microsoft selbst dem eigenen Ökosystem nicht treu bleibt. Und dieser Vorwurf ist berechtigt.

Man muss sich nur die Liste der Frameworks ansehen, die Microsoft in den letzten Jahrzehnten als „die Zukunft der Windows-Entwicklung“ angepriesen hat: Win32. MFC. WinForms. WPF. Silverlight. WinRT. UWP. WinUI 3. MAUI. Jedes dieser Frameworks wurde irgendwann mit Nachdruck beworben und dann entweder still beerdigt, stiefmütterlich behandelt oder durch das nächste große Ding ersetzt. Wer als Entwickler einmal erlebt hat, wie jahrelange Arbeit durch eine strategische Kehrtwende Microsofts wertlos wird, tut das kein zweites Mal.

Nicht nur Entwickler – auch Nutzer wurden verbrannt

Doch das eigentliche Ausmaß des Problems wird erst sichtbar, wenn man nicht nur auf die Entwickler schaut, sondern auf die Millionen ganz normaler Nutzer, die Microsofts Versprechen geglaubt und dafür bezahlt haben. Mit echtem Geld, Zeit und Vertrauen.

Windows RT war Microsofts erster großer Anlauf, ein schlankes, ARM-basiertes Windows für Tablets zu etablieren. Wer damals ein Surface RT oder Surface 2 kaufte, hielt ein teures Gerät in den Händen, das nur Apps aus dem eigenen Store ausführen konnte und dessen Store von Anfang an halbleer war. Wer es kaufte, musste auf Microsofts Strategie vertrauen. Und Microsoft ließ sie hängen. Erst der Jailbreak viele Jahre später machte die Geräte einigermaßen nutzbar dank Kompatibilität zu ARM-kompilierten Desktop-Programmen. Von Microsoft wurden die Kunden allerdings fallengelassen ohne Upgrade, Rückerstattung oder gar einer Entschuldigung.

Windows Phone und Windows 10 Mobile sind aber wohl die bekanntesten Leichen in Microsofts Keller. Das mobile System aus Redmond konnte im mittleren Osten und Europa bereits mit erheblichen Marktanteilen Fuß fassen, allerdings nie in den USA. Das reichte für Microsoft nicht, obwohl man viele Jahre damit verbrachte, Nutzer und Entwickler zu umwerben. Dank Windows 10 Mobile gab es später die innovative Universal Windows Plattform, die als Zukunft aller Windows-Apps angepriesen wurde und sogar Microsoft selbst investierte noch in dieses Framework. Die OneNote UWP, die Mail-App von Windows 10 und die Anwendungen vieler großartiger Entwickler gaben Hoffnungen: Bis Microsoft 2016 nicht endgültig die Reißleine zog, nur knapp ein Jahr, nachdem man seine letzten Lumia-Flaggschiffe präsentierte. Wer damals ein Lumia kaufte, fiel auf Versprechen einer lebendigen App-Zukunft herein und wurde bitter enttäuscht. Die Plattform wurde einfach eingestellt, was sich für betroffene Nutzer nicht unähnlich anfühlt wie ein Crypto-Rugpull.

Und dann war da noch das Surface Duo. Ein ambitioniertes, teures Dual-Screen-Gerät, das Microsoft als Beginn einer neuen Gerätekategorie anpries. Die Realität war Software-Outsourcing in Rumänien, kaum Android-Optimierungen der hauseigenen Apps und ein recht bald eingestellter Update-Support. Wer über 1.500 Euro für ein Duo ausgegeben hatte, durfte zusehen, wie Microsoft das Projekt still und leise auf Eis legte, ohne jemals das volle Potenzial einzulösen, das so vollmundig versprochen worden war.

Windows RT, Windows Phone, Windows 10 Mobile, Surface Duo – das ist keine Pechsträhne. Das ist ein Muster.

Das Muster ist immer dasselbe: Microsoft betritt früh einen Markt mit großen Worten, ist oftmals rein technisch der Konkurrenz sogar einen Schritt voraus (siehe OpenAI) und gewinnt damit Enthusiasten und risikofreudige Nutzer für sich. Sobald es auch nur für kurze Zeit nicht mehr läuft, gibt man auf. Immer ohne angemessene Übergangslösung, ohne langfristigen Support und gänzlich ohne Kommunikation oder das Eingestehen von Fehlern. Was bleibt, sind enttäuschte Nutzer, die das nächste Mal sehr genau überlegen, ob sie einem Microsoft-Produkt wieder vertrauen wollen.

Apple zeigt, wie es geht

Der Vergleich mit Apple ist hier aufschlussreich, auch wenn er manchem Microsoft-Fan sauer aufstößt. Apple hat über Jahrzehnte hinweg eine konsistente Entwicklungslinie gehalten: Cocoa, AppKit, SwiftUI. Natürlich hat auch Apple Plattformen abgekündigt, man denke an den Classic Mac OS oder an 32-Bit-App-Support. Aber die Art, wie Apple solche Übergänge kommuniziert, plant und begleitet, ist kaum vergleichbar mit dem, was Microsoft Entwicklern und Nutzern zugemutet hat. Das Ergebnis: Auf macOS und iOS dominieren native Apps. Microsofts Outlook für macOS ist deutlich besser als die Windows-App. Auf Windows dominieren Electron-Wrapper. Das ist kein Zufall.

Kommen Microsofts Bemühungen zu spät?

Fairerweise muss man sagen: Microsoft will gegenzusteuern. Angeblich. WinUI 3 wird aktiv gefördert und jetzt soll auch der Konzern selbst wieder in die Qualität von Windows-Apps investieren. Das kündigte der Konzern aber erst vor wenigen Wochen an. Die Realität ist aber, dass Microsoft sein Windows 11-System seit Anfang an mit WebWrapper-Apps wie dem neuen Outlook zumüllt.

Vertrauen lässt sich aber nicht per Pressemitteilung wiederherstellen. Weder bei Entwicklern noch bei Nutzern. Wer einmal auf Windows Phone gesetzt, wer UWP-Apps entwickelt, wer ein Surface Duo zum Vollpreis gekauft hat, wird nicht beim ersten Zeichen der Besserung zurückkehren.

Was Microsoft bräuchte, ist ein Jahrzehnt der Beständigkeit. Eine klare Aussage, welches Framework das eine ist, auf das man setzen soll. Und das Durchhalten dieser Aussage, auch wenn intern die nächste große Idee wartet. Dasselbe gilt für Hardware und Plattformen: Wer neue Gerätekategorien ankündigt, muss bereit sein, sie langfristig zu tragen oder es einfach gleich lassen.