Personalberater Tim Oldiges: „Es ist ein Irrtum, dass die besten zukünftigen Führungskräfte ausschließlich von Elite-Unis kommen“


Gorodenkoff/Shutterstock

Viele setzen beim Wirtschaftsstudium auf renommierte Universitäten. Ein Abschluss dort bringe zwar ein gutes Netzwerk, garantiere jedoch nicht, dass jemand später beruflichen Erfolg habe, sagt Personalberater Tim Oldiges.

Das Curriculum der Universitäten ähnele sich – und von ihrem Fachwissen würden Berufstätige im Job später sowieso nur fünf bis zehn Prozent anwenden. Wichtiger sei es, seine Motivation, Neugier, Begeisterungsfähigkeit oder den Umgang mit Komplexität zu schulen.

„Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Dies ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, so der Headhunter. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden. Für viele eigne sich etwa ein duales Studium sogar eher.

Das Credo vieler Wirtschaftsstudentinnen und Wirtschaftsstudenten lautet seit jeher: besser an einer der Universitäten mit klingenden Namen studieren als an einer Allerweltshochschule. Ein Bachelor aus Mannheim, Köln, St. Gallen oder der WHU in Vallendar wäre das Kreuzass im Lebenslauf, glauben viele.

Nach Ansicht von Experten wie dem Personalberater Tim Oldiges ist dies jedoch falsch. Der 41-jährige Inhaber der HR-Firma Headgate sucht Top-Führungskräfte für deutsche Mittelständler mit mehr als 1000 Mitarbeitern und kennt sich mit Biografien aus. Er sagt: „Es ist ein Irrtum, dass die besten zukünftigen Führungskräfte ausschließlich von Elite-Unis kommen.“

Tim Oldiges. ©STERN GMBH AGENTUR FÜR KOMMUNIKATION

Oldiges berichtet von einem Professor an der Stanford University in Kalifornien, einer der amerikanischen Elite-Schmieden, der eine interessante Erfahrung gemacht hat. Der Mann stellte seinen Kurs bei einer Online-Universität allen Interessierten zur Verfügung. Und plötzlich saßen nicht nur 100 oder 200 Studenten im Hörsaal, sondern ihm lauschten Tausende Interessierte aus der ganzen Welt.

Während der Zugang zur Stanford Universität hoch kompetitiv ist und die Studierenden (mit Ausnahmen) dort sehr hohe Studiengebühren berappen, mussten die freien Studierenden keine Eingangskriterien erfüllen. Sie zahlten für ihren Kurs bei Udacity, einer von einem ehemaligen Google-Manager gegründeten Weiterbildungsplattform, lediglich einen kleinen Betrag. „Dann ließ der Professor die beiden Gruppen eine Klausur schreiben. Das Ergebnis überraschte: Der beste Hörsaal-Besucher landete mit seiner Klausur auf Platz 413. Ganze 412 Allerweltsstudierende hatten mehr Punkte als die Stanford-Elite“, erzählt Oldiges.

„Die intelligentesten Studenten kamen also nicht von der Elite-Uni. Ein Abschluss dort garantiert auch nicht, dass jemand später beruflichen Erfolg hat“, ist Oldiges überzeugt. Die Lehrpläne an deutschen Fakultäten für Betriebswirtschaftslehre (BWL) würden sich ohnehin grundsätzlich ähneln, aber auf das Curriculum käme es auch gar nicht an „Wer später ein großes Team Hunderter Mitarbeitern führt, benötigt ganz andere Kompetenzen als einen bestimmten Kurs in Marketing.“

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Dies seien vor allem acht Eigenschaften, nach denen er im Gespräch mit Bewerbern gezielt suche. Dazu gehörten zum Beispiel Intelligenz, intrinsische Motivation, Neugier, gute Kommunikation, Begeisterungsfähigkeit oder der Umgang mit Komplexität. Von ihrem Fachwissen dagegen würden Berufstätige im Job später nur fünf bis zehn Prozent anwenden. Die Mär, dass jemand, der bei den großen Wirtschaftsberatern, bei Goldman Sachs oder den oberen Etagen der Dax-Unternehmen, landen möchte, sich zwingend bei den Spitzenreitern der Uni-Rankings einschreiben müsse, sei dennoch verbreitet.

Manche der Elite-Unis kosten bis zu 60.000 Euro pro Jahr

Die WHU (Otto Beisheim School of Management), die Frankfurt School of Finance and Management oder St. Gallen sowie die Universität Mannheim lägen seit Jahren hoch im Kurs bei BWL-Studenten. Das seien zweifelsohne gute Hochschulen, sagt Oldiges, aber ein paar seien eben auch privat und daher sehr teuer. Manche kosteten bis zu 60.000 Euro pro Jahr und pflegten sorgsam den Ruf, dass dort wahlweise Industrielle, Startup-Millionäre oder Top-Manager ihre Töchter und Söhne hinschicken in der Hoffnung, die „richtigen“ Leute kennenzulernen.

„Da bleibt man unter sich und pflegt das Netzwerk“, sagt der HR-Experte. Dieses Netzwerk dürfe man nicht unterschätzen. Die Verbindungen hielten weit über das akademische Leben hinaus. „Aber niemand kann garantieren, dass dieses Netzwerk später auch dabei hilft, ein Unternehmen erfolgreich zu führen.“

Anstatt sich auf Rankings zu fokussieren, rät Oldiges Studierenden aber, folgende Fragen zu stellen: „Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich?“ Denn eines sei klar: „Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Dies ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, so der Headhunter. „Wir sind alle verschieden und benötigen daher unterschiedliche Dinge, um im Studium wie im Berufsleben zu reüssieren.“ Es wäre ja irrwitzig, wenn bei der Breite an Talenten, an Persönlichkeiten sowie der Biografien nur ein Weg für alle passen würde, so Oldiges. „Dennoch wünschen sich viele den einen Experten, der sagt, wie es geht, und einen klaren Weg vorgibt. Der Wunsch nach Orientierung ist sehr groß bei jungen Menschen.“

Was heißt das jetzt für Abiturienten, die einen Abschluss in Wirtschaft anstreben, sei es in BWL, im Bereich Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen oder einem der vielen anderen Studiengänge in diesem Bereich? Für viele von ihnen sei ein praktisch orientierter Studiengang, etwa an einer Berufsakademie oder ein duales Studium passend. Denn dort würden Theorie und Praxis verbunden und der Berufsstart falle vielen leichter, ist Oldiges überzeugt. „Dieser Weg bietet Orientierung und Anleitung, Feedback innerhalb von praktischen Phasen im Studium.“

Zugang zu vielen Elite-Unis: hohe Hürde für normale Familien

Ein wichtiger Punkt sei auch, dass bei der Wahl einer teuren privaten Universität, besonders auch in den USA, der Druck auf die Studierenden sehr groß sei. „Diese Unis sind Gelddruckmaschinen, die mit viel Marketing den elitären Nimbus nähren. In meiner Zeit in Kalifornien sagte mir ein amerikanischer Professor, dass er seine Tochter nicht an eine der Elite-Unis schicken würde. Der Druck sei zu groß.“

Nicht jeder junge Mensch mit einer noch nicht ausgereiften Persönlichkeit sei dem gewachsen. Es ginge an diesen Hochschulen hoch kompetitiv zu. Zu dem Leistungsdruck komme dann noch der Stress, es um jeden Preis schaffen zu müssen – da ja die Eltern so viel Geld für das Studium hinlegen würden. „Wer unter großem Druck steht, hat keinen Spaß. Aber wir wissen aus der Hirnforschung, dass man besonderes gut lernt, wenn etwas Spaß macht. Das gilt für Kinder, Jugendliche sowie für Erwachsene“, so der Personalberater. Auch hier gelte es abzuwägen, wie resilient ein junger Mensch schon ist. Der Zugang zu vielen Elite-Unis sei eine hohe Hürde für normale Familien, sagt Oldiges.

Eine gute Initiative findet Oldiges, dass es inzwischen gute lokale Kooperationen zwischen Universitäten und Hochschulen mit den Unternehmen vor Ort gebe. „Es gibt Studierende, die wollen in der Nähe ihres Heimatortes bleiben. Für sie ist eine solche Hochschule sehr gut geeignet, da bereits Kooperationen mit Firmen vor Ort bestehen.“ Die Universität Gießen und die Technische Hochschule Mittelhessen sind ein Beispiel für eine solche regionale Kooperation.

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Oldiges befürwortet die Demokratisierung des Wissens und den freien Zugang zur Bildung. Dies habe viele Vorteile. Daher hält Oldiges auch die klassisch angebotenen privaten MBA-Abschlüsse (Master of Business Administration) für diskussionswürdig. „Da zahlt man 50.000 Euro für den Abschluss, aber es ist viel Wissen frei verfügbar, und wesentliche Dinge, die man über Entrepreneurship erfahren sollten, sind nicht Teil des Lehrplans.“

Ebenfalls wesentlich sei es, Teamplayer auszubilden. Aufgrund der Komplexität der Probleme brauche man Menschen, die in Teams arbeiten könnten. „Der Einzelkämpfer mit dem Superwissen hat ausgedient“, sagt er. Es brauche heute viele verschiedene Player, die ihre Talente zusammenbringen, um in der Wirtschaft nachhaltig erfolgreich zu sein.



„Aufstehen, Karriere machen“

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Business Bullshit: „Wer Phrasen verbreitet, glaubt nicht wirklich daran. Und wer sich das ständig anhören muss, auch nicht“

Getty Images

Anstatt Klartext zu reden, versuchen Manager mit leeren Phrasen häufig über Tatsachen oder Unsicherheit hinwegzutäuschen.

In seinem neuen Buch „Business Bullshit“ hat der Wirtschaftsjournalist Jens Bergmann die 100 schlimmsten Phrasen und Blasen von Managern zusammengestellt.

In sechs Kapiteln analysiert er die Funktion und die Bedeutung all dieser Begriffe.

Die Arbeitswelt ist voll mit leeren Phrasen und Worthülsen. Bei der „Performance“ gibt es noch „Luft nach oben“. Die Quartalszahlen sind zwar im Keller — trotzdem ist das Unternehmen „gut aufgestellt“. Führungskräfte rufen ihre Mitarbeitenden gerne dazu auf, endlich ihre „Komfortzone“ zu verlassen. Nach Möglichkeit sollten diese aber trotzdem auf ihre „Work-Life-Balance“ achten. Sonst wäre ja der ganze Ansatz von „New Work“ im Eimer.

Jens Bergmann, Wirtschaftsjournalist und stellvertretender Chefredakteur des Magazins „brand eins“, wird täglich mit Manager-Sprech wie diesem überhäuft. In seinem neuen Buch „Business Bullshit“, das im Dudenverlag erschienen ist, entlarvt er alle Phrasendrescher. Dafür hat er die 100 schlimmsten Worthülsen, die durch die Arbeitswelt geistern, zusammengefasst — und deren Bedeutung analysiert. Ein paar davon stellen wir euch nun vor.

Zwei Unternehmen, ein Gedanke

Business Bullshit kommt in vielen Bereichen zum Einsatz. Es eignet sich hervorragend, um Unschönes zu beschönigen, sich wichtig zu machen, geschäftig zu wirken, Geld zu verdienen oder um um Tatsachen herum zu schwadronieren. „Am schlimmsten ist dieser Gutfirmensprech und die damit verbundene Weltenretter-Attitüde“, sagt Bergmann.

Denn Manager tun gern mal so, als würde ihnen nichts mehr am Herzen liegen als das Allgemeinwohl. Das klassische Geld-Geschäft scheint zweitrangig. Stattdessen wollen sie mit ihrer Firma lieber die Welt verbessern. In der Praxis liegt der „Corporate Purpose“ (höhere Zweck eines Unternehmens) dann meist darin, irgendeinen „Mehrwert“ für jemanden zu schaffen — für den Mitarbeitenden, den Kunden, die Umwelt oder gleich die ganze Gesellschaft.

Wirtschaftsjournalist Jens Bergmann analysiert in seinem Buch 100 Phrasen deutscher Manager.
Wirtschaftsjournalist Jens Bergmann analysiert in seinem Buch 100 Phrasen deutscher Manager.
Stefan Ostermeier

Wer einfach gängige Floskeln zu „Werten“ zusammensetzt, darf sich allerdings nicht wundern, wenn sich die erklärten Leitbilder mit denen anderer doppeln. Bergmann nennt dafür zwei Beispiele in seinem Buch. So schreibt die Firma Henkel auf ihrer Website: „Nachhaltig Werte schaffen ist unser Unternehmenszweck, der alle bei Henkel vereint.“

Blöd nur, dass offenbar auch die Timm Fleisch- und Wurstmanufaktur GmbH in Oberhausen dieses höhere Ziel zu verfolgen scheint. Denn auch hier heißt es, „Nachhaltig Werte schaffen“ sei „der Unternehmenszweck, der alle bei der Timm Fleisch- und Wurstmanufaktur GmbH vereint.“

Was für eine Strategie?

Unternehmenslenker nutzen leere Phrasen auch gerne, um über die eigene Inkompetenz hinwegtäuschen. „Strategie steht ganz hoch im Kurs“, sagt Bergmann. „Jeder Top-Manager, der etwas auf sich hält, behauptet eine zu haben — während man sich in Wahrheit nur durchwurschtelt.“ Obwohl Manager regelmäßig mithilfe schicker Power-Point-Präsentationen versuchen ihrer Belegschaft glaubhaft zu vermitteln, einen Plan zu haben, wissen laut einer Untersuchung von Harvard Business Review bis zu 95 Prozent aller Angestellten nicht, welche Strategie ihr Unternehmen eigentlich fährt — oder verstehen sie schlichtweg nicht. „Business Bullshit schafft ein Scheinverständnis von Sachverhalten“, sagt Bergmann. „Und führt deshalb in die Irre.“

Das geht soweit, dass manche Phrasen überhaupt keinen Sinn mehr ergeben. Da ist dann von „zentralen Eckpfeilern“ die Rede. Oder davon, in punkto Agilität „gut aufgestellt“ zu sein. Das steht in einem Widerspruch. „Entweder ich bin agil oder gut aufgestellt“, sagt Bergmann. Denn Agilität bedeutet im Grunde nichts anderes, als seine Aufstellung ständig zu verändern. So manche Führungskraft nimmt sich auch gewöhnliche Wörter und packt sie in einen ungewöhnlichen Zusammenhang. Statt Wasser „setzen“ Manager dann Prozesse neu „auf“. Wirtschaftsgrößen „rollen“ auch nicht den Teig, sondern vielmehr Technik oder globale Geschäfte „aus“.

Warum Manager reden, wie sie reden

Das Paradoxe: „Derjenige, der den Bullshit verbreitet, glaubt nicht wirklich daran“, sagt Bergmann. „Und die, die sich das ständig anhören müssen, auch nicht.“ Trotzdem sind ganze Abteilungen in Unternehmen damit beschäftigt, diesen ständig in die Welt zu kommunizieren.

Bergmann hat in seinem Buch dafür eine simple Erklärung: Die gesellschaftlichen Anforderungen an Unternehmen steigen. Sie sollen möglichst sorgsam mit der Umwelt umgehen, ihre Belegschaft gut behandeln, andere nicht ausbeuten. Weil diese Ansprüche aber schwer mit den geltenden Spielregeln des Kapitalismus vereinbar sind, greifen Manager diese meist nur rhetorisch auf. „Man ändert nicht wirklich etwas“, sagt Bergmann. „Behauptet das aber.“ Heraus kommt Business Bullshit.

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Titelbild „Aufstehen, Karriere machen“

Nun betrifft dieses Phänomen nicht nur Manager. Politiker und Verbandsmitglieder bedienen sich genauso mal an leeren Phrasen wie Sportler, Promis, Kirchenvertreter, Wissenschaftler, Coaches, Journalisten oder ganz normale Angestellte. „Grade für diejenigen, die keine Ahnung haben aber trotzdem irgendetwas sagen wollen, eignet sich dieser Jargon besonders gut“, sagt Bergmann. Deswegen begegnen wir auch ständig und überall dieser Art von Begriffen. Unternehmen und die, die sie führen, sind aber laut dem Autor die unangefochtenen Spitzenreiter, wenn es um die Verbreitung von Business Bullshit geht.

Was verwundert: Dass Manager durch alle Branchen hindurch den gleichen Sprachmüll fabrizieren. Denn eigentlich streben Unternehmen danach, sich von ihren Wettbewerbern zu unterscheiden. Trotzdem dreschen sie überall die gleichen Phrasen. In bestimmten Bereichen ist man für Business Bullshit allerdings dann doch etwas anfälliger als in anderen. „Unternehmensberater tragen zum Beispiel besonders dazu bei“, sagt Bergmann. Denn im Grunde bestehe ihr Job darin, mit modischen Begriffen zu handeln und den zu beratenden Kunden zu suggerieren, dass man den Durchblick habe. Das heißt dann Big Picture“, sagt Bergmann.

Zwischen Schein und Sein

Business Bullshit dient dazu der Öffentlichkeit ein makelloses Firmenimage zu präsentieren, während es im Inneren oft mächtig brodelt. Das heißt aber nicht, dass man jeden täuschen kann. „Die Mitarbeiter wissen, dass die Wirklichkeit oft nicht so aussieht, wie es im Nachhaltigkeitsbericht steht“, sagt Bergmann. Die breite Öffentlichkeit bekommt von den Lügen mancher Manager immer mal wieder durch publikumswirksame Skandale etwas mit.

Wer privat auf einen Schwafler trifft, kann diesen auch leicht entlarven — indem er ihn zum Beispiel höflich fragt, was er unter dem Begriff „Blockchain“ eigentlich genau versteht. „Viele Manager verwenden gern angesagte Begriffe wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder DNA, ohne deren Bedeutung zu kennen oder sich auch nur dafür zu interessieren“, sagt Bergmann. Oder aber man fragt, wie die Phrase „Am Ende des Tages“ gemeint ist. Bedeutet das heute Abend? Oder nächste Woche? Oder nie?

Die Konsequenz aus Business Bullshit ist, dass bestimmte Wörter so inflationär gebraucht und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden, dass man sie irgendwann nicht mehr verwenden kann. „Wenn alle von New Work oder Agilität reden, verlieren diese Begriffe irgendwann jede Bedeutung“, sagt Bergmann. Das ist deswegen problematisch, weil die Werte und Wünsche, die hinter dem Business Bullshit stehen, ja häufig wichtig und ehrenvoll sind.

Der Ansatz des „New Work“ zum Beispiel stammt ursprünglich von dem Philosophen Frithjof Bergmann. Mitte der 70er Jahre entwickelte er ein Konzept, das versuchte das Prinzip der Arbeit umzudenken. Die Erwerbsarbeit wird demnach reduziert, damit sich der Mensch selbst verwirklichen kann. Heute macht jeder “ New Work“ der einen Tischkicker in der Büroküche stehen hat.

Ähnlich verhält es sich mit der Nachhaltigkeit: Ein Begriff aus der Forstwirtschaft, der im Ursprung bedeutete, nicht mehr Bäume abzuholzen als nachwachsen können. Die ökologische Bewegung hat den Begriff weitergetragen. Mittlerweile hat vom Tabakunternehmen bis zum Autobauer jedes Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht.

Mehr Klartext aus den Managementetagen zu hören, wäre also nicht nur erfrischend, sondern auch höchst sinnvoll. Diesen zu reden ist für Manager aber ziemlich riskant. Denn mit der Mode zu gehen bedeutet Sicherheit. Niemand gibt gerne zu, dass sein Unternehmen so gar nicht agil ist. Da ist man lieber „gut aufgestellt“ — vielleicht mit noch ein bisschen „Luft nach oben“.

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Mehr Gehalt? Diese steuerfreien Extras sind deutlich lukrativer — für euch und euren Chef

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Mehr Gehalt? Diese steuerfreien Extras sind deutlich lukrativer — für euch und euren Chef

  • Profielfoto Franziska Telser
Getty Images
  • Die Corona-Krise hat den Arbeitsmarkt verändert. Eine Gehaltsverhandlung mit dem Chef zu führen ist gerade schwer.
  • Anstatt über eine Gehaltserhöhung könnt ihr aber über steuerfreie Extras mit eurem Chef verhandeln.
  • So sind zum Beispiel Jobticket, Yoga oder Dienstwagen häufig für beide Seiten lukrativer.

Die Corona-Krise wirbelt die Arbeitswelt durcheinander. Laut einer Prognose des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) wurde für 10,1 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeit beantragt. Viele sind froh, wenn sie ihren Job überhaupt behalten können. Es ist gerade nicht die allerbeste Zeit, um über Gehalt zu verhandeln. Jetzt über Geld reden? Eher nicht.

Dabei muss es gar nicht immer die Gehaltserhöhung sein. Ein Chef kann seine Mitarbeiter auch mit Sachleistungen belohnen. Das hat für beide Seiten Vorteile. Denn viele dieser Leistungen sind steuerlich begünstigt oder komplett befreit. Das heißt: Im Gegensatz zur Gehaltserhöhung müssen wir oft keinen Cent davon abgeben.

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Das kann sich rechnen. Denn laut dem Bund der deutschen Steuerzahler verdienen wir netto von jedem Euro nur 46,3 Cent. Der Rest fließt über Steuern und Sozialabgaben an den Staat. Spendiert der Chef dagegen Sportkurse, unser Handy oder eine Bahncard, dann bringt uns das deutlich mehr.

Weil auch das Unternehmen davon profitiert, sind Personaler bei steuerfreien Extras oft verhandlungsbereiter als bei einer Gehaltserhöhung. Zumal diese aufgrund der Corona-Krise wohl auf unbekannte Zeit eher schwierig sein wird. Gute Fachleute sollten trotzdem angemessen belohnt werden. Möglich ist dabei vieles.

Hier haben wir euch 15 Möglichkeiten für steuerfreie Extras zusammengestellt.

Mit diesen 15 steuerfreien Extras solltet ihr in die nächste Gehaltsverhandlung gehen

Mit diesen 15 steuerfreien Extras solltet ihr in die nächste Gehaltsverhandlung gehen

  • 1. Darlehen

    Stiftung Warentest kann uns unser Arbeitgeber bis zu 2600 Euro komplett steuer- und sozialabgabenfrei leihen. Fällt der Kredit höher aus, muss dieser mit dem marktüblichen Zinssatz  und dem gezahlten Effektivzins versteuert werden. Dazu kommt es aber nur, wenn der monatliche Zinsvorteil 44 Euro übersteigt.

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  • 2. Kitabeiträge

    3. Betreuung Angehöriger

    Wenn ihr euch zu Hause um euer Kleinkind oder eure Mutter kümmern müsst, kann euch auch hier euer Arbeitgeber finanziell unter die Arme greifen. Bis zu 600 Euro im Jahr darf euer Unternehmen laut Stiftung Warentest auf euer Gehalt steuerfrei draufpacken, damit ihr einen Pfleger oder einen Babysitter bezahlen könnt. Das gilt allerdings nur bei Notfällen, zum Beispiel wenn der Mitarbeiter kurzfristig am Sonntag arbeiten muss.

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  • 4. Notebook

    5. Bahncard

    6. Gesundheitsförderung

    7. Fortbildung

    Wer gute Arbeit leisten will, muss sich regelmäßig fortbilden. Für die Kosten sollte grundsätzlich euer Chef aufkommen. Ihr könnt mit ihm aber auch aushandeln, dass er die Kosten für euer Masterstudium oder einen Intensivsprachkurs übernimmt. Steuerfrei bleibt das allerdings nur, solange es einen Bezug zu eurer Arbeitsstelle oder einem Positionswechsel gibt. Ansonsten liegt laut Stiftung Warentest steuerpflichtiger Arbeitslohn vor.
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  • 8. Elektroautos

    9. Reisen

    10. Jobticket

    11. Dienstwagen

    12. Sachleistungen

    13. Firmenrente

    14. Urlaub

    15. Beteiligungen

    Dieser Artikel erschien bei Business Insider bereits im Juli 2020. Er wurde nun geprüft und aktualisiert.

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Aktuelle News

Toxische Professionalität: Wie es das Arbeitsklima vergiftet, wenn Schwächen und Fehler nicht sichtbar sein dürfen


duchic/Shutterstock

Möglichst perfekt sein, keine Fehler machen, private Sorgen zu Hause lassen: Das traditionelle Bild von professionellem Verhalten lässt menschliche Züge noch immer außer Acht.

Das muss sich ändern, sagt Anja-Simone Michalski, Programmleiterin beim De Gruyter-Verlag. Der Wunsch nach Professionalität sei oft nur der Versuch, etwas zu kontrollieren, das nicht immer kontrolliert werden kann – oder sollte.

Michalski schlägt eine neue Professionalität vor, in der Menschen mit all ihren Facetten und Schwächen auf der Arbeit sichtbar werden dürfen. Dies schaffe eine neue Fehlerkultur und erleichtere nebenbei Berufsanfängern den Start.

Professionelles Verhalten ist die Eintrittskarte in den Traumjob, so lernen es junge Erwachsene. Die Professionalität kann wie ein Schutzschild wirken, der die vermeintlich fehlerhafte Menschlichkeit überdeckt. Glücklich werden Arbeitnehmende so aber nicht, kritisiert Anja-Simone Michalski, Programmleiterin im De Gruyter-Verlag. Und Unternehmen dient die professionelle Maske auch nicht: Fehler bleiben unentdeckt, fehlende Qualifikationen werden versteckt und deshalb gar nicht erst aufgebaut. So wird die toxische Professionalität zur Gefahr für die Zusammenarbeit in Teams und den Erfolg der Firma.

Michalski schlägt eine neue Professionalität vor, eine modernere, die besser zu den Menschen passt. Und von der Mitarbeitende und Organisationen gleichermaßen profitieren. Im Gespräch mit Business Insider erklärt sie, was sie damit meint.

Frau Michalski, Sie beklagen „toxische Professionalität“. Worum geht es dabei?

In meinen ersten Berufsjahren dachte ich, ich darf auf keinen Fall Fehler machen. Es darf niemand sehen, wenn ich irgendwas nicht gut kann. Oder, dass ich auch mal unsicher bin. Dazu kamen Fragen aus dem privaten Leben: Was mache ich eigentlich, wenn es mir mal nicht so gut geht? Wenn es zu Hause nicht gut läuft? Wenn ich einen Trauerfall in der Familie habe? – Wie viel davon darf ich mit zur Arbeit bringen? Wie viel davon dürfen vielleicht auch meine Kundinnen und Kunden oder mein Netzwerk sehen?

Wie haben Sie sich diese Fragen beantwortet?

Ich habe mich anfangs bemüht, möglichst wenig davon zu zeigen – obwohl ich dafür wirklich nicht der Typ bin. Aber ich dachte, das gehört zum professionellen Auftreten dazu. Je älter ich werde, desto mehr finde ich das toxisch. Am Anfang des Berufslebens denken wir, wir müssen diesen ganzen Katalog an Anforderungen erfüllen. Aber das schaffen wir nicht.

Was ist Professionalität?

Für mich hat sich das, was „Professionalität“ bedeutet, im Lauf meines Berufslebens immer wieder verändert. Ich glaube, das geht sehr vielen Menschen so. Viele denken am Anfang der Karriere, dass Professionalität vor allem bedeutet, Schwächen nicht zu zeigen. Aber in der Debatte um New Work und Neue Arbeit taucht mittlerweile auch immer wieder die Vorstellung auf, als ganzer Mensch zur Arbeit zu kommen. Das bricht eher traditionelle Professionalitätskonzepte auf.

Sie benutzen den Begriff #newprofessionalism. Wie sieht diese Neue Professionalität in Ihrem Team aus?

Als Teamleiterin schätze ich es, wenn Menschen auch mal sagen: „Ich kann das nicht. Ich brauche an dieser Stelle Hilfe“. Oder: „Ich habe heute keinen guten Tag. Kann jemand anderes das Protokoll schreiben? Ich bin heute nicht aufmerksam genug.“ Oder: „Mir ist ein Fehler passiert, können wir darüber reden?“ Das ist alles so viel besser, als wenn jemand ständig versucht, Schwierigkeiten zu verstecken. Für mich steckt in diesem offenen Umgang mit den eigenen Schwächen die eigentliche professionelle Leistung. Zur Professionalität sollte es auch gehören zu sagen: „Ich kann die nächsten zwei Wochen wahrscheinlich nicht so gut arbeiten, weil das Kind zu Hause ist. Wieder mal, weil wir es wegen Corona nicht in die Kita bringen können.“

Warum fällt das den Menschen gerade am Beginn des Berufslebens so schwer?

Weil sie unsicher sind. Sie starten in die Arbeitswelt und finden Schablonen vor. Die erste Schablone ist das Anforderungsprofil, auf das sie sich bewerben. Benannt ist nur die Rolle, der Mensch soll dann hineinpassen. Gleichzeitig haben Berufsanfängerinnen und Berufsanfänge eine schlechte Verhandlungsposition. Sie wollen rein in das Unternehmen. Sie wollen gemocht werden. Sie wollen wirken, als seien sie perfekte Kandidatinnen und Kandidaten für den Job.

Dann erschwert das traditionelle Bild von Professionalität auch für Führungskräfte den Einstellungsprozess?

Ja. Ich kämpfe in Bewerbungsgesprächen oft damit, überhaupt die Person zu greifen zu bekommen, die da eigentlich vor mir sitzt. Dabei gelingt es mir inzwischen ganz gut, mich mit den Menschen zu verbinden. Das muss man aber ganz aktiv machen. Sonst sind vor allem junge Bewerberinnen und Bewerber ständig damit beschäftigt, zu erzählen, was sie alles können – und bloß nicht zuzugeben, an welchen Stellen es noch nicht so gut läuft. Sie wollen den Eindruck erwecken, alles zu können, jede Anforderung der Stellenausschreibung zu erfüllen. Und werden sie gefragt, was ihre Schwächen sind, dann antworten viele immer noch brav: Perfektionismus.

Diese professionellen Rollen sind nicht neu. Warum sind sie überhaupt entstanden?

Sie erfüllen eine Funktion. Wenn Menschen die Anforderungsprofile für Bewerberinnen und Bewerber schreiben, dann wissen sie, was sie idealerweise brauchen. Sie wollen eine Lücke im Team oder gleich im Organigramm des Unternehmens füllen. Wer so genau sagt, was er oder sie sich wünscht, sagt auch: Ich will mich auf etwas verlassen können.

Klingt eigentlich ganz gut.

Ja. Aber in der Realität geht die Rechnung nie vollständig auf. Wann immer ich jemanden auf eine freie Stelle in einem Team setze, bleibt Raum für Überraschungen. Aber wir meinen, wenn wir möglichst viel Perfektion verlangen, dann könnten wir die Kontrolle über künftige Interaktionen und die Entwicklung einer Person im Unternehmen vorgeben. Das ist eine Illusion.

Was genau passiert bei der toxischen Professionalität im Unternehmen?

Ob wir toxische Professionalität an den Tag legen oder nicht, entscheidet zum Beispiel darüber, wie wir mit unvorhergesehenen Situationen umgehen. Ein riesiges Projekt stellt sich als schwieriger heraus, als alle dachten. Prozesse geraten ins Stocken. Das passiert regelmäßig und überall. Wer dann toxisch professionell agiert, Fehler vertuscht, eigene Schwächen nicht mit in die Rechnung nimmt, wird solche Situationen nicht gut lösen können und das Ding an die Wand fahren. Bewegen wir uns in einem toxisch professionellen System, ist es schwieriger, Fehler und Überforderung zuzugeben oder Ideen noch einmal neu zu besprechen, zurückzunehmen oder zu modifizieren.

Wie geht es besser?

Wenn ich mich nicht toxisch-professionell verhalte, kann ich sagen: „Super Aufgabe! Das interessiert mich – aber ich brauche begleitend vielleicht ein Sprachtandem mit einer Kollegin aus den USA.“ Diese Offenheit trägt die Handlungsfähigkeit der Organisation. Und denken wir an die menschliche Komponente, dann können wir mit einem neuen Verständnis von Professionalität bestenfalls verhindern, dass Menschen ausbrennen, weil sie den Mut haben, rechtzeitig über ihre Grenzen zu sprechen.

Wie wirkt sich toxische Professionalität auf die Menschen aus?

Ein Beispiel: Jemand hat einen Trauerfall im Freundeskreis. Bei falsch verstandener Professionalität würde die Person vielleicht versuchen, sich nichts davon anmerken lassen. Die Wahrscheinlichkeit, seelisch gesund zu bleiben, wird das bei den meisten Menschen allerdings nicht erhöhen. Diese Form von toxischer Professionalität macht weder Personen noch die Unternehmen, in denen sie arbeiten, resilient.

Mit der Abkehr von der klassischen Professionalität ändert sich etwas, das über eine sehr lange Zeit konstant war. Warum eigentlich?

Heute können die Menschen selbstbewusst sagen: So nicht. Wir müssen uns nicht mehr alles abverlangen. Das liegt sicher auch an der Digitalisierung, an der hohen Vernetzung. Und generell an einer höheren Bereitschaft zu Jobwechseln.

Wie können wir die Kultur der toxischen Professionalität ändern?

Jede und jeder in einer Organisation kann sich fragen, mit welcher Haltung wir unseren Kolleginnen und Kollegen begegnen. Wie interagieren wir? Freue ich mich bei Fehlern insgeheim, dass sie Gott sei Dank nicht mir passiert sind? Taktiere ich gegen andere, setze ich Ellenbogen ein? Oder bin ich nett, wohlwollend, unterstützend? Diese Entscheidung können wir alle jeden Tag und immer wieder aufs Neue treffen.

Wenn jemand morgen anfangen will, die Kultur der toxischen Professionalität in einer Organisation aufzulösen: Was ist der erste Schritt?

Geh‘ mit der Person Mittagessen, bei der du am ehesten das Gefühl hast, mit ihr in einem unguten Konkurrenzverhältnis zu stehen. Wenn du dich für ein kooperatives Miteinander starkmachen willst, dann sprich offen darüber. Sprecht darüber, wie ihr gemeinsam einen guten Job machen könnt. Für das Unternehmen oder für ein Projekt. Führungskräfte können ebenfalls gute Impulse setzen. Sagt deutlich: Ich honoriere nicht die Person, die unter Einsatz der Ellenbogen nach oben kommt. Honoriert kooperatives, faires Verhalten. Diese Haltung verlange ich mir als Führungskraft ab – das Gleiche erwarte ich auch von anderen.

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