Kindle Scribe Colorsoft im Test: Amazons buntes E-Ink-Tablet zwischen Notizblock und Lesegerät

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Mit dem Kindle Scribe Colorsoft schickt Amazon nun das erste E-Ink-Tablet mit Farbdisplay ins Rennen, das gleichzeitig E-Reader und digitaler Notizblock sein möchte. Auf dem Papier klingt das nach der eierlegenden Wollmilchsau für alle, die viel lesen, gerne handschriftlich Notizen machen und dabei keine Lust auf das ständige Gewusel eines iPads haben. Ich habe das Gerät jetzt eine Weile im Alltag begleitet.

Design und Verarbeitung

Der vielleicht größte Sprung gegenüber dem letzten Scribe betrifft die Optik. Der breite, asymmetrische Rahmen ist Geschichte, das 11-Zoll-Display sitzt nun mittig im Gehäuse und macht das Tablet auf den ersten Blick deutlich gefälliger. Mit rund 400 Gramm und 5,4 Millimetern Bauhöhe ist das Gerät außerdem leicht und dünn genug, um es längere Zeit in einer Hand zu halten. Auch über Kopf zu lesen ist möglich, bei der Größe aber immer noch unhandlich.

Die Unibody-Rückseite aus Aluminium fühlt sich wertig an, die mattierte Front hat eine angenehm leicht raue Oberfläche. USB-C unten, Power-Button rechts direkt über dem magnetisch haftenden Stift: Ergonomisch geht das alles in Ordnung. Ich hätte den Stift aber lieber auf der Oberseite gehabt, da er mich beim Hochkant-Halten des Gerätes etwas stört. Wenn ihr das Gerät in den Rucksack packt, müsst ihr den Stift ohnehin separat lagern, da der Magnet logischerweise nicht so stark haftet.

Das Display

Das aufgebohrte Kaleido-3-Panel ist der eigentliche Star des Geräts. Im klassischen Schwarzweißmodus liefert das Display einen knackigen Kontrast und eine Schrift, die wirklich nah an gedrucktem Papier liegt. Auch in direkter Sonne bleibt alles ablesbar, das Frontlicht regelt sich automatisch und sauber. Hier muss man im Alltag praktisch nichts justieren.

Bei Farben muss man dagegen die Erwartungen anpassen. E-Ink-Farben sind systembedingt eher gedämpft, und auch der Colorsoft macht da keine Ausnahme. Ein oranger Marker wirkt eher bräunlich, satte Comic-Panels verlieren etwas an Wucht. Für Zeitungen, Graphic Novels mit reduzierter Palette oder farbliche Hervorhebungen in Notizen reicht es aber locker. Ich habe leider keinen Konkurrenten wie das reMarkable-Tablet hier, um zu vergleichen. Felix beschrieb es in seinem Test aber ähnlich. 

Wer also damit leben kann, dass die Farbe eher wie auf bedrucktem Zeitungspapier wirkt, bekommt ein sehr stimmiges Lesegefühl. Wer hingegen digitale Kunst erstellen oder farbgewaltige Manga genießen möchte, ist hier falsch.

Schreiben auf dem Gerät

Beim Schreiben zeigt der Colorsoft, warum es sich überhaupt lohnt, ein solches Spezialgerät zu kaufen. Die Reaktionszeit von 14 Millisekunden, die leicht raue Oberfläche und das aufgebohrte Quad-Core-SoC sorgen für ein flüssiges, direktes Schreibgefühl. Es kratzt minimal, der Strich erscheint ohne spürbare Verzögerung, und der Stift braucht weder Akku noch Kopplung. Eine Seite schreibt, die andere radiert, dazu eine frei belegbare Taste – mehr nicht. Einfach, aber vollkommen ausreichend.

Im Alltag eignet sich das Gerät besonders gut für PDFs. Dokumente landen per Send-to-Kindle in der Bibliothek und lassen sich direkt mit Anmerkungen versehen, ausfüllen oder durchstreichen. Selbst Kreuzworträtsel und Arbeitsblätter kann man damit bearbeiten. Das Ganze geht etwas besser von der Hand als auf dem iPad, weil man dort immer eine App starten muss.

Notizbücher lassen sich aus 30 Vorlagen zusammenstellen, und zwar seitenweise gemischt, bspw. zuerst freie Notizen, dann eine To-do-Liste, dann liniertes Papier. Gute Sache.

KI-Funktionen – Muss nicht unbedingt sein

Amazon spendiert dem Scribe eine ganze Reihe an KI-Werkzeugen. Handschrift glätten, Notizen zusammenfassen, eine durchsuchbare KI-Suche über alle Notizbücher hinweg – das alles ist direkt ins System integriert und spart den Umweg über externe Tools.

Die Ergebnisse sind in Ordnung, aber kein großer Sprung. Die Qualität der KI-Suche hängt stark von der Sauberkeit der eigenen Handschrift und der Fragestellung ab. Manchmal trifft sie gut, manchmal liest sie irgendwelchen Kauderwelsch. Ich würde diese Funktionen daher eher als praktische Dreingabe einstufen, nicht als Kaufgrund. Obendrein wird bei den KI-Funktionen, natürlich die Cloud bemüht. Für Local-First-Freunde ist das Tablet also ohnehin nix.

Sonst so?

Lasst mich das Ökosystem noch kurz erwähnen. Amazon legt einem nahezu jede Datei in den eigenen Walled Garden, inklusive etlicher Pflichtzustimmungen bei der Einrichtung. Der Export einzelner Notizseiten ist umständlich, weil das System gleich das ganze Dokument verschickt und das auch noch per Download-Link statt direkt als Datei. Auch die interne Sortierung von Büchern, PDFs und Notizen wirkt etwas hemdsärmelig. Sammlungen funktionieren nur eingeschränkt und eine richtig saubere Ordnerstruktur fehlt. Wer will, kann das Gerät mit Google Drive, Microsoft OneDrive oder OneNote verbinden. Wäre schön, wenn man auch einfach einen WebDav-Server einbinden könnte.

Eine Stärke des Gerätes ist der Akku. Amazon verspricht bis zu acht Wochen Lesezeit oder zwei Wochen Schreibzeit, und auch wenn man bei intensiver Nutzung deutlich darunter landet, bleibt das Gerät tagelang ohne Steckdose nutzbar. Spannender ist für mich aber der Fokus-Aspekt. Keine Apps, keine Notifications, keine Hintergrundgeräusche. Wer sich vom iPad oder Laptop dauerhaft ablenken lässt, wird hier zur Ruhe gezwungen, und genau das ist ein Vorteil.

Mein Fazit

Der Kindle Scribe Colorsoft macht vieles richtig. Schickes Design, schnelles Schreibgefühl, ein wirklich gutes Display und eine sinnvolle Mischung aus E-Reader und Notizblock. Im Alltag machte er sich beim Ausprobieren wirklich gut.

Gleichzeitig muss man aber auch feststellen, dass nicht alles so rosig ist. Mit 649 Euro für die 32-GB-Variante und 699 Euro für die 64-GB-Option ist der Spaß teuer. Die Farben sind dezent, der Export holprig, und Amazons Ökosystem-Klammer drückt manchmal etwas fest. Wer hauptsächlich Romane lesen möchte, fährt mit einem Paperwhite günstiger. Wer hauptsächlich zeichnen oder produktiv mit gemischten Dokumenten arbeiten will, ist beim iPad besser aufgehoben.

Für die richtige Zielgruppe, und das sind vermutlich notizverliebte Vielleser, die ihren Schreibtisch entrümpeln möchten, gerne in Farbe annotieren und mit dem Amazon-Kosmos leben können, ist der Colorsoft aber das aktuell rundeste Farb-E-Ink-Tablet auf dem Markt. Bei Kindles lohnt sich ohnehin immer der Blick in die Prime-Day-Angebote.

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