
Drohnen sind für mich immer dann spannend, wenn sie nicht nur bessere Datenblätter liefern, sondern wirklich etwas am Umgang mit dem Gerät ändern.
Mehr Auflösung, längere Flugzeit und ein weiterer Automatikmodus sind nett. Aber am Ende bleibt man oft bei derselben Grundfrage. Wohin fliege ich, wohin zeigt die Kamera und habe ich den richtigen Bildausschnitt erwischt? Genau diese Frage kennt ihr, wenn ihr schon einmal mit einer Drohne unterwegs wart und später gemerkt habt, dass der Flug gut war, der Ausschnitt aber nicht.
Genau da setzt die Antigravity A1 an. Die Drohne kommt aus dem Insta360-Umfeld und bringt eine 360-Grad-Kamera direkt in den Rumpf. Ausprobiert habe ich sie vor allem mit der Frage im Kopf, ob dieses “erst fliegen, später framen” im Alltag wirklich hilft oder nur nach gutem Marketing klingt. Doch fangen wir am Anfang an.

Im Paket stecken Drohne, Vision-Brille, Grip-Controller, Akku, Propeller und das übliche Lade- und Kleinteile-Zubehör. Die A1 ist eine Drohne unterhalb der 250-Gramm-Grenze mit integrierter 8K-360-Grad-Kamera. Zwei 1/1,28-Zoll-Sensoren sitzen oben und unten am Gehäuse und nehmen gemeinsam eine komplette Kugelansicht auf. Die Drohne selbst verschwindet später aus dem Bild, unter anderem durch das einziehbare Landegestell.

Dazu kommt ein Bedienkonzept, das eher nach Spielkonsole als nach Modellflug aussieht. Geflogen wird mit den Vision Goggles und dem Grip-Controller. Die Brille zeigt das Live-Bild, der Controller wird einhändig bewegt.
Man zeigt grob in die Richtung, in die man will, zieht den Abzug und die A1 setzt das um. Blickrichtung und Flugrichtung sind dabei nicht starr gekoppelt. Ist am Anfang ungewohnt, aber genau der Punkt, der die A1 von einer klassischen Kameradrohne unterscheidet. Das Gewicht von 249 Gramm ist wichtig, weil die A1 damit in der EU in der angenehmeren Klasse unterwegs ist. Das macht sie nicht regelfrei, aber deutlich alltagstauglicher als schwerere FPV-Modelle.

Die Flugzeit gibt Antigravity mit bis zu 24 Minuten mit dem Standardakku und bis zu 39 Minuten mit dem größeren Akku an. Wie immer bei Drohnen sind das Idealwerte. Ich würde sie nicht als feste Zusage für euren eigenen Flugtag lesen. Wind, Temperatur, Flugstil und aktive Aufnahme drücken die Werte im Alltag nach unten.

Falls ihr mehrere Flüge an einem Tag plant, solltet ihr zusätzliche Akkus und den Ladehub direkt einplanen. Ein einzelner Akku ist bei so einem Gerät schnell durch, gerade wenn man nach den ersten Clips noch einmal denselben Flug sauberer wiederholen will. Genau das passiert bei 360-Grad-Material schnell. Man sieht später, was möglich gewesen wäre, und will die Route noch einmal sauberer fliegen. Ich bin im Februar schon mit der Drohne geflogen (bei knapp 4 Grad), da war der Akku schnell durch. Zwischendurch hatte ich meine Zweifel, ob die Drohne heil ihren Weg heimwärts schafft, weil sie schon aufgeregt piepte.
Die Einrichtung selbst ist unkompliziert. App laden, Drohne, Brille und Controller koppeln, Firmware prüfen, loslegen. Sinnvoll ist das virtuelle Training innerhalb der App, weil FreeMotion und klassisches FPV-Gefühl im Kopf erst zusammenfinden müssen. Ich würde es auch nicht überspringen. Die A1 ist zugänglich, aber nicht komplett selbsterklärend. Meiner Meinung nach ist das Training hier kein nettes Extra, sondern der kurze Weg zu weniger Stress beim ersten echten Flug.
Fliegen mit der A1
Der erste Flug fühlt sich tatsächlich anders an als bei einer klassischen Drohne. Man setzt die Brille auf und ist sofort stärker im Flug drin. Nicht nur, weil man ein FPV-Bild vor den Augen hat, sondern weil man sich weniger mit der Frage beschäftigt, ob die Kamera gerade perfekt ausgerichtet ist. Die Drohne nimmt ohnehin alles auf. Das hat mich im Test schneller entspannt, als ich erwartet hätte. Dennoch war das alles am Anfang ziemlich ungewohnt.
Der Grip-Controller liegt gut in der Hand. Abzug ziehen, Richtung anzeigen, steigen, sinken, drehen. Nach wenigen Minuten ist klar, was passiert. Das heißt nicht, dass ihr sofort filmreife Flugrouten baut, aber die Hürde ist niedriger als bei einem klassischen FPV-Setup.
Gerade für Leute, die Drohnen spannend finden, aber vor zwei Sticks, Gimbal-Winkel und Flugmodi zurückschrecken, ist das der größte Pluspunkt. Mir hat gefallen, dass ich mich im Flug stärker auf Strecke und Umgebung konzentrieren konnte. Der Gedanke “habe ich den Ausschnitt?” verschiebt sich nach hinten.

Aber die Brille nimmt euch natürlich die direkte Sicht auf die Umgebung. Praktisch und rechtlich bedeutet das, dass ihr einen Beobachter einplanen müsst. Für mich ist das der größte Alltagsdämpfer an der ganzen Idee. Das ist der Punkt, der die schöne Einfachheit direkt wieder etwas erdet. Die A1 wirkt durch ihr Bedienkonzept sehr einsteigerfreundlich, bleibt aber ein Fluggerät. Wer einfach alleine irgendwo losfliegen will, sollte sich vorher sehr genau mit den Regeln und dem eigenen Setup beschäftigen.
Bildqualität und Workflow
Die Kamera nimmt 360-Grad-Material in 8K mit 30 Bildern pro Sekunde auf, alternativ 5,2K mit 60 fps oder 4K mit 100 fps. 8K klingt nach viel, ist bei 360 Grad aber eher die Grundlage. Nach dem Reframing bleibt eben nur ein Ausschnitt übrig. Wer später einen sauberen 4K-Clip haben will, braucht vorneweg diese hohe Auflösung.
Die Bildqualität ist für 360-Grad-Material gut, aber man sollte sie richtig einordnen. Die A1 ersetzt keine klassische Kameradrohne, wenn es um maximale Detailtiefe, Low-Light-Reserven oder den saubersten Einzelbild-Look geht. Bei gutem Licht bekommt man sehr brauchbares Material. Bei Dämmerung oder harten Kontrasten sieht man aber, dass kleine Sensoren und 360-Grad-Workflow Grenzen haben.
Das ist kein Totalausfall, aber man sollte die A1 nicht kaufen, wenn man vor allem nachts oder in schwierigen Lichtsituationen filmen will. Ich würde sie klar als Tageslicht- und Action-Kamera-Drohne einordnen.

Der eigentliche Reiz liegt in der Nachbearbeitung. Mit der Antigravity-App oder dem Studio am Rechner wird der Bildausschnitt später gesetzt. Kameraschwenks, Zooms, Verfolgungen, Tiny-Planet-Looks und Perspektivwechsel entstehen nach dem Flug. Deep Track hilft dabei, ein Motiv im Bild zu halten. Das funktioniert gut, kostet aber Zeit.
360-Grad-Drohnen sind nicht nur “aufnehmen und fertig”. Man muss Lust auf den zweiten Schritt haben. Wer seine Clips sonst direkt aus der Drohne zieht und schnell teilt, wird hier eher arbeiten müssen. Mir macht dieser Teil Spaß, aber er gehört ehrlich in die Kaufentscheidung. Falls ihr Nachbearbeitung eher als Pflichtübung seht, wird euch die A1 schneller nerven. Die Apps nehmen euch aber auch etwas ab. Die AI-Edit-Modi machen automatisch per Templates brauchbare Videos aus euren Aufnahmen und versuchen die wichtigsten Highlights einzubauen. Das funktioniert meist, aber nicht immer.
Beim Flugverhalten merkt man schnell, dass die A1 keine Drohne für harte FPV-Manöver ist. Sie fliegt kontrolliert, zugänglich und eher filmisch als aggressiv. Das passt zum Konzept. Durch das geringe Gewicht wirkt sie handlich und bleibt regulatorisch interessant. Bei Wind merkt man aber auch schneller, dass hier keine schwere FPV-Kiste in der Luft liegt.
Die Stabilisierung fängt viel ab, Wunder vollbringt sie aber nicht. Ich würde die A1 deshalb eher für saubere Bewegungen nehmen als für hektisches Durchballern. Und genau da hat sie für mich auch ihren besten Sweet Spot.
Spannend ist, dass Antigravity die A1 per Firmware weiter ausgebaut hat. Neben den vorhandenen Sicherheitsfunktionen wie Payload Detection kamen mit dem April-Update unter anderem eine omnidirektionale Hinderniserkennung und ein Bypass-Modus dazu. Statt nur zu stoppen, kann die Drohne Hindernisse also auch umfliegen.
Dazu kommen Sky Path für geplante Routen, Timelapse-Funktionen auf Routen, Sprachsteuerung für bestimmte Modi und Spielereien wie ein virtuelles Cockpit. Nicht alles davon braucht jeder, aber es zeigt, dass die Plattform nach dem Start nicht stehen geblieben ist.
Vergleich zur DJI Avata 360
Benny hatte sich im Blog bereits die DJI Avata 360 angeschaut. Der Vergleich ist naheliegend, aber nicht ganz eins zu eins. Ihr solltet beide Geräte nicht nur über die 360-Grad-Kamera vergleichen, sondern über den Flugcharakter.
Die DJI ist mit knapp 600 Gramm deutlich schwerer, wirkt dadurch stabiler im Wind, verliert laut Bennys Test aber auch spürbar an Wendigkeit. Scharfe Richtungswechsel, abrupte Stopps und enge FPV-Manöver brauchen mehr Voraussicht.
Genau diese Schwäche hat die A1 in der Form weniger, weil sie unter 250 Gramm bleibt und stärker auf einfachen, geführten Flug ausgelegt ist. Dafür ist sie bei Wind nicht so stabil wie die schwerere DJI.
Technisch fährt DJI beim Kamerasystem teilweise auch härter auf. 1-Zoll-8K-360-Grad-Imaging, wechselbares Kameramodul, 120-Megapixel-Fotos und ein deutlich günstigerer Einstiegspreis.
Benny nannte aber auch Punkte, die man einkalkulieren muss. Sichtbares Rauschen bei schwachem Licht, viel Datenmaterial, Nachbearbeitungspflicht, lautes FPV-Surren, warme Elektronik und in seinem Test keine automatische Bremsung bei frontalem Hindernisflug. Bei der A1 bleiben Low-Light, große Datenmengen und der 360-Grad-Schnittaufwand ebenfalls Thema.
Die Punkte Gewicht, Agilität und Hindernisvermeidung wirken bei Antigravity aber anders. Leichter, einsteigerfreundlicher und seit dem Update mit breiterer Sensorik. Die DJI ist also mehr eine robuste FPV-Drohne mit 360-Kamera, die A1 eher wie eine 360-Content-Drohne mit FPV-Bedienung.
Das Fazit
Die Antigravity A1 ist keine Drohne für jeden. Wer möglichst günstig fliegen will, schaut woanders. Wer maximale Kameraqualität ohne 360-Grad-Umweg sucht, ebenfalls. Und wer klassisches, aggressives FPV-Fliegen lernen will, bekommt mit einer Avata- oder Selbstbau-Lösung wahrscheinlich das passendere Werkzeug.
Die Stärke der A1 liegt woanders. Sie nimmt viel Kamera-Stress aus dem Flug, macht FPV zugänglicher und erlaubt Perspektiven, die man mit einer normalen Drohne nur mit deutlich mehr Planung hinbekommt. Dafür bezahlt man mit hohem Einstiegspreis, Nachbearbeitungsaufwand, schwächerer Low-Light-Performance und der praktischen Einschränkung durch die Brille beziehungsweise den nötigen Beobachter.
Für mich ist die A1 deshalb weniger die “beste Drohne”, sondern eine sehr spezielle Drohne mit einem klaren Zweck. Erst fliegen, später entscheiden, was der Clip eigentlich zeigen soll. Wenn genau das in den eigenen Workflow passt, ist sie richtig spannend. Wenn man einfach nur schöne Luftaufnahmen ohne viel Nacharbeit will, bleibt eine klassische Kameradrohne die vernünftigere Wahl.
P.S.: Antigravity und Insta360 haben kürzlich das neue Projekt ETERNAL zur digitalen Konservierung von Denkmälern vorgestellt.
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