Anthropic hat dieser Tage ein neues Add-in für Microsoft Word in die Beta gebracht: Claude erscheint als Sidebar neben dem Dokument, kann Texte entwerfen, überarbeiten und formatierungsschonend bearbeiten. Ganz genau so, wie man es von Microsofts eigenem Copilot kennt. Claude schreibt Kommentare und teilt Kontext sogar mit der Integration für Excel und PowerPoint, was selbst Microsofts eigenes Produkt bislang nicht kann.

Vorsprung schmilzt

Es war Microsoft, das mit seiner milliardenschweren und anfangs exklusiven Partnerschaft mit OpenAI und der Integration von ChatGPT in Bing, Teams und Office den Startschuss für das KI-Wettrennen gab. Anfang 2023 wirkte der Konzern wie ein Vorläufer und aufgrund des technischen Vorsprungs von OpenAI uneinholbar. Copilot sollte der Beweis werden: Microsoft hatte, nachdem man Messenger, Handhelds, Tablets, Foldables und natürlich Smartphones verschlafen hatte, diesmal auf das richtige Next-Big-Thing gesetzt: Microsoft, die KI-Company.

Fast drei Jahre später sieht die Welt ganz anders aus: Google hat Gemini tief in Android, Chrome und die gesamte Workspace-Suite eingebettet. Apple hat mit Apple Intelligence eine plattformübergreifende KI-Schicht gebaut, die nahtlos in iPhone, iPad und Mac greift. Beide Konzerne besitzen das, was Microsoft fehlt: eine eigene Endgeräte-Plattform mit Milliarden aktiver Nutzer und die Möglichkeit, KI dort exklusiv und tief zu verankern.

Microsoft hat den Windows-PC. Doch die Geschichte zeigt, wie begrenzt dieser Vorteil ist. Das Scheitern der innovativen UWP-Plattform nach dem Ende von Windows 10 Mobile ist ein mahnendes Beispiel: Als Microsoft versuchte, mit einem geschlossenen App-Ökosystem eine kontrolliertere Plattform aufzubauen, liefen Entwickler und Nutzer davon. Windows blieb, was es immer war, offen, fragmentiert und schwer zu kontrollieren. Eine Stärke in vieler Hinsicht, aber definitiv keine bereite Basis für Exklusivität.

Offenheit als Pflicht, nicht als Tugend

Genau hier liegt das strukturelle Dilemma, das Claudes Einzug in Word so aufschlussreich macht. Microsoft muss seine Plattform öffnen. Nicht aus strategischer Großzügigkeit, sondern weil Windows anders nicht funktioniert. Office-Add-ins, API-Zugänge, Drittanbieter-Integrationen: Das ist kein Zugeständnis, sondern ein das Geschäftsmodell von Windows. Und so landet Claude ganz legal und komfortabel in Word, Excel und PowerPoint, parallel zum Copiloten und vermutlich sogar mit besserem Angebot.

Anthropic hat das geschickt genutzt. Die neue Integration unterstützt neben dem direkten Claude-Konto auch Verbindungen über Amazon Bedrock, Google Vertex AI oder Microsoft Foundry, also ausgerechnet auch die Cloud-Infrastruktur der Wettbewerber. Unternehmen, die bereits auf Azure setzen, können Claude über Microsofts eigene Dienste einbinden. Gewiss sogar ironisch: Microsoft stellt die Infrastruktur für die KI seiner Mitbewerber zur Verfügung, während Nutzer auf Microsofts Plattform die KI aus Redmond sogar bewusst meiden.

Abgesehen von der sogar im Vergleich zum Copiloten durchdachten Integration, kann die Claude Beta für Word allerdings nicht viel mehr als jeder andere Textgenerator auch: Texte schreiben, zusammenfassen und überarbeiten.

Microsoft ist nicht aus dem Rennen. Copilot ist tief in Microsoft 365 integriert, hat Zugriff auf den Microsoft Graph, also E-Mails, Kalender, Dokumente und genießt in Unternehmensumgebungen noch einen Heimvorteil durch bereits bestehende Verträge und Compliance-Strukturen. Den Plattformschutz, welcher allerdings so tief in moderne Smartphone-Systeme implementiert ist, durch exklusive Appstores, unveränderbare Browser-Engines oder eben exklusive KI-Schnittstellen, genießt Microsoft unter Windows allerdings nicht. Dementsprechend müsste der Konzern mit dem Produkt punkten, denn Nutzer haben schon gezeigt, dass sie mit der aufdringlichen Copilot-Integration nicht zufrieden sind, während zugleich die Tür für Alternativen weit offen bleibt.